Wie von Riesenhand verstreute Bauklötzchen schmücken dunkelbraune Holzhäuser die sanften grünen Hänge. Dieser idyllische Anblick bietet sich Wanderern, die auf der Strecke von Chur nach Arosa in Langwies aus dem Zug steigen und der ausgeschil-derten Schweiz-Mobil-Route Nummer 35 folgen. Durch ein wildes Tobel führt sie hinauf ins Fondei.

In den Trockenwiesen zirpen Grillen, Falter klappern Blüte um Blüte ab, hier wächst eine Silberdistel, da ein Wiesenkerbel und dort gar eine seltene Orchidee. Die Luft riecht warm und würzig. Den asphaltierten Verkehrsadern, wuchernden Betonbauten und gedüngten Feldern entflohen, wähnt man sich in einer anderen Welt und Zeit.

In diese vermeintliche Vergangenheit führt der neu ausgeschilderte Walserweg Graubünden. Der Weitwanderweg ist auf Initiative der Geographin Irene Schuler entstanden, die auch einen Wanderführer dazu veröffentlicht hat. Buch und Route führen in 19 Tagesetappen von San Bernardino im Misox über Filisur im Albulatal bis nach Brand im Brandnertal (Ö). Getragen wird das Projekt von der Walservereinigung Graubünden.

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Die Seelen entfliehen gegen Osten

Die Walser wanderten im 13. Jahrhundert aus dem Goms im Oberwallis ein – daher auch ihr Name. Angelockt wurden sie von Feudalherren, die ihnen besondere Freiheiten und Vergünstigungen gewährten. Der Hintergedanke dabei: Die Gomser, spezialisiert auf Landbewirtschaftung in hohen Lagen, sollten bis dahin unbewohnte Gebiete besiedeln, den Boden urbar machen und gleichzeitig die Pässe sichern. Noch heute erkennt man ihre Dörfer daran, dass hier nicht Rätoromanisch, sondern nur Deutsch gesprochen wird.

Hans Mettier, auch Sita-Hans genannt, ist ein waschechter Walser aus einer alten Fondeier Familie. In Strassberg, dem Hauptort des Hochtals, bietet er Kulturführungen an. Der 71-Jährige erzählt von harten Wintermonaten, von zerstörerischen Naturgewalten und vom Schleppen der schweren Heubündel. Seine bedächtige Stimme, sein zerfurchtes Gesicht und sein leicht gebeugter Rücken verleihen den Geschichten Nachdruck.

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Beim Rundgang mit Sita-Hans erfährt man, wie die jungen Strassberger einst ihre Kräfte massen – mit dem «Lupfistei», einem rund 260 Kilogramm schweren Felsbrocken. Oder warum manche Walserhäuser auf der Ostseite ein kleines Schiebefenster haben – es ist der «Seelapalgga», aus dem die Seelen der Verstorbenen entfliehen können. Und dass die Fondeier ihre Hühner früher in der Stube einquartierten, damit sie auch im Winter Eier legten – in der «Hennachebia», einem offenen Wandschrank.

Die Natur hat Hans Mettier und seinen Vorfahren ihre Regeln aufgezwungen: «Jahr für Jahr wechselten wir mit allen Tieren und dem ganzen Hausrat bis zu achtmal den Wohnsitz zwischen Langwies, Unterfondei und Oberfondei – entsprechend den Jahreszeiten und den anfallenden Arbeiten.» Bis tief in den Winter sei man in der Höhe geblieben und habe das Vieh mit Heu aus dem Vorrat durchgefüttert. «Auch das Heu wurde auf verschiedenen Höhenstufen gelagert. War es verfüttert, trieb man das Vieh einfach zum nächsten Stall.»

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Alpine Schönheiten: Der Weg ins Hochtal Fondei ist gesäumt von Glockenblumen.

Quelle: Ursula Meisser

Was nicht genutzt wird, zerfällt

Heute stehen viele Häuser im Fondei leer. Die Behörden in Bern haben solche abgelegenen Talschaften zu «potential-armen Brachen» erklärt. Das heisst: Wer nicht wegziehen will, muss selber schauen, wie er über die Runden kommt. Kein Wunder, ist das Hochtal heute nur noch im Sommer bewohnt.

Viele verlassene Gebäude zerfallen: «Seit 1970 sind 23 Ställe und über 50 Heubargen verschwunden», erzählt Hans Mettier. Sein Blick schweift über das Tal, und er zeigt da und dort auf Häuser, die ein kaputtes Dach haben oder schon eingeknickt sind: «Das werden die nächsten sein.» Aber die Zeiten seien schon schlechter gewesen. «Zum Glück dürfen die landwirtschaftlichen Gebäude heute umgenutzt und zu Ferienhäusern umgebaut werden.» Das rette zumindest einen Teil der mehr als 200 Jahre alten Holzbauten vor dem Zerfall.

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Abgelegen: Der Weiler Strassberg ist nur noch im Sommer bewohnt.

Quelle: Ursula Meisser

Fondei ist kein Freilichtmuseum

Fast alle Häuser im Fondei sind sogenannte Strickhäuser. Bei dieser Bauweise werden die Kant- oder Rundholzbalken an den Enden eingekerbt und ineinander verzahnt. Die Ritzen sind mit Moos ausgestopft, die Holzschindeln auf dem Dach mit Steinen beschwert. Die Balken sind rau und schwarz – vom Regen ausgewaschen und von der Sonne verbrannt.

Hans Mettier öffnet eine knarrende Tür, tritt mit eingezogenem Kopf über die Schwelle und führt die Besucher ins Innere eines gut erhaltenen Wohnhauses. Eine Garderobe mit Schuhen, Jacken und Hüten zeugt davon, dass es noch immer bewohnt ist. Einiges wurde erneuert, etwa ein Spültrog aus Chromstahl in der Küche ein- und die Vorratskammer zum Esszimmer umgebaut – und die Hühner wurden längst ausquartiert. «Wir sind hier nicht im Freilichtmuseum Ballenberg», scherzt Sita-Hans und führt in die Stube, wo dennoch hübsche Details an früher erinnern, etwa die filigranen Intarsien im Holz, die verschnörkelten Inschriften über den Fens-terbalken oder die alte Öllampe über dem Holztisch.

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Bergig: Die Walser waren Experten der Landwirtschaft in hohen Lagen.

Quelle: Ursula Meisser

Walserweg regt zu Initiativen an

Hans Mettiers Kulturführungen sind nicht die einzige Attraktion, die den Gästen im Fondei geboten wird. Wer den richtigen Tag erwischt oder sich mit einer Gruppe anmeldet, kann Walter Gadient, Senn aus Leidenschaft, bei der traditionellen Käseherstellung über die Schulter schauen. Und der Sagenschreiber und Geschichtenerzähler Walter Engel veranstaltet, ebenfalls im urchigen Ambiente der alten Sennerei, «Liecht Hengert»: So nennen die Strassberger die langen Winterabende, an denen sie sich beim Schein einer Petroleumlampe Geschichten erzählen – zum Beispiel die vom legendären Senn, der jeweils im Frühjahr schlank und rank auf die Alp kam und sich im Herbst kugelrund verabschiedete.

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Auch in anderen Tälern hat der Walserweg Initiativen in Gang gebracht: «In Hinterrhein zum Beispiel fehlte ein Gasthaus. Die Einheimischen haben darum einen 500-jährigen Gewölbekeller hergerichtet, in dem sie ihren Gästen traditionelle lokale Spezialitäten anbieten», schwärmt Buchautorin Irene Schuler.

Der Walserweg ist aber auch all denjenigen zu empfehlen, die sich weniger für Gastronomie oder Geschichte interessieren, sondern einfach nur die Natur geniessen wollen. Denn viele Walsersiedlungen befinden sich abseits der Haupttäler und bleiben so vom Massentourismus verschont.

Auf dem Bargaboden ob Strassberg entfaltet die unberührte Natur ihre ganze Pracht. Auf rund 2000 Metern über Meer schlängelt sich der Fondeier Bach wie ein silberner Faden durch die Ebene. Im Hochmoor leben Frösche und Salamander, und zuweilen sind gar Wachteln zu Gast. Als Krönung lockt unterhalb des Durannapasses der Grünsee, in dem Wanderer und Einheimische an heissen Sommertagen gern ein Bad nehmen. Auch wer die brennende Kälte des Wassers scheut, kommt hier auf seine Kosten – einfach kurz die Augen schliessen, dem sanften Wind und den Pfiffen der Murmeltiere lauschen und einen tiefen Zug frische Alpenluft nehmen.

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Der Kampf um das Hochmoor

Mitte der neunziger Jahre war diese einzigartige Naturlandschaft gefährdet: Die Davoser Parsenn-Bahnen wollten ihr Wintersportgebiet ins angrenzende Fondei ausdehnen. Auf dem Bargaboden sollten Sesselbahnen, ein Restaurant und eine Maschinenhalle gebaut werden. Die Pisten hätten mitten durch das Moor geführt, das der Bund 1991 wegen seiner Schönheit und nationalen Bedeutung ins Inventar der Landschaften und Naturdenkmäler aufnahm. Die darin enthaltenen Gebiete sind streng geschützt und dürfen nicht verbaut werden. Allerdings verkleinerte der Bundesrat die geschützte Fläche 1996, um das Tourismusprojekt zu ermöglichen. So hatten die Einheimischen selbst das letzte Wort.

In Langwies waren die Lager für und wider das Skigebiet fast gleich gross. Man sprach von einem «geteilten Dorf». Die Befürworter erhofften sich wirtschaftlichen Aufschwung, die Gegner fürchteten um die intakte Natur. Die Abstimmung fiel mit 61 zu 56 Stimmen knapp zu Gunsten der Wintersportzone aus. Die Verlierer gaben sich aber nicht geschlagen. Gemeinsam mit diversen Umweltverbänden legten sie Rekurs gegen die neue Zonenordnung ein. Die Bündner Regierung liess sich Zeit und wies die Beschwerde erst im Jahr 2000 zurück. Zum Glück für das Fondeier Hochmoor verzichteten die Parsenn-Bahnen aber aus wirtschaftlichen Gründen auf die Expansion. Und seit das Verwaltungsgericht den Rekurs gutgeheissen hat, ist die Sache definitiv vom Tisch.

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Im Fondei haben sich die einstigen Gegner wieder versöhnt und setzen heute gemeinsam auf Projekte, die den nachhaltigen Tourismus fördern – wie zum Beispiel den Walserweg.

Die Distanz von Langwies (1377 m ü.  M.) über den Casannapass (2233 m ü.  M.) nach Klosters (1191 m ü.  M.) beträgt 18 Kilometer. In etwa 6,5 Stunden überwinden Wanderer knapp 1000 Höhenmeter.

Quelle: Ursula Meisser


www.walserweg.ch
: Auf dieser Seite kann man sich über die aktuellen Projekte entlang des Walserwegs informieren und Wanderangebote direkt buchen. Per Klick auf die einzelnen Etappen (Menüpunkt «Walserweg») gelangt man zur Homepage von Wanderland Schweiz, wo man gleich die richtigen Kartenausschnitte und das betreffende Höhenprofil sowie Infos über Zug- und Busverbindungen findet.

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www.langwies.ch: Seite des Tourismusbüros in Langwies mit Adressen und Ausflugstipps.

Berggasthäuser im Fondei: ­

  • «Casanna», Tel. 081 374 20 82
  • «tranQuilo», Tel. 081 356 58 00
  • Schaukäserei: Auf Anfrage bei Walter Gadient, Tel. 081 374 11 37
  • Geschichtenabend: Auf Anfrage bei Walter Engel, Tel. 081 374 21 80
  • Kulturführung: Auf Anfrage bei Hans Mettier, Tel. 081 374 21 75


Wanderführer
Irene Schuler: «Walserweg Graubünden. In 19 Etappen vom Hinterrhein in den Rätikon»; Rotpunktverlag, 2010, 320 Seiten, Fr. 45.90