Auf und davon! Verreisen, weg von der Arbeit und Neues erleben! Alljährlich ergreift die Bürger das Fernweh. Also packt man Kind und Kegel und zieht los.

Eher neueren Datums ist dabei die Tatsache, dass bei der Suche nach Erholung, Entspannung und Abenteuer ein mehr oder weniger schlechtes Gewissen im Gepäck mitreist. Denn das Ursprüngliche zu suchen, sich aber zugleich an dessen Zerstörung zu beteiligen ist eine zwiespältige Erfahrung – und lässt Ferienhungrige zunehmend Ausschau halten nach umweltverträglichen Angeboten.

Bereits 2001 hat eine Studie an der Uni Bern ergeben, dass viele Reisende bereit wären, einen Mehrpreis für umweltschonende Ferien zu zahlen. Und dass «grüne» Ferien im Kommen sind, spüren auch die Reiseveranstalter. «Zurzeit ist es noch ein Nischenmarkt, doch nachhaltiges Reisen nimmt stark zu», sagt etwa Peter Brun, der Mediensprecher von Kuoni. Ähnlich klingt es bei M-Travel und Tui.

Es scheint, als wolle kein Anbieter den «grünen» Zug verpassen. Viele kommerzielle Veranstalter, aber auch Uno, EU und Nichtregierungsorganisationen haben in den letzten Jahren in den nachhaltigen Tourismus investiert. Sie haben Standards und Gütezeichen eingeführt, bieten spezielle Reiseprogramme an oder zeichnen besonders umweltfreundliche Unterkünfte aus (siehe nachfolgende Box «Wegweiser»).

Nur die Koordination ist zu kurz gekommen. Das Resultat ist ein kaum durchschaubarer Dschungel an «grünen» Auszeichnungen, durch den sich die Konsumenten mühsam hindurchschlagen müssen.

Ein schwieriges Unterfangen. Gemäss dem Internet-Informationsportal Destinet gibt es weltweit fast 70 Labels für nachhaltige touristische Angebote. Sie kennzeichnen Betriebe, die besonders sparsam mit Wasser umgehen, Abfall vermeiden, erneuerbare Energien einsetzen, besonders faire Arbeitsbedingungen bieten oder auf regionale Herkunft der Lebensmittel achten. Inhalte und Vergabekriterien sind aber derart uneinheitlich und oft intransparent, dass sich die Labels kaum vergleichen lassen und manchmal selbst Anlass zu Verwirrung geben.

Der «Steinbock» etwa, ein bekanntes Öko-Gütezeichen für Schweizer Unterkünfte, zeichnet die Leistungen der Betriebe in den Bereichen Umwelt, Management, Wirtschaftlichkeit, Soziales und regionale Wertschöpfung nach einem Punktesystem aus. Unabhängige Auditoren vergeben maximal fünf Steinböcke pro Gaststätte. Nur: Was den Gast konkret erwartet, lässt sich an dieser Zahl nicht ablesen. Der eine Betrieb investiert vielleicht stark in ökologische Aspekte, der andere setzt mehr auf gute Arbeitsbedingungen – unter dem Strich erhalten beide gleich viele Steinböcke. Der genaue Blick in den Prospekt bleibt dem Interessierten also nicht erspart.

Ein Haus mit drei Steinböcken kann sich zusätzlich als «Ökohotel» zertifizieren lassen. Als solches muss es 13 Kriterien erfüllen: etwa ein Umweltleitbild, einen Umweltverantwortlichen haben oder eine Energiebuchhaltung führen. Auch die Verwendung von Recycling-Toilettenpapier und die «genaue Dosierung der Reinigungs- und Waschmittel» gehören zu den Anforderungen – nicht aber die Solaranlage oder eine Wärmepumpe für die Energieerzeugung.

Wegweiser ohne klare Richtung

Die Kriterien seien bewusst weit gefasst, sagt Thomas Allemann, Leiter Wirtschaft und Recht bei Hotelleriesuisse. «Ein Unternehmer muss auch die Freiheit haben, Schwerpunkte selber zu setzen.» Zurzeit tragen 31 Hotels die Auszeichnung – aber nur zwei werben mit dem Label auf ihrer Website. Es bestehe eben «immer die Gefahr, dass der Gast meint, mehr Ökologie bedeute weniger Komfort», erklärt Beat Anthamatten, Chef des «Ferienart Resort & Spa» in Saas Fee und Pionier des «grünen» Angebots. Mehr Gäste bringe ein Ökolabel jedenfalls noch nicht. Und dass die Reiseveranstalter sich dem Anliegen nicht verschliessen, dürfte eher am gesellschaftlichen Druck liegen als an Überzeugungen. Greenwashing, also grüne Imagepflege, sei verbreitet, sagt Christine Plüss, Geschäftsleiterin des Arbeitskreises Tourismus und Entwicklung in Basel.

Trotz allen Einwänden: Es gibt einige allgemeine Anhaltspunkte, wonach der Laie die Spreu vom Weizen im Label-Dickicht trennen kann. Am glaubwürdigsten sind Labels, die ihre Standards transparent machen und von unabhängiger Stelle zertifiziert und kontrolliert werden. Die inhaltliche Beurteilung dagegen hängt von den Prioritäten des Konsumenten ab. «Im Prinzip», sagt Christine Plüss, «muss jeder selber entscheiden, was ihm wichtig ist, und die Gütezeichen, auf die er achten will, entsprechend auswählen.»

Dass die Menge an Labels mehr Verwirrung stiftet denn Klarheit schafft, haben inzwischen auch ihre Schöpfer bemerkt. Rund 50 Institutionen, Regierungsorganisationen und Reiseanbieter haben sich zum sogenannten Tourism Sustainability Council verbunden, um einen weltweit einheitlichen Standard zu schaffen. Parallel haben sich rund 450 Reiseveranstalter dem von der englischen Reisebranche initiierten Label «Travelife» angeschlossen, etwa Kuoni und M-Travel. Sie verzichten im Gegenzug auf die bisher verwendeten eigenen Labels. Zwar sind die Travelife-Standards noch eher bescheiden, die Kriterien werden aber laufend weiterentwickelt. Zudem bietet Travelife den Konsumenten wenig direkten Nutzen, die Informationen unter www.travelife.eu richten sich in erster Linie an Anbieter.

Fernab von Labels gibt es einige Faustregeln, wie sich Ferien umwelt- und sozialverträglich gestalten lassen. Nach dem Motto «CO2-Ausstoss vermeiden ist besser, als ihn zu kompensieren» bietet es sich aus ökologischer Sicht an, nahegelegene Ziele ins Auge zu fassen: Europa statt Südsee, Bahn statt Flieger. Wer zudem Wert darauf legt, dass die Bevölkerung im Gastland auch wirklich vom Tourismus profitiert, kauft lokale Produkte und zahlt faire Preise. Voraussetzung ist, dass man sich über das Gastland informiert hat und als Individualtourist unterwegs ist. Und für Pauschaltouristen gilt ohnehin: Label beachten.

Sieben Beispiele für Labels, die die Kri­terien von Visit, der europäischen Initia­tive für nachhaltigen Tourismus, erfüllen.

RTEmagicC_Tourismus_EU-Blume.jpg.jpgEuropäisches Umweltzeichen («EU-Blume»): Label der EU-Umweltkommission für umweltfreundliche Produkte, unter ­anderem auch Unterkünfte, die ihren Strom­bedarf mindestens zur Hälfte mit ­erneuerbaren Energiequellen decken. www.eco-label.com

RTEmagicC_Tourismus_Nordischer-Schwan.jpg.jpgNordischer Schwan: Skandinavisches ­Label für nachhaltigen Konsum, das auch Hotels und Jugendher­bergen in Dänemark, Island, Nor­wegen, Finnland und Schweden aus­zeich­net, die ein langfristiges Umweltprogramm umsetzen. www.svanen.nu (schwedisch/englisch)

RTEmagicC_Tourismus_Welle.jpg.jpgBlaue Flagge: zeichnet weltweit Sport­boot­häfen und ­Badestellen mit besonders guter Wasserqualität und vorbildlichem ­Abfallmanagement aus. www.blueflag.org

RTEmagicC_Tourismus_Oesterreicheszeic.jpg.jpgÖsterreichisches Umwelt­zeichen: Staatliches Label für Unter­künfte, die einen hohen ­Umweltstandard garantieren. www.umweltzeichen.at

RTEmagicC_Tourismus_Tourismmo.jpg.jpgLegambiente Turismo (Grüner Schwan):  Gütesiegel für um­weltfreundlich geführte ­Unterkünfte sowie See- und Meerbäder in Italien. www.legambienteturismo.it (italienisch)

RTEmagicC_Tourismus_greenkey.jpg.jpgGrüner Schlüssel: Internationales Label für besonders umweltschonend und ­gesundheitsbewusst geführte ­Feriendomizile in 14 vorwiegend europäischen Ländern. www.green-key.org (englisch)

Weitere Infos


  • Liste «grüner» Labels: www.destinet.eu/...

  • Labelführer unter www.labelinfo.ch

  • Eine Auswahl besonders empfehlenswer­ter Labels unter www.ecotrans.org/

  • Zahlreiche Tipps und Hintergrundinfos zu verantwortungsvollem Reisen unter
    www.fairunterwegs.org

  • Zusammenschluss «fairer» Reise­unternehmen mit entsprechenden Angeboten: www.forumandersreisen.de

  • Für umweltfreundliches Logieren in der Schweiz: «Der andere Hotel­führer» von Sabine Reichen. Rotpunktverlag, ­4. Auf­lage, 2009, 464 Seiten, Fr. 42.90