Quelle: ThorstenBroenner.de/imagepoint.biz

Langsam klettern die Zahlen auf dem Tacho nach oben: 25, 30, 40, 50 Kilometer pro Stunde zeigt das Display an – und verharrt dann bei Tempo 60. Die Landschaft flitzt nur so vorbei, der Lenker rüttelt auf unebenen Stellen, und der Wind reisst an der Jacke. Passabfahrten sind eine faszinierende Sache. Parallel zum Tempo steigen Puls und Adrenalinspiegel. Und ein bisschen Angst macht sich breit, sitzt man doch ohne Knautschzone auf einem wenige Kilogramm leichten Fahrzeug, das an Abgründen vorbei talwärts rast.

Jedes Jahr geben sich Zehntausende von Hobby­velofahrern dem Reiz der Alpenpässe hin und folgen zwischen Juni und Oktober, wenn es das Wetter zulässt, den Spuren von Cancellara, Contador und Armstrong. Höhepunkt der Passfahrer-saison ist das jährliche Volksvelorennen «Alpenbrevet», das diesmal am 13. August stattfindet. Je nach Kondition nehmen die Teilnehmer drei, vier oder gar fünf Pässe an einem ­einzigen Tag unter die Räder und legen zwischen 132 und 270 Kilometer sowie zwischen 3800 und 7000 Höhenmeter ­zurück.

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Doch auch ohne Konditionstraining, stramme Waden und ein paar tausend Trainingskilometer in den Beinen lassen sich locker drei Pässe des Brevets an einem Tag absolvieren. Denn seit vier Jahren nehmen die Postautos wie die Bahn in der ganzen Schweiz Velos mit – auch an Grimsel, Furka und Susten. Eine SBB-Velo­tageskarte für 12 Franken (18 Franken ­ohne Halbtax- oder Generalabo), eine telefonische Reservation für das Velo (siehe www.postauto.ch) und ein Billett fürs Post­auto samt Zuschlag für touristische Strecken («Alpine Ticket») genügen. Transportiert werden die Velos in Anhängern oder an Velohaken am Heck der Busse. Die Kombination von Velo und Postauto hat ­den zusätzlichen Vorteil, dass genügend Zeit bleibt, um die Bergwelt und die Sehenswürdigkeiten richtig zu geniessen.

Auf vier Rädern auf den Grimsel

Jeder der drei Pässe wird zwischen dem 18. Juni und dem 9. Oktober täglich mehrmals von einem Postauto befahren. Fährt man früh los, reicht die Zeit, um alle Aufstiege mit dem Bus zurücklegen zu können.

Ausgangspunkt ist Meiringen im Berner Oberland, wo auch die Teilnehmer des Alpenbrevets starten. Um 9.20 Uhr verlässt das erste Postauto die Haltestelle beim Bahnhof in Richtung Grimselpass. Vorbei an der Aareschlucht geht es nach Meiringen, wo sich die Strassen Richtung Grimsel und Susten verzweigen.

Auf dem Weg zur Grimselpasshöhe führt die Strasse am Gelmer- und am Räterichsbodensee vorbei, wo das Wasser für die grossen Kraftwerke gespeichert wird. Nach gut einer Stunde erreicht das Post-auto die Staumauer des Grimselsees, und nach ein paar Haarnadelkurven – die einem bei der Bergfahrt mit dem Velo übersäuerte Muskeln bescheren würden –gelangt man auf die Passhöhe auf 2164 Metern über Meer.

Nun ist es Zeit, Handschuhe, Helm, Sonnenbrille und Windschutzjacke anzuziehen und sich aufs Velo zu schwingen. Eine kurze Bremsprobe, dann folgt sogleich die technisch anspruchsvollste Abfahrt der Dreipässetour. Auf einer Strecke von nur sechs Kilometern sinkt die Strasse hier um 400 Höhenmeter ab; das grösste Gefälle beträgt sieben Prozent.

Sechs Haarnadelkurven sind es bis ­hinunter nach Gletsch, wo sich die Abzweigung zum Furkapass befindet. Die Fahrt führt in regelmässigem Rhythmus von Bremsen und Rollenlassen rasant ­talwärts. Nach knapp zehn Minuten ist ­Gletsch erreicht, und es bleibt genügend Zeit für ein Mittagessen im Grand­hotel Glacier du Rhône, denn das Postauto auf die Furka fährt erst um 12.46 Uhr.

Wer noch keinen Hunger hat, kann mit dem Essen auch bis zur Ankunft im Hotel Furka Belvedere warten. Das altehrwürdige Haus steht direkt oberhalb des Furkagletschers und ist ein beliebtes Ausflugsziel. Das Mittagspostauto macht dort auf der Fahrt zum Furkapass eine gut einstündige Pause. Zeit genug für ein Mittagessen im Panoramarestaurant oder einen Ausflug zum Furkagletscher und zu den dortigen Grotten.

Um 14.15 Uhr geht die Fahrt noch ein kurzes Stück weiter bis zur Furka-Passhöhe auf 2429 Metern. Schneller und ohne Pause ginge es mit dem Dampfzug auf der alten Furka-Bergstrecke, doch die Museumsbahn transportiert keine Velos.

Oben auf der Passhöhe bleibt nicht allzu viel Zeit zum Verweilen, denn bereits eineinhalb Stunden später fährt das letzte Postauto im 30 Kilometer entfernten Wassen los in Richtung Sustenpass. Die Strecke von der Furka-Passhöhe nach Wassen lässt sich ohne grosse Anstrengung und innerhalb der gegebenen Zeit zurücklegen.

Auf dem ersten Stück hinunter nach Realp im Urserental rollt es sich von alleine, und auch die Strasse nach Andermatt fällt leicht ab. Nach Andermatt folgt abermals ein anspruchsvoller Streckenabschnitt und zugleich eines der Highlights der Tour: An der berühmten Teufelsbrücke vorbei geht es durch zahlreiche Kehren und Lawinengalerien die Schöllenenschlucht hinunter. Vor allem am Wochenende können hier die zahlreichen Töfffahrer mit ihren dröhnenden Motoren die Ruhe stören. Nach Göschenen folgt die Strasse der Autobahn, und nach weiteren vier Kilometern kommt die berühmte Kirche von Wassen in Sicht.

Um 16.16 Uhr nimmt das Postauto ab Wassen Post den 18 Kilometer langen Aufstieg zum Sustenpass unter die Räder. Zuerst führt die Strasse durch das bewaldete Meiental.

Mit zunehmender Höhe werden die Bäume weniger, die Landschaft wird karger und die Strasse steiler. Durch zwei Haarnadelkurven geht es am Schluss steil hoch zum kurzen Scheiteltunnel, an dessen Ende sich auf 2224 Metern die Pass­höhe befindet. Ein letztes Mal gilt es, die Ausrüstung für die 28 Kilometer lange Talfahrt anzuziehen, die 1600 Meter abwärts, nach Innertkirchen, führt.

Hier kann man das Velo auf den endlos langen und bis zu sieben Prozent steilen Rampen über längere Strecken einfach laufen lassen, gibt es doch wenige enge Kurven, dafür einige kurze Tunnels. Nach einer halben Stunde ist Innertkirchen erreicht. Wer müde ist, kann hier den halbstündlich verkehrenden Zug nehmen und ist nach elf Minuten in Meiringen.

Zum Schluss noch ein Aufstieg

Wer sich fit genug fühlt, legt mit dem Velo noch die restlichen acht Kilometer zurück und bekommt dabei noch ein bisschen die Anstrengungen des richtigen Alpenbrevets zu spüren: Beim Zugang zur Aareschlucht schraubt sich die Strasse nämlich gut 90 Meter in die Höhe. Kein Problem nach einem Tag Abwärtsfahren, aber eine Herausforderung für die Alpenbrevet-Fahrer, die hier mit bis zu 260 Kilometern und fast 7000 Höhenmetern in den Beinen in die letzte Steigung einfahren.

Bergabfahrten: Worauf Sie achten müssen

Passabfahrten mit dem Velo sind nicht ungefährlich – und deshalb nur etwas für geübte, routinierte Fahrer. Wichtig sind die richtige Vorbereitung, das passende Velo und die geeignete Bekleidung.

Vorbereitung: Wer nur wenig Erfahrung mit längeren Abfahrten hat, sollte zunächst einige Fahrten auf kurvigen und abfallenden Strassen in den Voralpen oder im Jura unternehmen, um das richtige Gefühl für Kurven und Bremswege zu bekommen.
Wichtig: Bei Kurvenfahrten muss das Pedal auf der Kurveninnenseite immer oben sein.

Velo: Optimal für Passabfahrten ist ein Rennvelo oder ein leichtes Tourenvelo. Mountainbikes können ebenfalls verwendet werden, sollten aber Strassenpneus haben.

Vor einer Passtour sollten unbedingt folgende Punkte am Velo überprüft werden:

  • Bremsen: Sind die Bremsbeläge noch gut in Schuss, und sind die Bremsen richtig eingestellt?
  • Bremskabel: Sind die Kabel in gutem ­Zustand ohne Risse und rostige Stellen?
  • Pneus: Haben die Reifen ausreichend Profil, sind sie nicht zu spröde? Stimmt der Luftdruck?
  • Befestigung von Lenker und Sattel: Stimmt die Höhe, und sitzen die Schrauben fest?
    Im Zweifelsfall sollte eine Fachperson das Velo überprüfen.


Bekleidung: Ein richtig justierter Velohelm und Velohandschuhe gehören für jede Passabfahrt zur Ausrüstung, ebenso eine gut schliessende Sonnenbrille. Optimal gerüstet für ­die Passabfahrt ist man ausserdem mit Spezialbekleidung für Rennvelo- und Mountainbikefahrer.

Geeignet ist aber auch sonstige Outdoor-Bekleidung. Wichtig ist, dass die Kleidung möglichst eng anliegt, damit sie nicht im Fahrtwind flattert. Unbedingt dazu gehören eine winddichte Jacke und eine lange Hose zum Überziehen. Zusätzlich kann man sich – wie die Veloprofis – für die Abfahrt eine dicke Zeitung unters Trikot ­stecken.

Sonstige Ausrüstung: Rucksäcke eignen sich nur, wenn sie klein sind, eng am ­Körper anliegen und mit einem Bauchgurt gesichert werden können. Besser geeignet sind kleine Taschen zur Befestigung unter dem Sattel oder Taschen für den Gepäck­träger.

Verpflegung: Restaurants und Kioske bieten genügend Verpflegungsmöglichkeiten. Mit ins Gepäck gehören aber eine Trinkflasche und ein paar Kraftriegel.

Wetter: Die meisten Alpenpasshöhen befinden sich auf über 2000 Metern. Deshalb kann es auch im Sommer zu Schneefall kommen. Es empfiehlt sich, Passabfahrten nur zu unternehmen, wenn nicht mit Regen oder Schnee zu rechnen ist.