Wer vier Dutzend Revolver an der Wohnzimmerwand hängen hat, wählt republikanisch, würde man meinen. Aber der Indianer «Bear Man» ist für Obama. Von den Republikanern und dem «ganzen fucking Bible Belt Shit» hält der 69-Jährige wenig; genau wie von «diesem dummen Wesen aus Alaska». Er meint Sarah Palin, die republikanische Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin.

Aber Bear Man kann am 4. November nicht wählen, nicht in den USA. Er hat einen Schweizer Pass, und im bürgerlichen Leben - sofern es diesen Namen verdient - heisst er Angy Burri. Der grossgewachsene, breitschultrige Kerl mit der tiefen Stimme hat fraglos etwas Bärenhaftes, wenn er leicht hinkend durch seine Attikawohnung trottet. In der Innerschweiz ist Burri ein bekanntes Original, in der eidgenössischen Westernszene eine lebende Legende. Den meisten ist er als Frontmann der Band The Apaches bekannt. Seit Jahrzehnten zelebriert Burri im engen Horw den American Way of Life mit Lederrock und Harley.

Steppen, Weiten und Wildnis im Blut

Der Stadtindianer mit seinem Feuerstuhl befremdet viele, denn Amerika ist schon lange nicht mehr cool. In der Wahrnehmung vieler Europäer ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die Heimat der Freien und Tapferen, längst zum selbstgerechten, Öl saufenden Tyrannen verkommen.

«Ich kenne ein ganz anderes Amerika, eine ganz andere Welt als die von Bush», sagt Burri. Auf seinen USA-Reisen habe er sehr gute Leute getroffen, unter Weissen wie unter Indianern. «Where the fuck is Washington D.C.?», pflegten die Menschen in Montana bloss zu erwidern, wenn er sie auf die Bush-Administration angesprochen habe - wo zum Teufel ist Washington?

Burri selbst hält es ähnlich. Er interessiert sich hauptsächlich für die amerikanischen Ureinwohner. «Das Indianische war immer ein Teil von mir, das wusste ich bereits, als ich fünf war.» Mit zwölf Jahren bastelte er sich sein erstes Tipi. Damals dachten die Eltern, die Begeisterung würde sich nach der Schulzeit legen. Irrtum. Burri hat Steppen, Weiten und Wildnis im Blut. Sein Urgrossvater wanderte einst gen Osten aus - und zwar so weit, dass er fast im Westen gelandet wäre. Im äussersten Zipfel Sibiriens liess er sich nieder und heiratete eine Halbtschuktschin. Lebensweise und Schicksal der sibirischen Tschuktschen decken sich in weiten Teilen mit der Geschichte der nordamerikanischen Ureinwohner. Zwar floh bereits die nächste Generation von Burris Vorfahren vor der Oktoberrevolution wieder in die Schweiz zurück. Aber wer Ahnen hat, hat eine Ahnung.

Burri sog alles auf, was aus den Vereinigten Staaten nach Europa schwappte: Mode, Musik und Geschichte. «In den frühen Fünfzigern trug ich schwarze Jeans und Jeansjacke. Damit war ich hier eine Ausnahmeerscheinung.» Ausnahme war auch, dass er als Mann diese Jeans immer wieder selbst flickte. «Ich konnte schon damals gut nähen.» Er entspreche nicht dem typischen Männerbild.

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«Das sind meine Black Hills»: Angy Burri am Glaubenberg OW



Von einer Crow-Familie adoptiert

Irgendwann nähte er Kostüme für seine Band, später Revolvergürtel für spanische Wildwestfilme. Heute besitzt er Ausstattungen für über 40 Indianer, ausserdem unzählige Accessoires wie Tomahawks, Zeremonienstäbe, Trommeln und Federschmuck, die er alle selbst gefertigt hat.

An einem Bügel hängt ein hirschledernes Kleidchen, auf der Schulterpartie prangen zwei gestickte Hakenkreuze, weiss umrandet auf hellblauem Grund. Burri hat das Kleid für seine Enkelin gefertigt. «Lange bevor es die Nazis verwendeten, war das Hakenkreuz ein indianisches Glückssymbol», sagt Burri. Als solches sei es häufig auf Kinderkleidern zu finden gewesen. Dass es Juden gebe, die sich daran stossen, dass Indianer dieses Zeichen immer noch verwenden, versteht er nicht. Faktentreue vor Political Correctness.

Er sei eben ein bisschen extrem. In einer Vitrine stehen Schaufensterpuppen mit indianischer Kleidung. Das Ganze ist ein Vermögen wert: Allein der Kopfschmuck aus 90 Adlerfedern wurde auf 120'000 Franken geschätzt. Mit «The Wolfer» hat Burri 1979 zudem den einzigen Schweizer Western gedreht, oben beim Gerzensee. Reich geworden sei er mit all dem aber nicht. Immerhin habe er mittlerweile ein geregeltes Einkommen: AHV und Witwerrente. Denn mit seiner Frau, mit der er 50 Jahre zusammen war, führt Bear Man seit eineinhalb Jahren «eine Fernbeziehung». Sein Blick geht nach oben. «Ich kann schlecht loslassen.» Ihr Revolvergürtel hängt noch immer an der Stuhllehne.

Wenn Burri erzählt, spricht er die halbe Zeit in Englisch. Ein unaufhörlicher Strom von Namen aus der amerikanischen Politik, von Indianerstämmen, Kriegern, Schlachten und Häuptlingen. Bei allem Fanatismus gelingt ihm eine nüchterne Betrachtung, was nicht selbstverständlich ist. Der Wilde Westen war eine Epoche, die schon zu Lebzeiten zum Mythos wurde.

Selbst Indianer seien nicht davor gefeit, Legenden und Halbwahrheiten anheimzufallen, sagt Burri. Etwa wenn es um Häuptling Seattles berühmte Rede gehe, die erst 30 Jahre später niedergeschrieben wurde: «Im diesem Text spricht Seattle von Büffeln, dabei hat er seiner Lebtage nie einen gesehen.» Büffel gab es nur auf der anderen Seite der Rocky Mountains.

Mit seinem Fachwissen bringe er selbst indianische Historiker zum Staunen, sagt Burri, vor allem in Waffenkunde: «Die meisten Historiker sind verdammte Pazifisten.» Aber Waffen gehörten nun einmal zur Geschichte. Anhand abgebildeter Flinten liessen sich zum Beispiel Fotos sehr gut datieren. Wer zudem weiss, wie lang einzelne Winchester-Modelle sind, kann auch ziemlich genau abschätzen, wie gross die Protagonisten des Westens waren, die immer gerne mit ihren Waffen posierten.

Dass er wegen des neuen Waffengesetzes bald jedes einzelne Stück seiner Sammlung registrieren lassen soll, sieht Burri nicht ein. Den Amerikanern hingegen täte etwas mehr Kontrolle gut, findet er. Auch deshalb ist er gegen McCain. Zudem: «Einem, der im Krieg war, gefoltert wurde und immer noch für den Krieg ist, ist nicht mehr zu helfen.»

1988 reiste Burri das erste Mal nach Amerika, seither fliegt er fast jährlich hin. Vor einigen Jahren wurde er gar von einer Crow-Familie adoptiert - «aber ohne diesen hier», sagt er und presst die Innenseite seiner Handgelenke gegeneinander. Keine Blutsbrüderschaft. Drüben alt werden möchte Burri allerdings nicht. «Das dortige Health-Care-System ist einen Scheissdreck wert.» Und punkto Schönheit stünden die hiesigen Gefilde dem Westen in nichts nach. «Im Glaubenberg sind meine Black Hills.»

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Das Rebellische ist nur noch Geschichte

Auch der God’s Valley Saloon steht in der Schweiz - links der Strasse zwischen Dierikon und Udligenswil. Drinnen sitzen Bill Shwyzer, Beni Egli und seine Angetraute namens Die-Frau-die-gute-Laune-verbreitet. An der Wand hängt ein ausgestopfter Büffelkopf. «Das ist Nancy», sagt Shwyzer, «sie kommt aus Kanada.» Nancy ist tot, die drei anderen sind Hobbyisten. So bezeichnen sich all jene, deren Begeisterung für den Wilden Westen weit über das Normale hinausgeht. «Wir versuchen den Westen so authentisch wie möglich zu leben», sagt Elisabeth Egli. So heisst Die-Frau-die-gute-Laune-verbreitet laut Schweizer Pass. «An irgendwelchen Country-Festivals findet man uns Authentiker nicht.»

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Authentisch muss es sein: Bill Schwyzer vor seinem God's Valley Saloon



Authentisch ist auch das Interieur des Saloons. Stühle und Tische sind 130 Jahre alt. Hinter dem Tresen hängt - natürlich - der grosse Spiegel, die Theke selbst ziert eine Fussstange, und an deren Ende steht ein Spucknapf. Bisher hat sich allerdings noch niemand getraut hineinzuspucken. Freitagabends treffen sich im God’s Valley Saloon Gleichgesinnte. Der harte Kern der Schweizer Szene sei in Ob-, Nidwalden und Luzern zu Hause, sagt Shwyzer. Helvetisches Heartland also. Obwohl er betont, «Eidgenosse, nicht nur Schweizer» zu sein, kann Shwyzer dem eigenen Nationalmythos nicht viel abgewinnen: «Ich will nicht im Ballenberg rumsitzen, das ist nichts für mich.» Ausserdem seien ja auch viele Schweizer ausgewandert, ergänzt Beni Egli. So gesehen sei der Wilde Westen auch ein bisschen Schweizer Geschichte.

Neben ihrem Hobby verbindet die drei eine tiefe Abneigung gegen den Präsidenten George W. Bush und Flugzeuge. So kommt es, dass keiner von ihnen je in Amerika war. «Wenn, dann mit dem Schiff.» Aber zuerst müsse Bush weg. «Die Republikaner hetzen nur von Krieg zu Krieg, um irgendwelche Terroristengespenster zu jagen und ihre Waffen zu testen», sagt Beni Egli.

In der Schweizer Politik positionieren sich Bill Shwyzer und Beni Egli deutlich rechts von der Mitte. Trotzdem sind alle für Obama. Shwyzer würde es den Schwarzen gönnen, wenn mal «einer von denen» an die Macht käme. «Oder eine Frau», ergänzt Beni Egli. Er findet, Obama hätte Hillary Clinton als Vizekandidatin nominieren sollen. «Bill Clinton war gut», sagt Shwyzer. Die Vereinigten Staaten bräuchten jemanden, der innenpolitisch etwas auf die Reihe kriege: «Amerika ist heute nur noch landschaftlich schön.»

Doch sie interessieren sich für amerikanische Geschichte. «Früher war vor allem das Rebellische wichtig», sagt Beni Egli. Mit dem Wildwest-Outfit konnte man Anfang der Achtziger gut provozieren. Aber «um in Fellüberhosen und mit geschultertem Sattel in der Stammkneipe aufzukreuzen, brauchte man einen breiten Rücken», sagt Bill Shwyzer. Er sei auch als Indianerkrieger im Lendenschurz durch die Stadt geritten. «Bis ich in einer Bar eine Männerhand auf dem Schenkel hatte.» Seither macht er solche Sachen nicht mehr.

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Unter dem Blue Moon of Kentucky? Beni und Elisabeth Egli



Der schwache Dollar weckt die Kauflust

Heute stehe das Geschichtliche im Vordergrund. «Die Fachsimpeleien sind das Beste daran», sagt Shwyzer. «Eigentlich machen wir nichts anderes.» Egli befasst sich am liebsten mit indianischen Perlenstickereien. Zu Treffen geht der 47-Jährige als Fallensteller, der unter Indianern lebt. «So zu tun, als wär ich ein echter Indianer, ist nicht mein Ding.»

Hobbyisten leben eine zweite Identität, die sich über die Zeit entwickelt. Die-Frau-die-gute-Laune-verbreitet wurde unlängst zur Vorsitzenden der Eulenfrauen Society gewählt. Im wahren Leben arbeitet die 47-Jährige als Kioskfrau. Unternehmer Shwyzer hat es nicht nur zum Saloonbesitzer gebracht. In seiner Western Saddlery fertigt der gelernte Kaufmann kunstvolle Revolvergürtel und Überhosen. Das Handwerk hat er sich selbst beigebracht - und es hat seinen Preis: «Eine volle Cowboymontur mit Waffe, Hut und Überhosen, da kommen schnell ein paar tausend Franken zusammen.» Das Beste an Präsident Bush sei, dass er den Dollar heruntergetrieben hat, sagt Shwyzer. «So können wir drüben billiger Sachen bestellen.»

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Quelle: Tomas Wüthrich