Am 18. April traf in der Kompogas-Anlage im bernischen Utzenstorf ungewöhnliche Fracht ein: eine Tonne Bananenschalen, die auf ihre Umwandlung in Biogas warteten. Es waren die Überreste von 25'000 Bananen, die gleichentags von den Läuferinnen und Läufern des Grand Prix von Bern verspeist worden waren. Eine Tonne Bananenschalen ergibt Treibstoff für etwa 1000 Kilometer Autofahrt – in etwa die Strecke, die die Organisatoren während der «schönsten zehn Meilen der Welt» im Auto zurücklegen.

Doch Biogas und Abfalltrennung zum Trotz schafft es der Grand Prix von Bern in einer Studie des WWF Schweiz zur «Umweltperformance von Grossveranstaltungen» nicht in die Kategorie «Champion», sondern rangiert lediglich unter den «Herausforderern». «Ein Abfallkonzept allein reicht nicht, es braucht ein umfassendes Umweltkonzept», sagt Damian Oettli vom WWF Schweiz.

Fussball und Eishockey: Null Umweltkonzept

«Sag, wie hältst dus eigentlich mit der Umwelt?», wollte die Naturschutzorganisation von den Veranstaltern grosser Events in den Bereichen Sport und Kultur wissen. Die Frage nach Sinn oder Unsinn der Anlässe – Kunstschnee für Freestyler im September oder Beachvolleyball in den Bergen – liess man bewusst aus: «Wir haben uns entschieden, die Grundvoraussetzungen nicht in Frage zu stellen», sagt Damian Oettli (siehe Interview weiter unten).

Stattdessen fragte der WWF, ob die Teilnehmer der Anlässe den öffentlichen Verkehr nutzen, ob Ökostrom verwendet wird und das Verpflegungsangebot auch biologische und vegetarische Produkte umfasst. Punkten konnten zudem Anlässe, die ihre Treibhausgas-Emissionen kompensieren. Je nach Umweltengagement dürfen sich die Anlässe nun mit dem Prädikat «Champion» oder «Herausforderer» schmücken – oder müssen mit der Einstufung als «Nachzügler» vorliebnehmen.

Klarer Sieger bei den Sportveranstaltungen ist der Engadin Skimarathon, ein «Umweltpionier», wie der WWF lobt. Besonders angetan ist die Umweltorganisation davon, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf dem Netz der Rhätischen Bahn gratis reisen, dass die gefahrenen Autokilometer der OK-Mitglieder über Sponsoren CO2-kompensiert werden – und vom Einsatz wassersparender Duschköpfe. Schon fast selbstverständlich sind da der Ökostrom und die Lebensmittel aus fairem Handel, auf die die Veranstalter setzen.

Die Verpflegung spielt auch bei der Auszeichnung des Lucerne Marathon als «Champion» eine wichtige Rolle: 85 Prozent der dort verkauften Produkte sind vegetarisch und damit ökologischer als fleischhaltige. Damit sei die erst dreijährige Veranstaltung ein «Vorzeigeanlass», lobt der WWF.

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Am anderen Ende der Skala bei den Sportveranstaltungen findet sich – neben zahlreichen anderen – ein Event, der auf den ersten Blick durchaus das Zeug zum Vorzeigeanlass hätte: der SlowUp, bei dem an 14 Orten in der ganzen Schweiz über 400'000 Menschen Velo fahren. Die Kritik der Studienverfasser: «Ein Konzept mit Eckwerten zu Ressourcenverbrauch und Umweltschutzmassnahmen hat SlowUp nicht.» Immerhin werde ein Abfall- und Verpflegungskonzept erarbeitet.

Gar kein Thema ist Ökologie in Fussball und Eishockey: Hier verfügen weder die Vereine noch die Stadionbetreiber über ein Umweltkonzept. Immerhin hätten die drei neusten Fussballstadien in Bern, Zürich und Basel Solarstromanlagen auf ihren Dächern montiert, schreibt der WWF. Die von der Umweltorganisation gewünschten Bioprodukte in der Verpflegung sucht man jedoch vergebens. Umweltbewusste Fans sollten «immer wieder am Bratwurststand fragen, ob es auch etwas anderes zu essen gibt», schlägt WWF-Mann Oettli vor.

Open-Air-Festivals kommen gut weg

Das haben die Besucherinnen und Besucher von Open-Air-Festivals in den vergangenen Jahren offenbar getan. Unter den kulturellen Veranstaltungen dürfen sich gleich deren drei mit dem Prädikat «Champion» schmücken: das Paléo-Festival Nyon, das OrangeCinema in den Städten Basel, Bern und Zürich sowie das St. Galler OpenAir. Mehrweggeschirr und die Verwendung von Ökostrom sind bei diesen Veranstaltungen Standard. Zudem bieten die OrangeCinemas und das St. Galler OpenAir teilweise biologische und vegetarische Verpflegung an.

Ein Müllsack für jeden Besucher

Auf dem Siegertreppchen dürfte es jedoch bald einmal eng werden: Insbesondere das Greenfield Festival in Interlaken richtet in Sachen Umwelt mit der grossen Kelle an und hat das Ziel, innerhalb der nächsten zwei bis vier Jahre das grösste klimafreundliche Festival der Schweiz zu werden. In einem Zehn-Punkte-Plan haben die Berner Oberländer ihr Bekenntnis niedergeschrieben und, so Projektleiterin Jrène Küng, «zu etwa 70 Prozent bereits umgesetzt». So wird etwa auf jedem Festivalpass ein Depot von zehn Franken erhoben. Zugleich erhält jeder Besucher am Eingang einen Müllsack und einen Jeton. Wer nach drei Tagen Party seinen Abfall samt Jeton an der Sammelstelle abliefert, erhält die zehn Franken ausbezahlt. Das Publikum goutierts offensichtlich: «Wir haben jedes Jahr weniger Abfall auf dem Gelände», stellt Küng zufrieden fest.

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Das sind viele gute News für die Umwelt, aber sie sind mit Vorsicht zu geniessen. Von den 78 angeschriebenen Events antworteten bloss 38. So fehlen etwa die Angaben der Streetparade in Zürich, von zahlreichen Fussball- und Eishockeyklubs der höchsten Liga, aber auch vom Lauberhornrennen oder von der Tour de Suisse. Die beiden Letzteren sind Mitglieder der Interessengemeinschaft Swiss Top Sport, die bewusst auf eine Teilnahme verzichtete. Der Fragebogen sei «methodisch zu wenig praxisbezogen» gewesen, sagt Geschäftsführer Georg Gasser und weist darauf hin, dass einzelne Mitglieder durchaus an der Studie teilgenommen hätten. Auch hoffe man, den Dialog mit dem WWF weiterführen zu können.

Das ist nach Ansicht von WWF-Vertreter Damian Oettli auch dringend nötig. Trotz vielen positiven Aspekten ist er «enttäuscht» über das Ergebnis: «Wir hatten auf bessere Resultate gehofft. Offenbar hört für viele Veranstalter die Umwelt beim öffentlichen Verkehr und beim Abfall auf.» Konzeptionelle Überlegungen zu Umweltfragen stellten die wenigsten an: «Da kann noch vieles verbessert werden.»

Quelle: Stock-Kollektion colourbox.com
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Damian Oettli, Projektleiter beim WWF Schweiz, erklärt, warum Kunstschnee und Umweltbewusstsein kein Widerspruch sein müssen.

Beobachter: Fussball und Eishockey schneiden in Ihrer Studie schlecht ab. Bin ich ein Umweltsünder, wenn ich an einen Match gehe?
Damian Oettli: Ein schlechtes Gewissen hilft niemandem. Es geht darum, ein Bewusstsein zu entwickeln dafür, wie umwelt­verträglich die Veranstaltungen sind, an denen man teilnimmt.

Beobachter: Lässt sich das Publikum von Grossveranstaltun­gen überhaupt für Umweltfragen sensibilisieren?
Damian Oettli: Der Grossteil des Publikums praktiziert Um­­weltschutz im Alltag und erwartet ein vergleichbares Engagement von Veranstaltern. Die können es sich daher einfach nicht mehr leisten, nichts für die Ökologie zu tun.

Beobachter: Freestyle.ch produziert Kunstschnee im ­September und schafft es trotzdem in die mittlere Kategorie «Herausforderer». Warum?
Damian Oettli: Wir haben uns entschieden, die Grund­voraussetzungen nicht in Frage zu stellen, sondern nur die Anstrengungen für die Umwelt zu beurteilen. Deshalb gewichten wir in der Studie das Umwelt­management-Konzept sehr stark. Und weil die Veranstalter da gute Ansätze haben, schneidet auch Freestyle.ch recht gut ab – was aber nicht bedeutet, dass der WWF Kunstschnee und Sommerskifahren befürwortet.

Beobachter: Hand aufs Herz: Können Grossveranstaltungen überhaupt umweltverträglich sein?
Damian Oettli: Die Frage ist nicht, was umweltverträglich ist und was nicht, sondern dass wir das, was wir machen, so umweltverträglich wie möglich tun. Uns geht es darum, den Umwelteinfluss von solchen Veranstaltungen zu minimieren. Darauf sollte man den ­Fokus legen, weniger auf die Frage, ob man das überhaupt darf oder nicht.

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