Werner Paul Meyer war oft zu Fuss in Nepal unterwegs. Ein Vierteljahrhundert lang hat der Inge­nieur im Auftrag von Hilfswerken beim Aufbau ländlicher Infrastruktur mitgewirkt und Verkehrswege erschlossen. Er hat ein Konzept entworfen und dazu das Handbuch «Green Roads in Nepal» geschrieben. Es dreht sich darum, dass in hügeligem Gebiet umweltverträgliche Strassen gebaut werden sollen; Strassen, die nur ein Minimum an Erosion bewirken.

«Bioengineering» nennt der Agrikulturtechniker seine sanfte Methode. «Man nimmt auf geologische und klimatische Gegebenheiten Rücksicht und setzt ausgewählte Pflanzen zum Erosionsschutz ein.» 1984 hat Meyer im Rahmen eines Infrastrukturprojekts der Helvetas mit dem ländlichen Strassenbau begonnen. Der 60-Jährige, der mit einer Nepalesin verheiratet ist, weiss, welche Herausforderungen die arme Bergbevölkerung bewältigen muss und wo sie der Schuh drückt. «Ohne Strassen sind die Menschen abgeschottet, selbst heute, im Handyzeitalter. Welcher Lehrer nimmt einen dreitägigen Marsch zur Schule in Kauf, wenn er eine Stelle an einem Ort kriegt, wo der Bus hinfährt?»  

Wegmarken sind für immer verloren

Ende der neunziger Jahre wurden in Nepal mehrspurige Schnellstrassen und Autobahnen in die Landschaft gelegt, finanziert von potenten ausländischen Geldgebern wie den USA und den Nachbarstaaten China und Indien. Meyer erlebte, wie jahrhundertealte Wegelemente innert kürzester Zeit verloren gingen: Stundensteine, die die Entfernung zu Kathmandu in Tagesreisen angeben, religiöse Stelen, Rastplätze oder Brunnen, wo Reisende und Pilger innehielten, um sich zu erfrischen oder einen Schwatz abzuhalten. «Historische Zeugen wurden von Bulldozern plattgewalzt, kulturelle Bezüge ausgelöscht – und das unter dem Deckmantel von Entwicklung und Fortschritt.»

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Meyer, der seit einem Raubüberfall in Nepal vor zwei Jahren gesundheitlich angeschlagen ist, spricht schneller, seine Stimme wird eindringlich. Man spürt: Die Sache liegt ihm am Herzen. Etliche Stätten in Nepal sind von welthistorischer Bedeutung, insbesondere für Millionen von Hinduisten und Buddhisten. In Lumbini im Distrikt Rupandehi soll die Mutter von Buddha niedergekommen sein. «Den Geburtsort von Buddha müsste man als Pilgerort erhalten», sagt Meyer, «als authentischen Ort, nicht als Schiessbudenzirkus.»

Nicht nur aus Idealismus will Meyer his­torische Stätten retten, sondern auch, weil die Bewahrung der kulturellen Werte dem Land langfristig einen ökonomischen Nutzen bringen könnte. Da Via Storia ähnliche Ziele verfolgt, schrieb er Guy Schneider vom Zentrum für Verkehrsgeschichte an. Der Geograph erkannte das Potential des kulturellen Reichtums der von Säumern, Pilgern und Postboten genutzten Wege in Nepal – nicht zuletzt als Basis eines nachhaltigen Trekkingtourismus.

Nun galt es, das Wissen aus der Schweiz nach Nepal zu übertragen. Zwar hätten Bergvölker, ob in der Schweiz, in Nepal oder Bolivien, vieles gemeinsam, so Meyer. Doch die Unterschiede überwiegen: Nepal befindet sich im Vergleich mit der hochtechnisierten Schweiz in vielerlei Hinsicht noch im Mittelalter. Zudem existieren in Nepal relativ wenige schriftliche Quellen; Wissen wird meist nur mündlich tradiert.

Einheimische profitieren zu wenig

Eine flächendeckende Inventarisierung der historischen Wege ist auch aus finan­ziellen Gründen nicht realisierbar. Daher wurde im Jahr 2000 ein Testgebiet um den heiligen Berg Kailash bestimmt, das heute stark frequentiert wird – von Pilgern wie von Trekkingtouristen. Zehn Jahre später reisten Meyer und Schneider erstmals zusammen nach Nepal und verfassten mit zwei nepalesischen Experten gemeinsam einen Bericht. Unterstützt wird das Pilotprojekt aus der Schweiz und von ICIMOD, einem internationalen Forschungszentrum mit Sitz in Kathmandu, das die Entwicklung von Bergregionen fördert.

Das Beispiel der Kailash-Testregion zeigt, dass die Einheimischen bisher kaum vom Tourismus profitiert haben – Kasse machen die grossen Reiseanbieter aus Kathmandu. Das Material für ihre Pauschaltouren lassen sie einfliegen, von den Zelten bis zum Essen. Ein Bergbauer bekommt höchstens ein paar Rupien dafür, dass er sein Land zum Campen zur Verfügung stellt – und dazu den liegengelassenen Abfall. Das wollen Meyer und Schneider ändern. «Der Einbezug der Bevölkerung ist ebenso wichtig wie die Erhaltung der Kulturlandschaft. So könnte man dringend benötigte Arbeitsplätze schaffen», sagt Meyer. Er denkt an Esslokale und Rasthäuser oder Übernachtungsmöglichkeiten bei Privaten.

Die fehlende Infrastruktur ist nur ein Problem. Für den Besuch von Naturreservaten und -parks braucht es eine Trekkingerlaubnis. Die Agenturen können sie im Gegensatz zu Einzelreisenden problemlos beschaffen. Doch die Schweizer lassen sich nicht abbringen von ihrer Idee eines «freien, sanften Tourismus». Guy Schneider hat neben der Erhaltung der Saumpfade auch die Pflege der tradi­tionellen Landwirtschaft im Blick. Viele Felder seien vernachlässigt, weil sich die Nepalesen heute vorwiegend von Importreis ernährten. «Dabei wäre es sinnvoller, wieder alte Getreidesorten anzubauen.»

Krieg hat tiefe Spuren hinterlassen

Viele Traditionen und Werte seien seit dem Zerfall des nepalesischen Königreichs «im Sinkflug», so Meyers Einschätzung. Dazu kommt der wachsende indische und chinesische Einfluss. Im Namen der maoistischen Revolution wurden bedeutende Kulturgüter wie Klöster und Paläste zerstört. «Viele Nepalesen haben durch die politischen Umwälzungen ihre Wurzeln verloren. Sie sind orientierungslos und müssen erst eine neue Identität finden.»

Meyer hat Verständnis dafür, dass ein Kulturwege-Projekt nicht an erster Stelle steht für ein Land, das von 1996 bis 2006 vom Bürgerkrieg geplagt wurde. Weitermachen will er trotzdem – oder gerade deswegen. «Wir haben genug Papier produziert, jetzt sollte es endlich losgehen.» Ab diesem Sommer wird Meyer sein Projekt von Pakis­tan aus vorantreiben. Dort baut er im Rahmen eines Armutlinderungsprogramms der  Helvetas ländliche Strassen. «Grüne» Strassen, natürlich.