Hauptbahnhof Zürich. Das helvetische Zentrum der Rastlosigkeit. Leute hasten auf den Zug. Zielgerichtete Schritte, zielgerichtete Blicke: Wo ist der richtige Perron? Wann fährt mein Zug? Was steht in der Gratiszeitung? Ein Bahnhof ist ein Unort: Die Leute sind zwar da, aber in Gedanken immer schon weg. Wer hier ist, will weiter.

Ganz anders der Spatz. Er sitzt gemütlich oben im Eisenträger und ist mit dieser Stahl- und Betonwüste vollauf zufrieden: Er hat den grössten Bahnhof der Schweiz zu seinem Zuhause gemacht. «Im Hauptbahnhof Zü-rich lebt eine Indoor-Population von ein paar Dutzend Spatzen, die fast nie nach draussen fliegen», erzählt der Biologe Stefan Ineichen, der sich seit 20 Jahren mit Stadtökologie beschäftigt und regelmässig Führungen durchführt. Hier finden die braunen Allerweltsvögel alles, was sie zum Leben brauchen: Bröösmeli von den Gipfeli der Passanten, Stahlträger für die Nistplätze, Staub für das tägliche Bad im Schotter zwischen den Gleisen. «Im Frühling, wenn die Spatzen Junge haben, brauchen sie eiweissreiche Nahrung. Auch die finden sie hier», sagt Ineichen und zeigt auf einen soeben eingefahrenen Zug: «An der Frontscheibe kleben tote Insekten.»

Was man nicht alles sieht, wenn man stehenbleibt, statt vorbeizuhetzen.

Wir schlendern zum Treffpunkt, weichen Pendlern aus und bleiben vor einer Taube stehen, die vergeblich versucht, eine Zigarettenkippe aufzupicken. 6000 Tauben leben in der Zürcher Innenstadt und produzieren pro Jahr 60 Tonnen Kot. «Dort, oberhalb des Restaurants ‹L’Occitane›, ist ein Taubenschlag. Weil die Tauben dort ihre Eier legen, kann man den Bestand regulieren. Man sticht einfach die Eier an, wenns zu viele hat», erzählt Ineichen. Die Taube kommt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Sie wurde als Haustier gehalten und wilderte aus. «Als Felsenvogel liebt sie die Stadt – hier findet sie tonnenweise Kunstfelsen.»

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Muscheln vom Kaspischen Meer

«Viele Wege führen nach Schaffhausen. Der beste über die Bahnhofstrasse», meint das überlebensgrosse Werbeplakat über unseren Köpfen. Doch wir wollen weder nach Schaffhausen, noch interessiert uns der Konsumrausch an der Bahnhofstrasse. Wir verlassen den Bahnhof in nördlicher Richtung und gelangen zum südlichen Eingang des Platzspitzes – jenes Parks, der zu Beginn der neunziger Jahre wegen seiner Drogenszene weltweit Schlagzeilen machte. Jetzt picken dort Lachmöwen friedlich Würmer aus dem Boden. «Sie kommen in die Stadt, weil sie hier auch im Winter genug Nahrung finden», erklärt der Biologe. «Genau wie das Blässhuhn mit dem weissen Klecks auf dem Kopf sowie die Reiher- und anderen Tauchenten aus Nord- und Osteuropa.»

Heute überwintern rund ein Fünftel der Enten Europas in den helvetischen Voralpenseen. Und das kam so: 1969 erreichte die unscheinbare Wandermuschel – angeheftet an Kanalschiffe – vom Kaspischen Meer her die Schweizer Seen. Ihr gefiel es hier bestens: Sie verbreitete sich so rasant, dass die Behörden bereits Angst hatten, die Muscheln könnten die Wasserleitungen verstopfen. «Doch dann sattelte das Blässhuhn von vegetarischer Kost auf Muscheln um, und die sibirischen Reiher- und Tauchenten, die diese Muschel lieben, entdeckten die Schweiz als Winterquartier.» Die Natur meistert Einwanderung oft problemlos und reguliert sich selbst.

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Mär vom «kranken» Stadtleben

Wir spazieren weiter durch den Park bis zum Musikpavillon, der 1883 für die Landesausstellung erbaut wurde, genau wie die Metallbrücke, die den Platzspitz mit dem Sihlquai verbindet. «Wo wir arbeiten, blüht Zürich», verkünden die Schubkarren der Zürcher Stadtgärtner. Gleich daneben steht die Büste Salomon Gessners.

Der Mann, der der Zürcher Gessnerallee seinen Namen gab, zählte im 18. Jahrhundert zu den bekanntesten Schriftstellern Europas. Er schrieb Idyllen, in denen er vom Landleben schwärmte. Da geniessen unverdorbene Hirtinnen den Sonnenaufgang und treiben ihre Ziegen über die sanft gewellten Hügel. Die Texte über Sehnsuchtslandschaften fanden damals reissenden Absatz – als Gegenwelten zum aufkommenden Stadtleben, das man als krank und dekadent empfand. «Es herrscht noch heute die falsche Vorstellung, dass es auf dem Land natürlicher sei als in der Stadt», sagt Ineichen. «Dabei gibt es in der Stadt fast doppelt so viele Tier- und Pflanzenarten wie auf dem Land.»

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Englische Gärten als Tierparadiese

Das hat indirekt wieder mit dem Idylliker Gessner zu tun: Zu seiner Zeit wandten sich nämlich die Stadtgärtner vom französischen Kunstgarten ab und dem englischen Landschaftsgarten zu. So entstanden in den Städten Pärke wie der Platzspitz, wo man die unberührte Natur nachzubilden versuchte. Und in diesen Pärken fanden viele Tier- und Pflanzenarten ein Réduit, als im 19. Jahrhundert die Landwirtschaft intensiviert, Hecken niedergewalzt und Unkräuter immer effizienter vertilgt wurden.

Vom Platzspitz erreichen wir über das Wehr das rechte Ufer der Limmat. Am Jugendkulturzentrum «Dynamo» vorbei wandern wir dem Kraftwerkkanal entlang in Richtung der Badeanstalt «Oberer Letten». Am rechten Wegrand liegen Bänke aus Eisengeflecht, die mit Schottersteinen gefüllt sind.

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Neues Leben zwischen Gleisen

«Hier fuhr bis 1990 die Bahn vom Hauptbahnhof über den Lettenviadukt zum Stadelhofen», erzählt der Stadtökologe. «Als die S-Bahn kam, legte man diese Linie still, und obwohl das Gebiet für Beizen und Restaurants ideal wäre, entschied man sich für die Natur. Man erstellte Schotterbänke für die Mauereidechsen, die notabene mit dem Zug vor Jahrzehnten aus dem Süden nach Zürich gekommen waren, und pflegt die nahe Wiese für die einheimische Zauneidechse.» Im Winter sind die wechselwarmen Tiere natürlich nicht sichtbar. Sie schlafen in einer Felsspalte oder einer Erdritze bei einer Körpertemperatur von wenigen Grad.

Wir wandern weiter die Limmat hinab und entdecken rechterhand ein Bienenhaus. «Der Imker sagt, der Honig dieser Bienen sei besser als jener seiner Völker in Erlenbach», erzählt Ineichen. Am alten Bahnhof Letten vorbei, kommen wir zum Lettenviadukt. Der Blick auf die Stadt hat von hier aus etwas Faszinierendes: Der Zwiebelturm der katholischen Kirche St. Josef überragt Betonbauten, daneben stehen alte Fabriken und die ultramodern silbern glänzenden Kornsilos von Swissmill. Nicht nur die Artenvielfalt der Natur ist berauschend, sondern auch die Artenvielfalt der Schweizer Wirtschaft: So wirbt zum Beispiel noch immer ein Schriftzug für die längst verschwundene «Cigarettenfabrik Sultana A.G.».

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Artenvielfalt im urbanen Leben

Entlang des Weges über den Lettenviadukt liegen weitere Schotterbänke. Sie ermöglichen den Eidechsen, vom Güter­bahn­hofareal im Süden der Limmat über den Fluss bis zum alten Bahnhof Letten zu gelangen. Man entdeckt flussabwärts den Dammweg, den Wipkinger Bahnviadukt und die alte Bade­anstalt «Unterer Letten».

«Sehen Sie den Bunker am Fuss des Wipkinger Viadukts?», fragt Ineichen. «Er war
Teil der Befestigung aus dem Zweiten Weltkrieg. Bevor die Idee des Alpenréduits auf­ge­kommen war, wollte man die Deutschen am südlichen Limmat­ufer aufhalten.» Doch seit dem Krieg hat die Wirtschaft für Artenvielfalt in der urbanen Population gesorgt. Und auch die Deutschen haben längst Fuss gefasst.

Zwei Stunden für zwei Kilometer

Entlang des Weges über den Lettenviadukt liegen weitere Schotterbänke. Sie ermöglichen den Eidechsen, vom Güterbahnhofareal im Süden der Limmat über den Fluss bis zum alten Bahnhof Letten zu gelangen. Man entdeckt flussabwärts den Dammweg, den Wipkinger Bahnviadukt und die alte Badeanstalt «Unterer Letten».

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«Sehen Sie den Bunker am Fuss des Wipkinger Viadukts?», fragt Ineichen. «Er war Teil der Befestigung aus dem Zweiten Weltkrieg. Bevor die Idee des Alpenréduits aufgekommen war, wollte man die Deutschen am südlichen Limmatufer aufhalten.» Doch seit dem Krieg hat die Wirtschaft für Artenvielfalt in der urbanen Population gesorgt. Und auch die Deutschen haben längst Fuss gefasst.

Bald soll der Weg auf dem alten Bahntrassee weiter bis zum Stadtpark Josefswiese und vielleicht sogar über das Areal des Hauptbahnhofs führen. Zurzeit ist Schluss auf der Höhe der Limmatstrasse. Bevor wir abtauchen zu den Autos und zum Tram in Richtung Bahnhof, zeigt Ineichen auf den Hochkamin der Kehrichtverbrennungsanlage Josefstrasse. «Zuoberst beim mittleren Fenster hat es ein Brettchen: Das ist die Landebahn des Wanderfalken.» Der Vogel war vor 30 Jahren weltweit fast ausgestorben. Heute leben in Zürich wieder vier Exemplare.

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Zwei Stunden waren wir unterwegs. Zwei Stunden für zwei Kilometer. Ein lohnender Luxus in Zeiten rasender Pendlerströme.

Zur Person:

Stefan Ineichen, 50, lebt und arbeitet in Zürich, unter anderem als Projektleiter von NahReisen, die Ausflüge in die städtische Natur anbieten. Er ist Autor vieler Sachbücher – etwa von «Die wilden Tiere in der Stadt» über die Veränderung des Lebensraums der Tiere im urbanen Raum im Lauf der Jahrhunderte (Verlag im Waldgut, 1997).

Naturtour durch Zürichs City

Gehzeit: 30 Minuten reine Gehzeit; zwei Stunden empfohlene
Bummel­zeit.

Route: Vom Zürcher Hauptbahnhof über den nördlichen Ausgang (Lan-desmuseum) zum Eingang des Platz-spitzes, durch den Park übers Wehr auf die rechte Limmat­seite. Dem Kloster-Fahr-Weg entlang bis zum Letten­viadukt, über den Let­ten­viadukt bis zur Limmatstrasse. Von Haltestelle Quellenstrasse mit Tram 4 oder 13 zurück zum Hauptbahnhof.

Beizen und Badeanstalten: Restaurant Drahtschmidli beim Platzspitz, Restaurant Limmathof bei der Tramhaltestelle am Ende des Spa­ziergangs; im Sommer haben beim Oberen Letten Bars geöffnet.

Hinweis für Literaturfreunde: Am nördlichen Ende des Platzspitzes, wo Limmat und Sihl zusammenfliessen, war der Lieblingsplatz des irischen Schriftstellers James Joyce. Zu seinen Ehren sind dort Limmat und Sihl mit «J» geschrieben.

Tipp: Wer die Falken an der Kehrichtverbrennungsanlage Jo­sefstrasse von zu Hause aus be­obachten will, findet eine Live-Cam unter www.stadt-zuerich.ch/falken

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