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UnterwegsMit Fernglas, Fahrrad und Fingerspitzengefühl

Die Schutzgebietsbetreuer, sogenannte Ranger, am Greifensee weisen auf die Schönheiten der Region hin und machen auf menschliches Fehlverhalten aufmerksam.

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Wir haben unsere Velos in Greifensee auf dem Radweg abgestellt, der um diese Zeit noch kaum befahren ist. Es ist früher Morgen, aber die Vögel sind bereits hellwach. Mit ihrem lautstarken Konzert begrüssen sie den neuen Tag. Zum Steg hinaus sind es nur wenige Schritte. Schnecken kriechen über die feuchten Planken, Fischer sind heute morgen noch nicht am Werk. Eine Tafel mahnt, abgeschnittenen Silch nicht herumliegen zu lassen. «Wir finden immer wieder Vögel, die sich in diesem durchsichtigen Material verheddern und sterben», erklärt Urs Wegmann. Er ist Ranger. Eigentlich lernte er Forstwart, hat dann aber eine berufsbegleitende Ausbildung zum diplomierten Ranger BZWL absolviert. Er engagiert sich in seinem Berufsverband und ist am 8. Mai zu dessen Präsidenten gewählt worden.

Hier am Greifensee arbeitet Urs Wegmann im Auftrag der Greifensee-Stiftung als Leiter eines sechsköpfigen Teams. Routinemässig fahren die Ranger mit ihren Fahrrädern das Seeufer ab, sammeln Informationen, stellen Missstände fest und alarmieren in seltenen Fällen sogar die Polizei. Nach Vereinbarung führen sie auch Gruppen von Interessierten durch die Naturschutzgebiete.

Zuerst wird das Gespräch gesucht

«Wir möchten auf gar keinen Fall als Naturpolizisten wahrgenommen werden», erklärt Wegmann. Deshalb suchen die Ranger, wenn sie auf Umweltsünder stossen, zuerst das vernünftige, aufklärende Gespräch. Von den rund 700 Vergehen, die im vergangenen Jahr protokolliert wurden, war zum Glück bloss eine Handvoll gravierend. Zu formellen Anzeigen kam es in rund 30 Fällen. Wer seinen Hund in einem Gebiet mit Leinenzwang frei herumlaufen lässt oder sein Boot im Sommer zu nah ans Schilf lenkt, macht sich oft nicht klar, dass er damit den Lebewesen schaden könnte, die in erstaunlicher Vielfalt die Uferzone bevölkern. Denn in den 15 Naturschutzzonen um den Greifensee sind inzwischen 241 Vogelarten nachgewiesen worden.

Wo immer möglich, versuchen die Ranger in persönlichen Kontakten, die Besucher auf die Schönheiten des Greifenseeumlandes hinzuweisen. «Die Schweizer neigen nicht dazu, uns einfach so anzusprechen. Aber wenn wir sie auf etwas hinweisen, ihnen einen Vogel oder eine Pflanze zeigen, dann sind sie meistens sehr interessiert», erzählt Urs Wegmann aus dem Arbeitsalltag der Ranger.

Hin und wieder stossen die Schutzgebietsbetreuer aber auch auf Unverständnis: «Kürzlich wies einer von uns ein älteres Paar darauf hin, dass für ihren Hund eine Leinenpflicht gelte. Nach längerem Geschimpfe leinten die beiden den Hund endlich an. Da unsere Leute an Wochenenden manchmal versetzt unterwegs sind, telefonierte der Ranger mit seiner Kollegin. Als diese dem Paar ein paar Minuten später begegnete, rannte der Hund schon wieder frei herum.» Was Hundehalter oft nicht wissen: Wildtiere riechen selbst den kleinsten Hund. Auch wenn Bello in den Augen seiner Besitzer «ein Lieber» ist, irritiert und stresst er die Vögel in Brutgebieten.

Natursex-Fans mussten weichen

Wegmann ist keiner, der den Menschen als Eindringling in der Natur empfindet und ihn am liebsten aussperren würde. «Ich frage jeden, der sich um einen Job als Ranger bewirbt, wie er das Verhältnis von Natur und Menschen sieht. Für mich gehört der Mensch zur Natur, man muss ihn nur gelegentlich in seine Schranken weisen.» Die Ranger am Greifensee versuchen es auf diskrete Weise, lassen niedrige Zäune errichten und stellen Schilder auf, die an die Vernunft appellieren. «Wenn man Ranger werden möchte, genügt es nicht, Naturfreund zu sein, man muss auch Menschenfreund sein. Natürlich sollte man möglichst viele Vogel- und Insektenarten kennen, aber man muss auch im Umgang mit den Leuten den richtigen Ton treffen.»

Dass seine Massnahmen greifen, erfährt Urs Wegmann manchmal auf amüsanten Umwegen: «Wir hatten hier am Ufer eine Weile lang eine Natursex-Szene, nicht schlimm, aber halt nicht erlaubt. Wir wiesen die Leute freundlich darauf hin. Kurz darauf klickte ich mich im Internet durch die einschlägigen Blogs, und siehe da: Jemand hatte die Nachricht geschrieben, an den Greifensee solle man nicht mehr gehen, dort werde kontrolliert.»

Neben dem Fischersteg entdecken wir mitten im Schilf eine Feuerstelle und daneben drei Bierdosen. Wegmann klettert vom Steg, verwischt die Feuerstelle und sammelt die Dosen ein. Ob es ihn nicht manchmal bitter mache, immer wieder gegen solche Gedankenlosigkeiten kämpfen zu müssen? «Nein, wenn einen so etwas bitter machen würde, dann wäre man hier am falschen Ort. Ich nehme solche Dinge auch nie persönlich.» Wegmann sucht mit seinem Feldstecher den See ab. Vor kurzem wurde ein äusserst seltener Nachtreiher beobachtet, er selber hat ihn allerdings noch nicht zu Gesicht bekommen. Auch an diesem Morgen hält der Reiher sich verborgen. Dafür sehen wir jede Menge anderer Wasservögel, über uns kreisen Mehlschwalben, und im Schilf quaken munter die Frösche.

Fahrerflucht nach Kollision mit Reh

Wir fahren weiter. Nach ein paar hundert Metern wird Urs Wegmann dann doch ernstlich wütend. Am Strassenrand liegt eine tote Rehgeiss. «Das verstehe ich jetzt wirklich nicht. Wie kann jemand ein Reh anfahren und einfach verschwinden?» Die Rehgeiss liegt wahrscheinlich schon eine Weile da, die Krähen haben sie natürlich sofort entdeckt. Der herbeitelefonierte Jagdaufseher sagt uns, die Rehgeiss sei trächtig, sie habe zwei Kitze in ihrem Bauch. Als naive Städter fragen wir natürlich, ob man die beiden mit einem Kaiserschnitt retten könne. Der Jagdaufseher winkt nur ab und erklärt, dass sie den Unfall vermutlich nicht überlebt haben.

Wir erreichen das östliche Ende des Sees. «Hier ist das eigentliche Kernstück des Naturschutzgebietes», erklärt Wegmann. Der Greifensee, Überbleibsel des Linth-Gletschers, war einst grösser. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Wasserstand zur Gewinnung von Kulturland abgesenkt. Das Riediker-Rälliker Ried, wo der Aabach in den See mündet, ist heute ein Paradies für Vögel, Frösche, Schmetterlinge, Ringelnattern, Heuschrecken und zahlreiche Libellen in allen Grössen und Farben. Auch ein Biberpaar lebt hier, wie man an gekippten Bäumen erkennt. Im letzten Jahr kam ein Junges zur Welt, ein Besucher konnte es sogar fotografieren. «Aber das Bild ist leider etwas unscharf, wie diese Ufo-Fotos», lacht Wegmann.

Deutlich sichtbar sind hingegen die Kormorane, die geiergleich auf einem Baum sitzen, als wären sie direkt einem «Lucky Luke»-Comic entstiegen. Ein Seidenreiher, ein anmutiger weisser Vogel, fliegt in elegantem Bogen an uns vorbei, um sich in einem der nahen Weiher sein Frühstück zu holen. Störche nisten hier regelmässig, ein Schwarzstorch ist zudem fester Wintergast, für Hobby-Ornithologen ein grosses Ereignis. Schnelle Augen entdecken häufig Eisvögel, die rasant vorbeisausen. Im Frühsommer blühen im Ried die Gelbe und die Sibirische Schwertlilie, aber auch unauffälligere Orchideen haben sich angesiedelt: Knabenkraut und Sumpfwurz.

Schildkröten machen Probleme

Seit kurzem stösst man im Ried vermehrt auf die nordamerikanische Rotwangen-schmuckschildkröte, an der die Ranger gar keine Freude haben. Verständnislose Tierliebhaber kaufen sich solche putzigen, vier Zentimeter kleinen Tierchen in der Zoohandlung und setzen sie aus, sobald sie grösser und mitunter aggressiv geworden sind. Im Ried vertilgen sie Eier von Bodenbrütern oder Froschlaich aus den Weihern.

Wir steigen auf den kleinen Aussichtsturm über dem Aabach. Wegmann nimmt sein Fernglas zur Hand. Er beobachtet den Seidenreiher, sucht die Baumkronen nach Störchen ab und kann von hier aus überprüfen, ob jemand nordwestlich vom geschützten kleinen Delta fischt. «Wenn wir Gebiete absperren, weil Vögel brüten, ist es ja wenig sinnvoll, wenn wir dann bei der Kontrolle selber hineintreten.»

Gegenüber dem Aussichtsturm, auf der anderen Strassenseite, liegt die Naturstation Silberweide (siehe Kasten «Naturparadies», links). Bis vor etwa zehn Jahren gab es hier einen Streichelzoo, heute tummeln sich Zwergmäuse im Infozentrum. Bilder und Tafeln informieren über Tiere und Pflanzen rund um den See. Die Station wird von der Greifensee-Stiftung betrieben, der auch die Greifensee-Ranger angehören. Wir trinken einen Kaffee, betrachten die ausgestopften Exponate und vergleichen sie mit den Tieren, die wir unterwegs gesehen haben. Uns wird klar, dass wir erst einen winzigen Bruchteil der Greifensee-Anwohnerschaft kennen. Ein Grund mehr, bei den nächsten Radrunden um den See genauer hinzusehen als bisher.

Weite Teile des Greifenseegebiets sind geschützt. Auf dem Fussweg sind in regelmässigen Abständen gut lesbare Informationstafeln angebracht.

Klicken Sie auf die Karte, um sie vergrössert anzuzeigen.
Quelle: Gerry Nitsch

Naturparadies: Leicht erreichbar ab Zürich

Anreise
Innert rund einer halben Stunde ist das Gebiet Greifensee mit S-Bahn (S5, S15, S9, S14) und einem gut ausgebauten Anschluss-Busnetz ab Zürich erreichbar. Fahrpläne: www.zvv.ch

Geographie
Der zweitgrösste See im Kanton liegt rund zehn Kilometer östlich der Stadt Zürich.

Radweg und Schifffahrt
Um den See führen diverse Wege. Der etwa 19 Kilometer lange Radweg ist auch für Inlineskater geeignet (Route 29). Für Fussgänger führt ein Naturweg um den See. Wer den Rundgang abkürzen möchte, kann auf das zwischen Maur und Niederuster verkehrende Kursschiff steigen. Von April bis September werden auch Rundfahrten angeboten. Fahrpläne: www.sgg-greifensee.ch

Naturstation Silberweide
Die Naturstation am Ostende des Greifensees ist von Mitte März bis Oktober jeweils mittwochs, freitags, samstags sowie an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Sie ist zu Fuss, per Velo oder mit Bus 842 ab Uster, Oetwil a. See oder Esslingen zu erreichen. In der Silberweide finden öffentliche Führungen, Vorträge und Kurse statt. Infos: www.silberweide.ch

Naturschutzregeln

  • Nutzen Sie die Wege und Stege, Feuerstellen, Badeplätze – und die Abfallbehälter.
  • Nehmen Sie Hunde in den Schutzgebieten an die Leine.
  • Schwimmen, rudern oder segeln Sie nicht in den Schutzzonen.
  • In den Schutzgebieten ist Fischen nur von Wegen und Stegen aus gestattet.
  • Pflücken Sie keine Pflanzen.
  • Fangen Sie keine Tiere ein und setzen Sie auch keine aus.
  • Beachten Sie die Fahrverbote.

Veröffentlicht am 28. Mai 2010