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«Balkan-Rapper»Heimliche Helden des Mundart-Rap

Sie sprechen albanisch und rappen schweizerdeutsch. Im Internet und auf den Pausenplätzen sind sie längst Kult. Jetzt versuchen die «Balkan-Rapper», die Ü-21-Generation zu erobern.

«Baba Uslender», «Murda Mama» und «The B» (von links)
von

Sie bringen Schweizer Jugendliche dazu, mit ausländischem Akzent «Ich bin der Typ, bei dem Bartli den Most holt» zu singen. Mit ihren Klickraten auf Youtube und Myspace können sie sich mit Stars wie Bligg und Stress messen. Von der Ü-21-Generation bisher weitgehend unentdeckt, haben die sogenannten Ausländer-Rapper im Internet Kultstatus erreicht.

Granit Dervishaj alias Baba Uslender ist «der Typ, bei dem Bartli den Most holt». Er ist das momentane Aushängeschild der Szene. Mit seinen Gangsterrap-Persiflagen hat sich der 21-Jährige innert kürzester Zeit zum Youtube-Star gemausert. Demnächst erscheint «Schwarzi Schoof», sein erstes Album.

Facebook und Youtube als Sprungbrett

Baba Uslender ist der erfolgreichste, aber nicht der einzige Rapper mit Wurzeln auf dem Balkan. Im Internet finden sich Hunderte mehr oder weniger gut gemachte «Uslender-Dütsch»-Videos. Einige wurden im Kinderzimmer gefilmt, andere sind überraschend professionell produziert. Auffallend viele wurden vom Label Gilla Doxx hochgeladen. Gilla Doxx ist die ­Geschäftsidee dreier junger Albaner. Sie bieten für wenig Geld Videoproduktionen an und stellen diese dann in ihrer Reihe «Din 16er» auf den eigenen SwissTV-­Kanal. Die Videoclips wurden bereits mehr als 2,2 Millionen Mal angeklickt.

Auch von Musikredaktoren. Selbstverständlich seien Baba Uslender und Co. ein ­Thema für ihn, sagt DRS3-Musikredaktor Sascha Rossier. Sie zu ignorieren wäre ein Fehler. Der musikalische Aufbruch pas­siere heute auf Youtube und Facebook. «Früher konnte man fünf Musikzeitschriften lesen und wusste, was angesagt ist», sagt Rossier, heute müsse man wieder ­selber entscheiden, was fett sei und was nicht. Und, sind die Balkan-Rapper fett? «Viele sind ganz einfach schlecht», so Rossier, «andere überraschend gut.» Es sei in der Hip-Hop-Szene halt ein Vorteil, wenn man in Schwamendingen wohne und Balkan­slang spreche. Das Einfamilienhaus am Zürichberg als «hood» sei definitiv ­weniger cool.

Doch genau da möchten viele der Jungrapper gern hin. Am liebsten im BMW M3 Coupé. Dafür wird es in den nächsten Jahren wohl den wenigsten reichen. ­Milli54, der mit seinem Song «Grüezi Herr Blocher» gerade auf Youtube Furore macht, sagt dazu auf seiner Facebook-Site: «Mir hend bi de eint oder andere Uftritt cash kassiert. Aber ich mach als Koch meh Geld als jede Schwizerrapper (vo eusere Szene) mit Musik.»

Granit Dervishaj: «Baba Uslender»

«Baba Uslender» rappt: «Mein Vater hat gesagt: Ich will, dass Frau suchsch. 21...

Baba Uslender trägt Goldschmuck. Schweren Goldschmuck. Ein albanischer Doppeladler liegt glänzend auf seiner schmalen Brust. Der 21-Jährige aus dem luzernischen Hochdorf ist der Star der «Ausländer-Rap»-Szene. Das merkt man spätestens, wenn man mit Granit Dervishaj – so heisst er bürgerlich – unterwegs ist. Die Zeiten, in denen er unerkannt durch eine Stadt flanieren konnte, sind vorbei. «Sorry, chömmer äs Föteli machä?», fragen ihn vorbeigehende Fans.

Mehr als eine halbe Million Youtube-Klicks erreichte Baba Uslender in kurzer Zeit mit seinen Videos, in denen er die ­Situation der Ausländer in der Schweiz auf die Schippe nimmt. Das erlaubte Maximum von 5000 Facebook-Freunden hat er längst. Babas Markenzeichen ist sein aufgesetzter albanischer Akzent. Sein Haar kämmt er sich mit Gel nach hinten, und in ­seinen Videos umgibt er sich gern mit grossen Autos. «Wotsch Probleme, Mann?», fragt Baba in seinem «Din 16er»-Reim und zieht ein Butterflymesser aus der Brust­tasche.

Granit Dervishaj wurde hier geboren und sprach bis zu seinem Erfolg als Baba Uslender perfekt Schweizerdeutsch. Er fährt Velo oder den Volvo seines Vaters, der ihn laut Songtext am liebsten sofort ver­heiraten würde (siehe oben). Im richtigen Leben könnte sich Granit auch eine Schweizer Frau vorstellen. Die ersten Songtexte schrieb der Luzerner als Elfjähriger. Das Texten habe ihn gerettet, sagt er. «Ich war ein Schule-Anschiss-Kind. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Während die anderen rechneten, schrieb ich Texte ins Matheheft.»

«Du gaasch im Ladä und chaufsch Pfäffermünztee. Ich trinkä lieber huusgmachtä Pfäffermünztee. Dä Läbä daa isch d Cheersiitä vo dä Medalliä, wett i s besser haa und cheer d Siitä vo dä Medalliä. Dänn schnäll isch di verdammti Schuelziit vergangä, und damals isch so langsam i dä Schuel Ziit vergangä.» Granit kennt die Vorurteile, denen Ausländer in der Schweiz begegnen. In seinen Texten führt er sie ad absurdum. «Das gefällt vielen Ausländern, weil sie sich wiedererkennen», ist Granit überzeugt, «und den Schweizern, weil ich lustig bin.»

«Chom Sqhipi, chom Tschinggeli, gömmer anderi Baustelle. Gömmer Grüschtbau. Gömmer Gipser. Scheissegal, gömmer IV.»

Für die nächsten Monate hat Granit Dervishaj seinen Lageristenjob an den ­Nagel gehängt. Er will sich voll seinen Auftritten und der Produktion seines ersten Albums widmen. «Nächstes Jahr werde ich damit an den Swiss Music Awards nominiert», sagt er selbstbewusst. Er werde den Schweizer Rap verändern. Als Albaner. «Glaubed Si nöd?» Dann wolle er 50 Prozent arbeiten und 50 Prozent Musik machen. Weil eine Arbeit am Morgen mit Aufstehen und so, das brauche der Mensch. «Tönt voll wie än Schwiizer, gäll?», sagt er und lacht. Und schon wieder sind ein paar da, die ein Föteli mit ihm wollen.

Baba Uslender: Song und Lyrics von «Mein Vater hat gesagt» auf Youtube
Facebook-Seite von Baba Uslender

Nita Rexhepi: «Murda Mama»

«Murda Mama» rappt: «Ich bruuch nur mich, so isch es, Mama. Hated, solang ir wänd,...

Nita ist «Murda Mama». «Mama» für die höfliche, hilfsbereite junge Frau, die eine kaufmännische Ausbildung bei einer Bank absolviert. Und «Murda» für die toughe Rapperin, die Kampfsport macht und den Jungs im Business die Stirn bietet.

«Ich hatte schon immer das Bedürfnis, mich auszudrücken, meine Gefühle mitzuteilen», sagt Nita Rexhepi. Mit ihrem langen blonden Haar, dem Strickjäckchen und dem feinen Goldschmuck sieht die 18-Jährige aus wie eine Schülerin eines Zürcher Privatgymnasiums. Einzig die Baseball­jacke, die sie locker über die Stuhllehne gehängt hat, mahnt an «Murda Mama», die Rapperin. Es ist Freitagabend. Nita wartet in der Starbucks-Filiale an der Zürcher Bahnhofstrasse auf ihre «best friend». Den Multivitaminsaft trinkt sie aus der Flasche.

«Ich bin Albanerin», sagt sie. Trotz ­ihrem Schweizer Pass. «Das heisst: Zuerst kommt die Familie, dann die Ausbildung und erst dann die Musik.» Rap sei für sie ein Hobby, etwas, was sie in erster Linie aus Fun mache. Wie früher die Klavierstunden und der Ballettunterricht. «Ich schreibe Songs, wenn mich etwas beschäftigt, was ich loswerden möchte», sagt Nita. Ambitionen habe sie mit der Musik keine. Oder wie sie sich ausdrückt: «Ich mach s nöd wäg em Fame.»

Andere erreichen will Nita Rexhepi aber schon. Darum rappt sie abwechslungsweise albanisch für ihre Familie, schweizerdeutsch für die Freunde und englisch für den Rest. Sie stellt ihre Songs auf Myspace und schickt sie ihren Facebook-Freunden. Ihren Song «Run» haben sich inzwischen mehr als 15 000 Leute angehört. Nita hat «kei Aanig», wie das gekommen ist. Sie tippt auf die albanische Gemeinschaft. «Wir unterstützen und promoten uns gegenseitig», sagt sie. «Ich will nichts Schlechtes sagen, aber meiner Meinung nach haben Ausländer schon mehr Zusammenhalt als die Schweizer.»

Und was sagt die Gemeinschaft zu ­einer Frau, einer Muslima, die rappt? «Die meisten haben kein Problem damit», sagt Nita. Auch wenn sie in der Familie Überzeugungsarbeit habe leisten müssen. «Frauenrap wird halt generell unterschätzt und schlechtgemacht», so die Zürcher Oberländerin. Für viele Rapper seien ­Frauen nur Dekoration, «bitches» halt. «Aber in dieses Bild passe ich nicht rein. Ich bin weder blöd noch unterwürfig», sagt sie energisch. Sie sei eine starke Persönlichkeit mit «style» und «class». «Weisch, wien ich mein?»

«MC us Liideschaft. Vil Cash im Sack. Back to the roots. Female Rap mit Gschmack.»

Obwohl «Murda Mama» bereits vor grösserem Publikum aufgetreten ist und viele ihrer männlichen Kollegen sie gern auf ihrem Album hätten, sieht sie ihre Zukunft eher in der Bank als auf der Bühne. «Wenn ich plötzlich auf Kommando Texte schreiben müsste, würde für mich etwas verlorengehen», sagt sie. «Ich will nicht sagen, dass ich ganz ohne Rap glücklich sein könnte, aber anderes hat halt Priorität.» Auf Reisen gehen zum Beispiel. Am liebsten zusammen mit ihren Eltern.

Myspace-Website von Murda Mama

Blerim Tatari: «The B»

«The B» rappt: «Nim es Fotialbum i d Hand, bletterä diä Sitä ­durä. Diä Ziit,...

Blerim Tatari alias «The B» sieht aus, wie die meisten Rapper gern wären: «krass». Er ist gross, massig, sein Gesicht ist vernarbt. «The B» trägt Glatze und Tattoos. Auch dort, wo sie andere nicht tragen. ­Blerim ist einer, neben den sich im Bus ­niemand setzt, auch wenn die Stehplätze knapp werden.

Jetzt sitzt er mit gebügeltem Hemd in der gepflegt eingerichteten Wohnung, in der er mit seiner Mutter zusammenlebt. Unter den Hemdsärmeln blitzen tätowierte Schriftzüge hervor, «Naim» und «Ardita», die Namen seiner Geschwister. Das B hinter dem linken Ohr steht für seine Mutter. Sie heisst Besa.

Blerim war vier Monate alt, als seine ­Familie aus dem Kosovo in die Schweiz flüchtete. Auf Jahre in Asylzentren folgten für Blerim solche in der Kinderklinik. Als Dreijähriger verbrennt er sich bei einem Grillunfall die rechte Gesichtshälfte. «Das Monster» nennen sie ihn später in der Schule. Er geht trotzdem gern hin und schreibt gute Noten. Wenige Monate nach seinem zwölften Geburtstag stirbt Blerims Vater an Krebs. Ein Verlust, der den 22-Jährigen bis heute prägt und dessen musika­lische Verarbeitung ihm erste Erfolge als Rapper einbringt. Seit er seinen Song «Foti­album» (siehe oben) auf Youtube gestellt hat, kennen ihn die Leute auf der Strasse.

Aus fünf Lehrstellen konnte Blerim am Ende der Schulzeit aussuchen. Seine Mutter drängt ihn, beim ersten Lehrbetrieb, der zusagt, zu unterschreiben. Blerim wird Detailhandelsangestellter Unterhaltungselektronik. Mit dem ersten Lehrlingslohn kauft er sich ein Mikrophon und teure ­Kabel. Jeden freien Abend trifft er sich mit Freunden, um Musik zu machen. Rap. In seinem Zimmer. Zu fünft drängen sie sich vor dem Computer, manchmal zu acht. Was aufgenommen wird, landet auf Youtube.

Heute rappt «The B» für das Musiklabel Physical Shock. Es gehört zwei Freunden, die beide Schicht arbeiten. Alles, was sie verdienen, fliesst ins eigene Tonstudio. «Din Weg», rappt «The B». Und «Mini Stadt». Dutzende Freundschaftsanfragen hat er täglich auf Facebook. «Eifach en härte Chrieger. Völlig sympathisch, völlig echt und eifach en guete Typ», schreiben seine Fans an die Pinnwand. «Kämpf wiiter, B.»

«Si händ mer oft gseit, mä chan ales erreichä, was mer wott, und im nächschtä Moment händ s mer die nägschti Hürdä gstelt.»

«Voll komisch» sei das, sagt er. Plötzlich sei er ein Vorbild für so viele Jugendliche. Jedem, der mit ihm zusammen einen Song machen wolle, erwidert er: «Die Schule und die Lehre sind wichtiger.» Und selber? Blerim Tatari ist arbeitslos. Noch ein Gratis­album will er anbieten. Dann soll es das erste «The B»-Album ausserhalb des Internets geben.

«Ich bin Realist», sagt Blerim Tatari. Er wisse, dass er Geld verdienen müsse. Ein halbes Jahr konnte er nach der Lehre noch im Betrieb arbeiten. Seither sucht Blerim einen Job. Und «The B» macht Musik.     

«The B» auf MX3
Facebooke-Seite von «The B»

Hip-Hop-Slang für Anfänger

Nicht alles, was jugendgefährdend klingt, ist auch so gemeint. Ein kleiner Ausflug in den Hip-Hop-Jargon.

Bitch: läufige Hündin, Schlampe; in Raptexten despektierlich für «Frauen»

Dissen: von «to disrespect» (nicht ­respektieren); eine andere Person durch Rap demütigen

Ficken: Synonym für «besiegen», aber auch «schlagen» oder «verprügeln»

Haten: hassen, grundlos schlecht­machen; von Rappern oft benutzter Ausdruck, hat weniger mit Hass zu tun, eher mit Neid

Hobbylos: nutzlos, sinnlos

Homie: Abkürzung für «homeboy», mit ­unterschiedlicher Bedeutung; ­Anrede für eine befreundete Person

Hood: Verkürzung von «neighborhood» (Nachbarschaft); steht für das Viertel, in dem man wohnt

MC: «Master of Ceremonies»; steht ­all­gemein für «Rapper»

Spitten: Reime bilden, die man gleich ausspricht, aber einen unterschied­lichen Sinn ergeben

Quelle: Wikipedia

Veröffentlicht am 07. Mai 2012