Sepp ist ein Schlappschwanz, Zauderi und Angsthase. Allen will ers recht machen. Zu Hause hat seine Frau die Hosen an. Sepps Nachbar nennt ihn deshalb verächtlich «Zwetschgen-Manndli». Das ist seine Theaterrolle. Im wirklichen Leben ist Roland Häfeli Schulhausabwart und sogar in seiner Freizeit im Dienst: «Da in der Gruppe einige rauchen, habe ich am Haupteingang ein Glas mit Wasser bereitgestellt. Merci.» Sagts, setzt sich und ist wieder Sepp, der Sepp aus dem Theaterstück «Heu- und andere Schrecken», das er in einem Kellerraum des Schulhauses mit anderen Mitgliedern des Gemischten Chors Matzendorf einstudiert.

Madeleine Marquis, 44, Charcuterieverkäuferin und Mutter, spielt die Klatschtante Susi. Sie darf Pointen wie diese ins Publikum schiessen: «Ich sägs ja immer, lönd de Wädi nöd en Augeblick mit ere Frau eläi. De baggeret jetzt eifach alles aa - ussert mich!»

Philipp Bieli, der 24-jährige Lastwagenmechaniker, muss sich durchs Stück hindurchküssen, er mimt einen verliebten Studenten. Nicht weniger als vier Liebespaare werden im Laufe der zwei Stunden produziert. Eine Adoptivtochter findet am Schluss ihre leibliche Mutter, und ein fremdenfeindlicher Bauer wird vom Saulus zum Paulus. Vor allem aber werden «Müntschi» verteilt, und dazwischen wird tüchtig geschnapst. Was zweifellos für Heiterkeit sorgen wird.

2000 Vereine in der Schweiz spielen Theater, darunter Damenriegen, Turnvereine und eben auch der Gemischte Chor in Matzendorf, einem kleinen Juradorf im Kanton Solothurn. Denn wer den «Sternen»-Saal oder die Mehrzweckhalle füllen will, der muss ein Stück aufführen. Die Komödien, Lustspiele, Schwänke, Volksstücke, meist in Dialekt, ziehen viermal so viele Zuschauer an wie die professionellen, subventionierten Bühnen, insgesamt eine Million. So wird auch der Gemischte Chor erst «Der wilde, wilde Westen» und «Aber dich gibts nur einmal für mich» singen. Doch der Höhepunkt, das sind die anschliessenden zwei Stunden Theater.

Trockenübung im Schulhauskeller

Eine der ersten Proben im August, noch drei Monate bis zur Premiere. Die Leseproben waren bereits im Mai. Wie Verschworene treffen sich die Darsteller in einem geweisselten, traurigen Raum im Untergeschoss des Schulhauses. Wer nicht gerade mit Spielen dran ist, wartet, lernt seinen Text, wartet wieder oder macht Faxen im Hintergrund wie Roland, der Abwart. Die vier Neonröhren surren. Es ächzt und knarrt an allen Ecken, die Souffleuse ist nicht da, der Ersatz nicht so wendig wie das Original. Es fliesst nicht, die Texte sitzen nicht, man spielt mit dem orangefarbenen Textbüchlein in der Hand, hält es vor die Brust wie einen Schutzschild. Die Schauspielkunst beschränkt sich bei einigen noch aufs Rudern mit den Armen. Sonja Bobst-Christ, 58, Regisseurin und Präsidentin des Gemischten Chors, lässt sich nichts anmerken. «Das macht ihr zwei tipptopp. Das gibt ein gutes Liebespäärli», lobt sie. Sie hat extra Regiekurse besucht.

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Der Gemischte Chor bei der Theaterprobe - in Zivil: Fredy Jorns, Kathrin Locatelli, Stefan Michel, Claudia Di Gennaro, Sonja Bobst-Christ (Regie), Philipp Bieli, Jasmin Allemann, Roland Häfeli, Regula Fischer, Madeleine Marquis, Sandra Schöni, Ruth Probst (Souffleuse) und Hanspeter Christ. Auf dem Bild fehlt: Roger Kobel



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... und als Theaterfiguren auf der Bühne: Bauer Kari Hablützel mit Ehefrau Elsi; Tino der Italiener; Tierärztin Gaby Flicker; Sonja Bobst-Christ (Regie); Liebespaar Urs und Steffi; Ehepaar Sepp und Emilia Notter; Klatschtante Susi Würmli; Studentin Fränzi Hablützel; Ruth Probst (Souffleuse) und das Dorforiginal Wädi. Es fehlt: Polizist Fredi Furrer



Immerhin gibts Reka-Checks

Warum nur tun sie sich das an? Der Koch, die Hausfrau, der Maler, die Religionslehrerin, der Informatik-Projektleiter, der Lastwagenmechaniker, die Uhrenfabrikarbeiterin, die Gärtnereiangestellte? Sie könnten ja, statt in einem Keller zu üben, zu Hause gemütlich auf dem Sofa vor dem Fernseher sitzen, mit ihren Kindern spielen oder jassen oder joggen gehen. Warum quälen sie sich drei Monate lang einen Abend pro Woche, schaufeln Text in den Kopf - und gehen das Risiko ein, sich vor der ganzen Gemeinde zu blamieren? Und erst noch ohne Aussicht auf eine Belohnung, einmal abgesehen vom Reka-Gutschein und den Dankesworten für lückenlosen Probenbesuch. Warum?

Hanspeter Christ, 43, «theateret», wie man hier im Dünnerntal sagt, seit Jahren. Er spielte schon einen Pöstler, einen «Dokter» und einen Greis (das Stück hiess: «Liebe, Geld und Altpapier») - der war am anspruchsvollsten, weil man sich nur langsam bewegen darf, denn «ein 70-Jähriger seckled dir ned». Zwei Monate lang lernt er jeden Feierabend seinen Text. Am Mittwoch ist Theaterprobe, am Dienstag «Gsang», die Chorprobe läuft schliesslich weiter. Daneben hat er noch vier Kinder und führt ein Malergeschäft. Dabei hat er, als er angefragt wurde, abgewinkt: «Ich kann nicht auswendig lernen.» Heute spielt er meist Hauptrollen. Schon seine Eltern haben «theateret», die Christs haben das im Blut, heisst es. Vom Auftritt seiner Mutter als Anne Bäbi Jowäger erzählt das Dorf noch heute.

Allein in Matzendorf mit seinen 1'300 Einwohnern spielen vier Vereine Theater. Der Gemischte Chor alle zwei Jahre im November, abwechselnd mit dem Männerchor Frohsinn, der mit dem Kirchenchor zusammenspannt. Im Januar ist der Turnverein dran, im Frühling die Musikgesellschaft. Es ist ein richtiger Wettbewerb. Und daran ist auch nichts Schlechtes, denn er spornt die Vereine an. Der historische Kampf zwischen Liberalen und Konservativen in Solothurn hat in Matzendorf bis heute seine Spuren hinterlassen. 1897 spaltete sich die Musikgesellschaft, und die Folgen dieser Sezession sind noch 2007 spürbar: Es gibt die Brass Band (eher CVP) und die Musikgesellschaft (eher FDP). Und es gibt den Männerchor (eher CVP) und den Gemischten Chor (eher FDP), auch er eine Kampfgründung. Es käme dem Gemischten Chor nicht in den Sinn, mit dem Männerchor zu konzertieren. Und umgekehrt. Eine alte Geschichte.

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Konkurrenz belebt das Geschäft

Dabei bräuchte der Gemischte Chor dringend Verstärkung, das älteste Aktivmitglied ist 88 Jahre alt, drei von vier Chormitgliedern sind Frauen. Doch die Vereine scheinen den Standpunkt zu vertreten: lieber kapitulieren als fusionieren. Darauf angesprochen, antwortet man, wenn überhaupt, hinter vorgehaltener Hand: das sei «politisch». Niemand will etwas damit zu tun haben. Ja nicht schreiben soll man das. Als vor zwei Jahren der FDP-Gemeindepräsident abgewählt wurde und zum ersten Mal in der Gemeindegeschichte ein CVP-Vertreter das Amt erhielt, sagte der Abgewählte zur Lokalzeitung: «Das ist ein Rückfall in die Zeit der Grabenkämpfe.» Es hörte sich wie eine Drohung an.

Indes, der Wettbewerb bedeutet nicht nur Gegeneinander, denn das Wetteifern, das eint ja auch. So schickt der Männerchor dem Gemischten Chor für die Theateraufführung jeweils eine Handvoll Leute, zur Verstärkung hinter dem Buffet und im Service. Und wenn man zudem weiss, dass die Matzendorfer Familie Fluri seit über 150 Jahren in der Gemeinde den Orgeldienst versieht, der Vater den Kirchenchor dirigiert und der Junior den Gemischten Chor, dann ahnt man, dass es bei diesen Geschichten ebenfalls um Tradition geht. Und die verbindet.

Eine weitere Theaterprobe Ende September. Noch sieben Wochen bis zur Premiere. Es ist frisch geworden, zum Rauchen draussen, oben am Haupteingang, ist es bald zu kalt. Die Probe ist schon weit fortgeschritten, als plötzlich eine kleine, ältere Dame in den Raum trippelt und Platz nimmt. Es ist Bethli Müller, wie sie sich später vorstellen wird, Damenschneiderin, zuständig für Requisite und Kostüme. Sie trägt einen goldenen, zu grossen Siegelring am rechten Zeigefinger - zu gross, weil er nicht recht zu ihrer zierlichen Erscheinung passen will. Sie beobachtet, wobei sie den Kopf einmal schräg nach links, dann wieder schräg nach rechts neigt. Fast übertrieben im Vergleich zu den Schauspielern vorne, die eher zu sparsam umgehen mit ihren Bewegungen. Sie macht sich beim Zusehen Notizen, kleidet in Gedanken das Personal ein und lächelt selig, wirkt glücklich entrückt.

Die erste Pause nutzt Bethli, um alle persönlich mit Handschlag zu begrüssen. «Bei mir gibt es kein Plastik», lautet ihr Grundsatz. Für ihre Arbeit recherchiert sie, schaut sich die Stücke der Konkurrenz an. Im «Gäu unten», dem Nachbarbezirk, habe eine Schauspielerin schon Leggings getragen, in einem historischen Stück. Sie verwirft die Hände. «Dann nützt das beste Auswendiglernen nichts, da kann man viel versauen.»

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Der öffentliche Ehestreit

Sieben Wochen später. Endlich! Hauptprobe auf der Bühne des «Sternen»-Saals. Noch zwei Tage bis zur Aufführung. Jetzt gilts ernst. Im Schminkraum herrscht emsiges Treiben. Die Raucher rauchen nervös und tigern herum. Herzflattern. Auf der Bühne hat Kari, der Bauer, der keine Ausländer mag, den ersten verbalen Schlagabtausch mit Emilia, der Italienerin. Man würde nicht vermuten, dass sie im wirklichen Leben ein Paar sind. Auch deshalb tun sie es: Jetzt dürfen sie einmal vor Publikum miteinander schimpfen, einmal in eine andere Rolle schlüpfen. Es ist bekannt, dass das Erlebnis der Verwandlung in eine Rolle wie eine Befreiung wirken kann. Besondes bei einem nüchternen Volksschlag wie den Deutschschweizern. Und es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass die Theaterprobe manche Psychotherapie ersetzt. «Manchmal gehts dir nicht so gut, dann gehst du in die Probe, und am Ende ist der Kummer vergessen», sagt Madeleine, die Charcuterieverkäuferin. Sonja bevorzugt das schöne altmodische Wort «Kameradschaft».

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Zu schön, um einfach aufzuhören

Einen weiteren Grund, warum sie es tun, wahrscheinlich den wichtigsten, erwähnen die Laienschauspieler nie, weil er selbstverständlich ist: Diese eruptive, bedingungslose Lust am Spielen, die emporsteigt aus dem fast vertrockneten Brunnen der Kindheit.

Die Hauptprobe ist nun in vollem Gang. Im abgedunkelten Saal sitzen drei ältere Damen, um die 70, Chormitglieder. Sie sind das Testpublikum. «Bisch am Morge scho bsoffe?», fragt die Bauersfrau das Dorforiginal auf der Bühne. Die drei Damen glucksen vor Vergnügen, klatschen, rufen «Bravo! Bravo!» und genehmigen sich einen Schluck Kaffee aus dem Plastikbecher und die selbstgebackenen Ananaschüechli. Eine der drei bemerkt stolz, der Wädi, das Dorforiginal, sei ihr Sohn.

Hinter der Bühne ist nun auch Bethli zugange. Mit den Fingerkuppen ihrer rechten Hand streicht sie jedem Mimen vor dem Auftritt sanft über den Oberarm, fast unmerklich. Nach der Aufführung wird sie die von der Schminke verdreckten Hemdkragen waschen und für die nächste Aufführung gebügelt zurückbringen. Bethli möchte schon lange damit aufhören, doch sie schafft es nicht, nein zu sagen, wenn sie angefragt wird. «Ich habe diese Leute so gern», sagt sie.

In zwei Tagen werden 250 Leute im Saal sitzen. Leute? Es sind Freunde, Feinde, Nachbarn, Ehefrauen, Kinder, Eltern. Der Koch wird zwei Stunden lang zum Studenten, die Charcuterieverkäuferin zur Tratschtante, der Informatik-Projektleiter zum Polizisten, der Schulhausabwart zum «Zwetschgen-Manndli». Und es wird sich kein einziger der Darsteller blamieren. Denn wer hier auf die Bühne steht, hat schon gewonnen.

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