Eine Reise zu den Rifugi der italienischen Alpen ist eine Reise in eine andere Alpenwelt. Fernab der lauten Après-Ski-Bars, meilenweit entfernt von den Selbstbedienungshütten und ihren lieblos gebratenen Bratwürsten und Pommes frites, geht es hier natürlich auch ums Skifahren, um gute Ausgangspunkte für Bergtouren und spektakuläre Aussichten. Vor allem aber geht es – wie sollte es in Italien auch anders sein? – um das gute Leben.

Hütten im Trentino

Allein in den Bergen des Trentino gibt es rund 150 bewirtete Berghütten (Rifugi), die meisten sind seit Generationen in Familienbesitz. Sie bieten fast immer Doppel- oder Mehrbettzimmer plus die klassischen alpinen Matratzenlager, die deutlich günstiger sind. Die Küche ist meist regional, die Menüs bestehen selten aus weniger als vier Gängen. Eine Übersicht über die Rifugi der Region gibt es unter www.trentinorifugi.com.

Ein italienisches Rifugio ist Schutzhütte und Berggasthof zugleich, aber auch Espressobar und abends, wenn die Skischuhe im Keller über den Heizungen dampfen und die Kaffeetassen gegen Weingläser eingetauscht werden, oft genug eher eine Osteria der Extraklasse als ein Matratzenlager mit Mensaessen.

Das Familiäre

Das Rifugio Fuciade ist in 45 Minuten zu Fuss, mit Schneeschuhen oder Tourenskiern vom Passo San Pellegrino erreichbar. Wer vorher anruft – und gute Nerven hat, die Piloten geben Gas –, wird mit dem Motorschlitten abgeholt. Wer es romantischer mag, lässt sich mit dem Pferdeschlitten kutschieren. Das Rifugio liegt auf einer sonnigen Alp, Kinder finden einen riesigen weissen Abenteuerspielplatz direkt vor der Haustür. 

Quelle: Frank Stolle
Anzeige

Das Familiäre

Das Rifugio Fuciade ist in 45 Minuten zu Fuss, mit Schneeschuhen oder Tourenskiern vom Passo San Pellegrino erreichbar. Wer vorher anruft – und gute Nerven hat, die Piloten geben Gas –, wird mit dem Motorschlitten abgeholt. Wer es romantischer mag, lässt sich mit dem Pferdeschlitten kutschieren. Das Rifugio liegt auf einer sonnigen Alp, Kinder finden einen riesigen weissen Abenteuerspielplatz direkt vor der Haustür. 

Quelle: Frank Stolle

Bestes Beispiel für die italienische Definition von Berghütte: das Rifugio Fuciade auf einer Alp oberhalb des Passo San Pellegrino. Ein wunderschön gelegenes Ensemble uralter Holzhäuser mit niedrigen Decken, kleinen, gemütlichen Zimmern, karierten Tischdecken in der Stube und einem unwiderstehlichen Duft aus der Küche, in der Familie Rossi seit den achtziger Jahren für ihre Gäste kocht.

Die Stube des Rifugio ist voll besetzt, Bergsteiger sitzen zwischen Familien, die Winterferien auf der Alp machen. In der Ecke versucht ein Paar, das romantische Dinner zu retten – er zunehmend bemüht, sie zunehmend gelangweilt. Einen Tisch weiter widmen sich laut lachende italienische Studenten eher der Grappa- als der Essenskarte. Es ist eine Hütte für alle. Mittendrin die Wirtin Emanuela Rossi, eine kleine Frau mit einem warmen Lächeln. Sie geht von Tisch zu Tisch und begrüsst jeden Gast persönlich.

Anzeige

«Wenn man etwas macht, sollte man es so gut wie möglich machen», sagt sie. Für sie bedeutet das: Ein Gästezimmer darf einfach, das Essen aber muss spektakulär sein. Kurz darauf geben die Tourenskifahrer aus der Schweiz auf. Die Chefin lässt das missratene Skiwasser abservieren und ein paar Schätze aus dem Weinkeller holen. «Salute!» – «Prost!» Der Abend kann beginnen.

Martino Rossi verwöhnt seine Gäste.

Quelle: Frank Stolle

Bequem mit der Seilbahn zum Ziel

Unsere Reise von Rifugio zu Rifugio beginnt zwei Tage zuvor, zwei Bergkämme weiter nördlich. Mit einem Wintersturm, einer schneebedeckten Passstrasse und einem Uhrzeiger, der schon fünf Minuten nach Betriebsschluss anzeigt. Von Cortina d’Ampezzo sind wir hinauf zum Passo Falzarego gefahren, wo sich die Talstation der Seilbahn befindet.

Anzeige

Man muss wissen: Wer auf einem Rifugio übernachten will, muss in Italien nicht zwangsläufig kilometerweit durch eine menschenleere Schneelandschaft stapfen. Besucher können zu vielen der Hütten den Lift nehmen. Vorausgesetzt, man ist pünktlich. Oder aber man trifft auf italienische Seilbahnmechaniker, die deutlich besser gelaunt sind, als man bei Temperaturen um minus zehn Grad und eiskaltem Wind aus Nordwest erwarten dürfte.

«Wie bitte? Ihr wollt jetzt noch zum Rifugio?», brüllt der Liftmann im Schneegestöber. Mit einem lauten «Mamma mia!» reisst er die Gondeltür wieder auf und genehmigt eine Extrafahrt. Kurz darauf tauchen wir mit der Gondel in die dichten Schneewolken vor der Dolomitenwand ein.

Das Spektakuläre

Das Rifugio Lagazuoi ist die höchstgelegene bewirtete Hütte mit Schlafmöglichkeit der Dolomiten. Seit kurzem kann man das Panorama auch aus einer Sauna geniessen. Die Hütte ist selten voll, Reservation aber empfehlenswert. Anreise: Mit der Gondelbahn ab Passo Falzarego. Es gibt eine berühmte Abfahrt nach Armentarola. Das ist auch der einzige – leichte – Skitourenzustieg.

Quelle: Frank Stolle
Anzeige

Oben, auf 2700 Metern über Meer, liegt unser erstes Ziel: das Rifugio Lagazuoi. Es ist das höchste Rifugio der Region. Und der Beweis, dass die Bergluft der Dolomiten tatsächlich wahre Wunder bewirken kann. Zum Beispiel: ewig jung halten. Guido Pompanin, der Besitzer der Hütte, ist 58 Jahre alt, sieht aber aus wie 38. «Ich bin mehr Tage im Jahr hier oben als unten im Tal.» Vier Kinder hat Guido. Am Wochenende, wenn die Hütte voll ist, kommt seine Frau, um zu helfen. «Ich mag das Leben so; ich kenne es aber auch nicht anders», sagt er.

Seit 36 Jahren bewirtet er die Hütte. Sein Vater hat sie vor mehr als 50 Jahren gebaut. Guido hat hier den Grossteil seines Lebens verbracht. Viele der Hütten sind bis heute in Familienbesitz. Wer einmal ein Gästehaus mit einer solchen Aussicht hat, gibt es nie wieder her.

Anzeige

In der Stube wird Artischockensuppe serviert. Dann Blaubeerrisotto. Dann Wildschweinrippchen. Draussen wird das Wetter immer schlechter. Auf der Terrasse werden aus Schneeflocken Schneeverwehungen, aus der Wechte vor der Haustür wird über Nacht eine weisse Wand.

Am nächsten Morgen zeigt das Thermometer minus 14 Grad. Doch Guido ist bereits vor der Tür. Schneeschippen. Wir schnallen die Skier an. Und fahren auf einer frisch präparierten Piste ins Tal. Als erste Skifahrer des Tages. Es ist eiskalt, aber die Sonne scheint. Auf dem gegenüberliegenden Bergrücken erkennen wir schon die Umrisse des Rifugio Averau – unser Ziel für den zweiten Abend.

Das Komfortable

Das Rifugio Averau lässt sich gemütlich mit dem Sessellift vom Giau-Pass oder von den Cinque Torri erreichen. Es liegt am höchsten Punkt des kleinen Skigebiets oberhalb von Cortina auf 2413 Metern und bietet eine tolle Aussicht auf die Marmolata, den höchsten Dolomitengipfel. Ab Averau bieten sich herrliche Tiefschnee-Waldabfahrten an, die beim Parkplatz Cianzope enden, der auf halber Streckezum Skigebiet Tofana liegt.

Quelle: Frank Stolle
Anzeige

Alberto Alverà ist 23 Jahre alt und seit sieben Wintern Kellner im Rifugio Averau. Und Motorschlittenfahrer. Er bringt die Gäste hoch zur Hütte, wenn der Sessellift nicht fährt. «Warum arbeitest du nicht unten im Tal, Alberto?» – «Wegen des Lichts. Ich liebe es, wenn die Berge rot, grün und blau leuchten. Das sieht man nur, wenn man spätabends oder frühmorgens hier oben ist.» Das Rifugio Averau liegt auf einem Kamm gleich neben den berühmten Cinque Torri, einer senkrechten Felsformation aus Dolomitgestein, die eigentlich nur noch aus vier Türmen besteht, nachdem eine der Felsnadeln vor zehn Jahren zusammengesackt ist. Nachts dringt kein künstliches Licht aus dem Tal nach oben.

«In anderen Hütten kommt die Polenta auf den Teller, Wurst obendrauf und fertig. Hier hat mir Sandro, unser Chef, erst mal beigebracht, wie man eine gute Vinaigrette anrührt und Wein richtig einschenkt.» Auf einer italienischen Hütte gibt es den Wirt und ein Küchenteam – und mindestens einen Barista und einen Sommelier. Kerle wie Massimo Angelotti. Der 45-Jährige mit Locken und Dauergrinsen kann einen ganzen Abend lang von Olivenöl schwärmen. «Es gibt nichts Schöneres, als hier in den Bergen zu sein, nach der Sommersaison am Meer, wo die Leute sogar für einen Teller Pasta mit Tomatensauce 20 Euro zahlen.»

Anzeige

Vorfreude auf den Cappuccino

Mitarbeiter wie Massimo arbeiten saisonweise auf den Hütten, für Wirte wie Signora Rossi ist sie der Lebensmittelpunkt. Ihr Rifugio liegt auf der anderen Seite der Marmolata, das Haus hat fast das ganze Jahr geöffnet. Als sie und ihr Mann das Rifugio Fuciade eröffneten, bestand es aus einer Stube. Kein Strom, kein Telefon. Wasser gab es, aber nur kaltes. Jetzt sind sie im letzten Abschnitt ihrer alpinen Wirtekarriere. Ihr Sohn Martino wird das Rifugio bald übernehmen. Kein leichtes Erbe: Die Gourmet-Auszeichnungen hängen gleich dutzendweise im Flur.

Im Süden werden die letzten grossen Dolomitenbrocken vor der Poebene vom Abendlicht angestrahlt. Und wenn im Fuciade, Averau, Lagazuoi und den vielen hundert weiteren Rifugi der italienischen Alpen die Lichter ausgehen, fällt man tatsächlich noch ein wenig glücklicher als in anderen Hütten ins Bett. Und mit einer Vorfreude, die man in den Bergen selten erlebt: der Gewissheit, dass der nächste Tag mit einem perfekten Cappuccino beginnen wird.

Anzeige

Tourenvorschlag

Cortina dAmpezzo Rifugio Lagazuoi Rifugio Averau

Abfahrt Richtung Rifugio Fedare

Bustransfer nach Malga Ciapela

Marmolata Bustransfer Passo San Pellegrino Rifugio Fuciade

Abfahrt Richtung Rifugio Capanna

Bustransfer Passo Rolle

Abfahrt nach San Martino di Castrozza

Quelle: Frank Stolle