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Wintersport«Alles fahrt Schii» war gestern

Die Jungen wenden sich vom Schneesport ab. Nun sollen Schulen und Secondos das Schweizer Kulturgut Skifahren retten.

Pulver gut – doch wo sind die Skifahrer? Ein Streckenabschnitt am Rothorn in Zermatt.

Von

 

So klingt Begeisterung: «Der Skitag war so cool! Uns hat alles gefallen», schreiben Leondrit, Juliana, Andrej, Sarina, Zeynep und andere Schüler der dritten Klasse aus Schmerikon SG. Der bunte Dankesbrief geht an den Ostschweizer Verband der Seilbahnunternehmungen, der den Kindern einen «Fünflibertag» offeriert hat: einen Tag im Schnee, und alles kostet nur je fünf Franken – Tageskarte, Skimiete, Mittagessen. «Danke für die Gondelbahn», heisst es weiter, «denn viele von uns waren noch nie in einer Gondelbahn.»

 

Der letzte Satz zeigt eine unschöne Realität: Die Jugend der Skination Schweiz hat sich von den Pisten abgewandt – rund die Hälfte der Schulkinder fährt nicht Ski.

 

Dazu passt das fatalistische Fazit, das der Dachverband Seilbahnen Schweiz zu den neusten Zahlen zieht: «zehn Jahre Rückgang». Tatsächlich wurden in den hiesigen Skistationen im letzten Winter noch 22,6 Millionen Eintritte gelöst – der niedrigste Wert seit 25 Jahren. Allein im Zehn-Jahres-Vergleich zur Saison 2004/05 betrug die Talfahrt atemberaubende 19,6 Prozent. Und über den gleichen Zeitraum hat die Zahl der Jugend+Sport-Schneesportlager (J+S) um fast einen Viertel abgenommen.

 

Abhilfe schaffen will die Lobbyorganisation Schneesportinitiative Schweiz. «Wir wollen wieder mehr Kinder zum Schneesport führen, und dafür brauchen wir die Schulen als Hebel», sagt Geschäftsführer Ole Rauch. Denn wenn man die heutige Generation nicht gewinne, gehe die nächste ebenfalls verloren. «Und das können und wollen wir nicht zulassen», sagt Rauch dezidiert. Mit «wir» meint er in erster Linie: den Bergtourismus, der im Schnitt 80 Prozent seines Umsatzes im Winter macht.

Skiorte: Die Top Ten

 

 

 Skigebiet

Kanton

Anzahl Eintritte
Saison 2014/15

Veränderung
zur Vorsaison

Preis einer
Tageskarte*

1

Zermatt

Wallis

1,41 Mio.

– 3,1%

79.–

2

St. Moritz

Graubünden

1,12 Mio.

– 0,6%

75.–

3

Adelboden-Lenk

Bern

1,11 Mio.

– 7,8%

63.–

4

Verbier

Wallis

1,03 Mio.

– 5,1%

75.–

5

Jungfrau Region

Bern

975'000

– 8,1%

63.–

6

Davos-Klosters

Graubünden

940'000

– 2,1%

69.–

7

Flims-Laax-Falera

Graubünden

798'000

– 1,3 %

76.–

8

Lenzerheide

Graubünden

728'000

– 4,1%

72.–

9

Gstaad

Bern

684'000

– 8,6%

62.–

10

Engelberg-Titlis

Obwalden

520'000

– 2,7%

62.–

* Preis für eine erwachsene Person in der Saison 2015/2016.



Konkret will die Schneesportinitiative die Schulen dazu bringen, wieder vermehrt mit den Klassen ins Skilager zu fahren oder wenigstens jährlich einen Skitag zu veranstalten, um so die Kinder «gluschtig» zu machen. Der Verein hilft bei der Organisation der Anlässe – von der Ausrüstungsmiete über die Vermittlung von Skilehrern bis zum Suchen von Lagerhäusern. Und das alles relativ günstig. Aus gutem Grund: Die hohen Auslagen sind für viele Familien der Hauptgrund, zunehmend auf Tage im Schnee zu verzichten.

Wie nachhaltig ist der «Fünflibertag»?

 

Das wissen auch die Ostschweizer Bergbahnen, die seit zehn Jahren ihren «Fünflibertag» anbieten, der den Drittklässlern aus Schmerikon im letzten Winter so gefallen hat. «Wir hören von Lehrerseite sehr oft, dass die Budgets für Ausflüge gekürzt werden und deshalb Skitage zunehmend ersatzlos gestrichen werden», sagt Roger Walser, Präsident des regionalen Seilbahnverbands. Hier biete seine Organisation Hand – und über 20'000 Kinder seien bereits auf den Brettern gestanden. Es sei wichtig, dass die Schüler früh die Gelegenheit erhielten, erste Erfahrungen im Schnee zu machen, um auch später den Zugang zum Schneesport zu finden, sagt Walser: «Ein Skitag pro Jahr bewirkt da bereits nachhaltig einen Erfolg.»

 

Primarlehrerin Monika Brauchli aus Frauenfeld macht hinter dieser Nachhaltigkeit ein Fragezeichen. Sie war letzten Januar mit ihren Sechstklässlern in einem Skilager in Melchsee-Frutt, dies im Rahmen eines Vorgängerangebots der Schneesportinitiative. Von Brauchlis 24 Schülern waren elf pure Anfänger. «Das Lager war super, aber einen Einfluss aufs künftige Skifahren wird es bei den meisten Schülern nicht haben», glaubt sie. Wer vorher mit Ski und Snowboard nichts am Hut hatte, werde dies nach so kurzer Zeit kaum ändern.

 

«Wie soll man die Schule zum Wintersport bringen, wenn die Lehrer nicht auf dem Dampfer sind?», fragt Armin Stutz, Delegierter des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) für die Schneesportinitiative. Für ihn ist klar, dass es mehr engagierte Lehrpersonen braucht. Der 60-jährige Sekundarlehrer und J+S-Leiter stellt fest, dass es immer weniger Klassenlehrer mit Affinität zum Schnee gibt, die bereit sind, ein Lager durchzuführen. Früher war an den Lehrerseminaren eine Woche Lagerausbildung obligatorisch, doch das wurde in den meisten pädagogischen Hochschulen wegrationalisiert – mit dem Ergebnis, dass es immer schwieriger wird, ausgebildete Lagerleiter zu finden.

 

Für Fachmann Stutz ist auch der integrative Gedanke bei den Skilagern zentral: «Gerade Kinder mit Migrationshintergrund lernen so unseren Lebensstil kennen, fünf Tage à 24 Stunden. Der Schneesport ist schliesslich Teil der Schweizer Identität.» Stutz hat schon über 50 Lager geleitet.

 

Auch Tanja Frieden, Snowboardcross-Olympiasiegerin von 2006 und Präsidentin des Vereins Schneesportinitiative, setzt auf das Verbindende des Wintersports: «Die Freude an der Natur, gemeinsame Erlebnisse und Bewegung in Schneesportlagern, das waren wichtige Meilensteine in meiner Jugend!» Die Schneesportinitiative als nationale Plattform habe alle nötigen Partner an Bord, um den Schulen den Weg in den Schnee freizupflügen. «Es ist mir eine Herzensangelegenheit, den Kindern den Zugang zu diesem Kulturgut zu erleichtern.»

Ein grosses Potenzial liegt brach

 

Die Jungen in der Schweiz, die nicht Huber oder Häfliger heissen, sind der Schlüssel zum Erhalt des helvetischen Kulturguts Schneesport. Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien haben besonders häufig keine Beziehung zu Skifahren und Snowboarden; umso aktiver sind sie etwa im ungleich günstigeren Massensport Fussball. Schweiz Tourismus schätzt den Anteil der Nichtwintersportler unter den Secondos auf 85 Prozent – entsprechend gross ist das Potenzial, Leute aus dieser Gesellschaftsgruppe mit der Faszination von Bergen und Schnee vertraut zu machen und als «Neukunden» auf die Pisten zu locken.

 

Das beginnt jetzt auch die Wintersportbranche als Chance zu erkennen. Die auf den alpinen Tourismus spezialisierte Beratungsfirma Grischconsulta hat Statistiken zur Migration genauer unter die Lupe genommen, um die Zahl der Leute zu ermitteln, die den Schneesport heute nur selten auf dem Radar haben. Ziel war, die unscharfe Klassifizierung der Bevölkerung «mit Migrationshintergrund» zu verfeinern – nach Herkunft, Alter sowie der Zugehörigkeit zur ersten oder zweiten Einwanderergeneration.

 

Die zentrale Aussage zur Hauptzielgruppe: Bei den unter 15-Jährigen hat jeder Zweite einen Einwanderungshintergrund. 609'000 gebürtigen Schweizer Kindern stehen in diesem Alterssegment demnach 603'000 Secondos der ersten und zweiten Generation (mit oder ohne Schweizer Pass durch Einbürgerung) gegenüber. Dazu zählen auch Kinder mit nur einem im Ausland geborenen Elternteil.

Snowboard

Einsame Schweizer, gesellige Kroaten

 

Die Frage ist nun: Wie lockt man aus diesem Reservoir an Noch-nicht-Schneeaffinen möglichst viele in die Alpen? Antworten hat Marketingexperte Darko Veljaca. Der Kürzestnenner lautet Diversifizierung: «Man muss sie mit Inhalten ansprechen, die bei ihnen verfangen. Das sind bei Leuten aus dem Balkan komplett andere als bei Schweizern.»

 

Veljaca ist spezialisiert auf interkulturelles Marketing. Es macht anhand verschiedener Kriterien Aussagen dazu, mit welchen Botschaften und mit welcher Symbolik man einzelne ethnische Gruppen am besten erreicht. Ein Faktor ist die Frage, wie hoch eine Gesellschaft Individualismus gewichtet. «Schweizer, eher ichzentriert, verführt man mit Bildern eines einsamen Skifahrers im Tiefschnee», so Veljaca. «Kroaten reagieren dagegen auf Impressionen vom gemeinsamen, fröhlichen Après-Ski positiv.»

 

Wichtig ist auch der sogenannte Machtindex, der das Verhältnis eines Kulturkreises zu Autoritäten bewertet. Ethnien mit eher patriarchalischen Strukturen hören auf Respektspersonen und Idole. Wenn sich beispielsweise der aus dem Kosovo stammende Fussballstar Xherdan Shaqiri gut gelaunt im Schnee und im Fondue-Stübli filmen lässt wie 2013 im Auftrag von Arosa Tourismus, habe das eine starke Wirkung auf seine Landsleute. «Ein wundervoller Ansatz», findet der Marketingprofi.

 

Arosa, das unterdessen sogar die «Shaqiri Winter Days» für Schulklassen im Angebot hat, ist punkto Ethnomarketing ein Vorkämpfer in der Schweiz. Ansonsten habe man die gezielte Bearbeitung des brachliegenden Marktpotenzials der Migranten bisher «sträflich vernachlässigt», so Darko Veljaca. Immerhin: Nach einem Auftritt an einer Fachtagung vor der versammelten Bergbahnbranche hat er positive Signale empfangen. «Das Bewusstsein wächst, dass sich so neue Leute in die Berge holen lassen.»

Nati-Star Xherdan Shaqiri (r.) beim Fondue.

«Wir wollen kein Mammut beatmen»

 

Lauter gute Absichten, viel Enthusiasmus und eine geschlossene Rückendeckung durch Wirtschaft, Behörden und Politik. Was aber, wenn sich der kränkelnde Patient trotzdem nicht erholt? Wenn sich herausstellen sollte, dass das Skifahren als Volkssport ein Auslaufmodell ist? Argumente dafür gäbe es einige: Klimaerwärmung, hohe Kosten, eine immer unterschiedlicher zusammengesetzte Gesellschaft, die wachsende Konkurrenz durch andere Freizeitaktivitäten. Diese Fragen habe man sich ernsthaft gestellt, sagt Ole Rauch von der Schneesportinitiative, «schliesslich wollen wir kein Mammut beatmen». Aber letztlich herrsche die Überzeugung vor, dass der Schneesport für die Schweiz nach wie vor eine identitätsstiftende Bedeutung habe. «Mindestens für die nächsten 20 Jahre funktioniert das noch.»

So viel kostet ein Skigebiet

Hinweis: Bitte auf das Bild klicken, um die Grafik in voller Grösse zu öffnen.

Diese Infografik ist erstmals im Beobachter 22/2011 erschienen. Die Zahlen stammen von der Saison 2011/12 und können damit von den aktuellen Verhältnissen abweichen.

Text: Daniel Benz und Birthe Homann
Infografiken: Anne Seeger und Andrea Klaiber
Quellen: Bundesamt für Sport (BASPO), Verband Seilbahnen Schweiz, Wintersportportal bergfex.at
Bild: Markus Kirchgessner/Keystone

Veröffentlicht am 07. Dezember 2015

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3 Kommentare

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Nicole
Es gibt viele Alleinerziehende die sich Skifahten nicht mehr - oder nur noch tageweise - leisten können. Auch wenn die Kinder mal an einem Tag mit Billigangebot für Schulen teilnehmen können, wird dies nicht viel daran ändern, dass sie danach mit Freude fahren können. Übung macht den Meister und bringt dan allmählich den Spass. Nach einem Tag kann der Eindruck entstehen, dass Skifahren nur sehr anstrengend ist weil man verkrampft fährt. Viele Schüler weichen auf Schlitteln aus.

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Nendaz
Wahrend viele Vermieter ihre Unterkunft-Preise dem Trend, sprich langsame Rezession anpassen, pokern die Bahnunternehmer untereinander immer noch um bessere und ausgeklügelte Systeme und daher auch höhere Preise. Sie haben noch nicht begriffen, was der Durchschnitts-Skifahrer wirklich will - von Superlativen lebt nur derjenige, der die teure Infrastruktur auch mit Familie noch bezahlen kann - etwas weniger wäre mehr, ansonsten sich die Skilift-Blase bald einmal in Luft auflösen könnte. Da kann man nur hoffen, dass nicht weiterhin der starke Franken und die Erwärmung des Klima als Sündenbock herhalten muss.

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dr house
sorry, um was geht es denn heute beim ski-fahren noch? saufen bis der arzt kommt, materialschlacht und zerstörung einer ehemals intakten natur, nur damit die idioten auch nachts auf die piste können. ganz zu schweigen von den preisen! von dem was so ein skifahrer pro tag alleine an liftkosten ausgibt, lebe ich eine woche… um der natur willen hoffe ich, dass das skifahren in der art wie wir es jetzt kennen, verschwinden wird, wie es gekommen ist.

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