Route 1: Ausserberg – Raron VS

 

Route

Der «Kulturweg Ausserberg–St. German–Raron» führt durch hübsche Dörfer und bietet eine tolle Sicht ins Rhonetal. Die einfache Wanderung eignet sich auch als Familienausflug. Nach einer guten Stunde erreicht man die Burgkirche Raron mit dem Grab von Rainer Maria Rilke und einem Museum.


Anreise 

Mit dem Zug nach Ausserberg, von dort nach Westen Richtung St. German und Raron.


Restaurants

Verschiedene Einkehrmöglichkeiten in den Dörfern.


Infos

Geniessen, wo Iris von Roten für die Frauen kämpfte

Diesen April wäre die 1990 verstorbene Feministin und Journalistin Iris von Roten 100 Jahre alt geworden. 1958 erschien ihr Hauptwerk «Frauen im Laufgitter» und löste einen Skandal aus. Von Roten setzte sich darin unter anderem für Mutterschaftsversicherungen und Krippen ein, aber auch für eine befreite weibliche Sexualität. Diese Forderungen waren zur damaligen Zeit eine unerhörte Provokation. «Aber gewisser als Ekstasen bringt die Heirat den Frauen Haushaltsarbeit, [...], sie haben sicher einen Haushalt geheiratet. Er vor allem ist ihr Lebensgefährte.»

Während ihres Rechtsstudiums in Bern lernte sie ihren späteren Mann Peter von Roten kennen, auch er ein Jurist. 1946 heirateten die beiden, und sie zog zu ihm nach Raron ins Wallis. Peter von Roten entstammte einer konservativen katholischen Walliser Familie, die das Paar scharf beobachtete. Doch schon bald wurde Peter von Roten der grösste Unterstützer seiner Frau, er sagte einmal: «Ich werde als der Mann der Frau in Erinnerung bleiben, die dieses Buch geschrieben hat.» Damit hatte er recht.

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Die Ortschaft Raron bietet auf kleinem Raum einige Sehenswürdigkeiten: Vom Dorfplatz im wunderschönen alten Ortskern aus gelangt man zur Burgkirche, dem Wahrzeichen. Auf der linken Seite zu Beginn des Weges befindet sich das altehrwürdige Von-Roten-Haus. Neben der Burgkirche steht das alte Pfarrhaus, das heute ein Museum ist. Ein ganzer Raum darin ist Iris von Roten gewidmet, ein Besuch lohnt sich.

Route 2: Zum Gasthaus Sassal Masone GR

 

Route

Haltestelle Ospizio Bernina (2253 m)–Uferweg Lago Bianco– Gasthaus Sassal Masone (2355 m)– Lagh da Caralin–Alpe Palü–Cavaglia (1703 m); mittelschwere Wanderung mit spektakulären Ausblicken; vereinzelte Steil- und Felspassagen, die Trittfestigkeit erfordern; Dauer der Wanderung: 5 Stunden. Leichtere und kürzere Variante (3 Stunden): ab Lagh da Caralin hinunter zur Station Alp Grüm (2103 m). 


Anreise

Ab Pontresina mit der Rhätischen Bahn Richtung Poschiavo; die Stationen Ospizio Bernina, Alp Grüm und Cavaglia liegen alle an dieser Linie.


Restaurants 

Gasthaus Sassal Masone mit den Crot-Steinhäusern, Albergo Belvedere auf der Alp Grüm.


Infos

Auf der Suche nach der Lösung eines Rätsels namens Proust

Der junge Mann hat einen zweifelhaften Ruf. Verzärtelter Sohn aus grossbürgerlichem Haus, Salonlöwe ohne erkennbare Neigung zur Arbeit. Ein Snob. Marcel Proust passt eigentlich nicht in die raue Schweizer Bergwelt. Und doch: Im Sommer 1893 verbringt der 22-Jährige drei Wochen in St. Moritz, eine therapeutische Massnahme gegen sein Asthma. 

Proust wandert, liest viel, macht sich Notizen, korrespondiert mit seinen Freunden aus der Pariser Bourgeosie. Seinen Ruhm begründet er exakt 20 Jahre später mit dem ersten Band seines Hauptwerks, des siebenteiligen Romans «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit». Aber vieles, was 1913 die Moderne einläuten wird, erprobt der Autor gerade in jenen Engadiner Tagen, wie Proust-Spezialist Luzius Keller festhält: «Mehrstimmiges Erzählen im Briefroman, Träume, Obsessionen, Übertragung von Gefühlen auf einen Fetisch, Veränderungen der Persönlichkeit, Homosexualität.» Keller, emeritierter Literaturprofessor der Universität Zürich, hat Prousts Aufenthalt in einem Buch aufgearbeitet. Im Zentrum steht dabei die Auflösung eines Rätsels.

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Mysteriöse Buchstaben im Hüttenbuch

Am 22. August 1893 wandert der damals unbekannte Marcel Proust mit seinem Freund Louis de la Salle auf den Berninapass und weiter zum Rifugio Sassal Masone. Das Markenzeichen dieses Berggasthauses am Fuss des Palügletschers sind zwei Crots, kreisrunde Steinbauten, in denen Käse und Wein lagern – sowie eine grandiose Aussicht ins Puschlav. 

Gleich nach der Ankunft platzieren Proust und de la Salle im Gästebuch ihr Rätsel: Statt ordentlich Namen, Stand und Wohnort anzugeben, schreibt Proust neben seinem Namen zwei Buchstaben in Klammern: «(A.G.)», daneben de la Salle: «Dem Vogel, der heut sang». Was soll dieser kryptische Eintrag bedeuten, ein Zeugnis von Prousts verschachteltem, symbolschwerem Denken?

An dieser Frage beissen sich Literaturexperten die Zähne aus. Der Halbsatz aus Richard Wagners Oper «Die Meistersinger von Nürnberg» gilt als Phrase für die Erinnerung an einen abwesenden Geliebten. Die Buchstaben A und G ordnet Romanist Luzius Keller in seinen Nachforschungen Prousts verstorbenem Genfer Freund Edgar Aubert respektive der schönen Comtesse Greffulhe zu, die der Literat in seinen Briefen immer wieder verzückt beschreibt. Weshalb er diese zwei so unterschiedlichen Menschen in seinen Gedanken an einem heissen Sommertag bis hinauf in die Bergwelt auf 2355 Meter über Meer trägt, bleibt freilich Prousts Geheimnis.

«Eine wahrhaft blaue Gegend»

Vergleichsweise konkret schildert der Autor, was er von Sassal Masone aus sieht. Seiner fulminanten Liebeserklärung an die Landschaft der Bündner Südtäler ist nichts hinzuzufügen: «Uns zur Seite schimmerten Gletscher. Zu unseren Füssen durchzogen reissende Bergbäche eine wilde Engadiner Landschaft von dunklem Grün. Dann ein geheimnisvoll anmutender Hügelzug; und dahinter malvenfarbene Hänge, die sich bald öffneten, bald wieder schlossen, vor einer wahrhaft blauen Gegend; es war eine herrlich rein leuchtende, in Opal- und Mondscheintönen schimmernde Strasse auf Italien zu.»

Auf der Suche nach der Lösung eines Rätsels namens Proust

Sassal Masone GR

In den runden «Crots» am Fuss des Palügletschers lagerten einst Wein und Käse.

Quelle: Andrea Badrutt

Route 3: Zu den Weinbergen von Lavaux

 

Route

Der Wanderweg «Terrasses de Lavaux» beginnt in St-Saphorin und endet in Lutry bei Lausanne. Er windet sich durch die berühmten Weinterrassen, die im 12. Jahrhundert angelegt wurden und heute zum Unesco-Welterbe gehören. Der einfache Weg ist 11 Kilometer lang, die Wanderung dauert etwa 3¼ Stunden.


Anreise

Mit dem Zug nach St-Saphorin, den Wegschildern und Infotafeln folgen bis Lutry (Bahnhof).


Restaurants

Viele gemütliche Winzerkeller und Lokale am Weg.


Infos

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Wein lesen ist gut, Anne Cuneo lesen auch

«Ich hatte mir gesagt, ich könne nicht alles zugleich haben, die Stadt und das Land. Doch bei meiner Ankunft in Lausanne wurde mir sofort klar, dass es möglich ist», schreibt Anne Cuneo in ihrer Autobiografie «Portrait der Autorin als gewöhnlicher Frau». 

Die Schriftstellerin und Regisseurin wurde als Kind italienischer Eltern in Paris geboren. Im Zweiten Weltkrieg zog die Familie nach Mailand, wo der Vater 1945 verstarb. In der Folge wurde Anne Cuneo in verschiedenen Waisenhäusern in Italien untergebracht. 1950 landete sie schliesslich in einem katholischen Internat in Lausanne. Zeit ihres Lebens liebte sie diese Stadt am Genfersee und die Region darum herum.

Cuneo gilt in der Deutschschweiz als die populärste französischsprachige Schweizer Autorin – sie lebte zeitweilig in Zürich. Doch Lausanne blieb sie bis zu ihrem Tod am 11. Februar 2015 treu. «Lausanne ist die Stadt in der Welt, in der ich am meisten zu Fuss unterwegs war, um von einem Punkt zum anderen zu gelangen – besonders während all der Jahre, in denen sogar eine Tramfahrkarte zum Luxus zählte», schreibt sie. «Ihr» Lausanne, das ist die Rue Saint-François, die Rue de la Grotte, das Café des Philosophes.

Cuneo war auch immer wieder in der Umgebung von Lausanne unterwegs. Ganz besonders liebte sie die steilen Weinterrassen des Lavaux, die seit 2007 Unesco-Welterbe sind: «Um mich zu beruhigen, betrachte ich den See und Lavaux», notiert sie. Wahrlich einer der schönsten Orte der Welt, nicht nur für Anne Cuneo.

Lavaux VD

An den Hängen von Anne Cuneos geliebtem Lavaux – hier bei Cully – gedeiht vor allem die Rebsorte Chasselas.

Quelle: Nico Schärer / Swiss-Image

Route 4: Maderanertal

 

Route

Bristen Dorf (770 m)–Hotel Maderanertal–Sass (1465 m)–Blindensee–Guferenalp–Stössialp–Legni–Bristen; Rundwanderung ohne besondere Schwierigkeiten durch eine vielfältige Berglandschaft; 


Dauer

5½ Stunden.


Anreise

Mit dem Zug bis Amsteg, von dort mit dem Postauto nach Bristen.


Restaurants

Hotel Maderanertal, Berggasthaus Legni


Infos

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Eine Zeitreise mit H. G. Wells in die Urner Urnatur

Der englische Autor Herbert George Wells war ein Spezialist für Zeitsprünge. In der Regel für solche nach vorn: Sein Science-Fiction-Klassiker «Die Zeitmaschine» (1895) beschreibt eine Reise ins Jahr 802701. Auf seinen realen Reisen versetzte sich Wells hingegen lieber in die Vergangenheit. Die Ursprünglichkeit des Maderanertals hatte es ihm besonders angetan. Schroffer Fels, wilde Bäche, satte Wiesen – die Kulisse, von der Natur in Jahrtausenden geschaffen, hat sich bis heute kaum verändert. 

«Mr. & Mrs. H. G. Wells, Author, Sandgate, England». Dieser Eintrag vom 14. Juni 1902 ins Gästebuch des Berghotels Maderanertal belegt den Aufenthalt des berühmten Literaten in den Urner Bergen. Das 1864 erstellte Gasthaus war in den Anfängen des alpinen Tourismus ein Magnet vor allem für Briten. Zum Ensemble gehörten neben dem klassizistischen Haupthaus eine Bäckerei, ein Waschhaus sowie – im katholischen Urnerland – eine Kapelle für anglikanische Messen. Und das noble «Engländerhaus». 

Ob Wells wohl sinnierend davorsass, den Blick auf den mächtigen Oberalpstock gerichtet, und in Gedanken eine Heldin aus der Erzählung «Der Traum» entstehen liess? «Während der letzten Tage hatte Heliane immer wieder sehnsüchtig zu den glitzernden Schneefeldern emporgeblickt; schneebedeckte Berge übten eine magische Anziehungskraft auf sie aus.» 

Maderanertal UR

Fenster zum Tal: ein museales Zimmer im Berghotel Maderanertal.

Quelle: PASCAL MORA
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Bücher zu literarischen Wanderungen

  • Luzius Keller: «Proust im Engadin»; Hoffmann und Campe, 2011, 128 Seiten, CHF 20.90
  • Ursula Kohler: «Literarisches Reisefieber. Kreuz und quer durch die Schweiz – zu Fuss und mit dem Velo»; AS-Verlag, 2017, 240 Seiten, CHF 41.90 
  • Silvia Schaub: «111 Orte im Engadin, die man gesehen haben muss»; Emons-Verlag, 2017, 240 Seiten, CHF 23.90
  • Dominique Strebel, Michael T. Ganz (Hgg.): «Dies Land ist masslos und ist sanft. Literarische Wanderungen im Wallis»; Rotpunktverlag, 2006, 400 Seiten, CHF 33.90

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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