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Irak-Flüchtlinge«Er soll in Stücke gerissen werden»

«Er soll in Stücke gerissen werden»
Bild: Getty Images

Die irakischen Kurden wie die Familie von Zakia Ahmad leiden ganz besonders unter Saddam Husseins Diktatur. Dennoch lehnen sie einen Krieg gegen den Despoten ab.

von Meili Dschen

Zakia Ahmad begrüsst uns mit einer Umarmung und bittet in ihre spartanisch möblierte Stube. Hier sitzt ihre Familie nach kurdischer Sitte auf dem Teppich: Sohn, Schwiegertochter, Tochter und Enkelkinder. Letztere toben ausgelassen herum, im Fernsehen läuft ein kurdisches Programm, aber der Lärm in der kleinen Winterthurer Wohnung scheint niemanden zu stören.

Auf die Frage, ob wir sie fotografieren dürfen, schüttelt Zakia Ahmad zuerst den Kopf. Dann aber verschwindet sie kurz und erscheint wieder in ihrer kurdischen Tracht. Jetzt sei sie bereit fürs Foto, lässt sie durch ihren Sohn mitteilen. Sie spricht nur Kurdisch. Er übersetzt auch, was ihr zum Stichwort Krieg einfällt: «Was ich erlebt und gesehen habe, das könnt ihr gar nicht alles aufschreiben.»

Doch dann beginnt sie zu erzählen – gestikulierend und mit ernstem Gesicht. Immer wieder musste Zakia Ahmad vor Saddams Schergen fliehen, die seit 30 Jahren systematisch alle kurdischen Dörfer im Nordirak bombardieren. Meistens war es ein überstürzter Aufbruch zu Fuss: nachts, mit den Kindern an der Hand, manchmal schwanger. Zakia Ahmad sah unfassbares Flüchtlingselend, Kinder, die an Hunger und Erschöpfung starben, Menschen, die auf der Flucht über die iranisch-irakische Grenze von Minen zerfetzt wurden.

Vernichtung der Kurden

Seit 1968, als Saddam Husseins Baath-Partei an die Macht kam, kennen die sechs bis acht Millionen irakischen Kurden nur Unterdrückung, Willkür und Terror. Ein schrecklicher Höhepunkt war das Massaker in der Stadt Halabja 1988, als rund 5000 Kurden bei einem Giftgasangriff der irakischen Armee ums Leben kamen.

Nach dem Golfkrieg von 1991 rächte sich Saddam Hussein mit einer weiteren Vernichtungsoffensive an den Kurden, weil sie einen Aufstand gegen ihn angezettelt hatten. Zwar hat sich die Situation inzwischen ein wenig entspannt, seit im Nordirak unter der Aufsicht der Alliierten eine Schutzzone für die Kurden eingerichtet wurde, die beschränkte Autonomie geniesst. Aber Schikanen und Verfolgungen gehören noch immer zum Alltag.

Zakia Ahmad ist 62 oder 63 – genau weiss sie es nicht. Sie hat acht Kinder geboren, fünf sind tot. Ein Sohn wurde im Alter von 21 Jahren von Saddam Husseins Geheimdienstleuten erschossen, andere Söhne und Töchter starben auf der Flucht an harmlosen Krankheiten, weil es keine Medikamente gab. Ahmads Mann, ein oppositioneller Politiker, war in den Untergrund gegangen. Die Familie sah ihn selten und nur heimlich. Er wurde in den siebziger Jahren umgebracht.

Zakia Ahmads Heimatstadt heisst auf Kurdisch Hauler, offiziell benutzt wird aber der arabische Name Erbil. Arabisierung ist neben Mord und Vertreibung eine weitere Massnahme Saddam Husseins, das kurdische Volk zu vernichten.

«Kurde sein im Irak ist gleichbedeutend mit Staatsfeind sein», sagt Nawzad Kareem, Ahmads 42-jähriger Sohn, der seit 20 Jahren als Flüchtling in der Schweiz lebt. Es gibt kaum eine kurdische Familie im Irak, die nicht Opfer zu beklagen hätte. Allein in den zwei Jahren zwischen 1988 und 1990 ermordeten Husseins Truppen 182000 Kurdinnen und Kurden.

«Ich hätte Saddam getötet»

Jeder Kurde hat seine eigene Kriegsgeschichte. Nawzad Kareem erzählt, wie er sich als Kind in einem Dorf befand, als Saddams Soldaten aufmarschierten und die Frauen und Kinder zwangen, sich entlang einer Mauer aufzustellen – die kurdischen Männer waren bereits geflohen. Plötzlich hatte er eine Pistole an seiner Schläfe. Der Soldat fragte ihn, wo sein Vater sei. Starr vor Angst, konnte der Knabe nicht antworten. Stattdessen rief seine Grossmutter, die daneben stand, verzweifelt: «Sein Vater ist tot!» Worauf der Soldat ihr die Pistole an den Kopf hielt und sagte: «Dich habe ich nicht gefragt.»

«Ich hatte solche Angst, zuerst um mein Leben, dann um das meiner Grossmutter», erinnert sich Kareem. Todesangst erlebte er immer wieder, zum Beispiel als er an der medizinischen Fakultät in Bagdad studierte und dort in der Opposition aktiv war. «Saddam Hussein ging wenige Meter vor mir durch die Menge der Studenten und liess sich bejubeln.» Kareem jubelte zuerst nicht – bis er realisierte, dass auf den umliegenden Gebäuden Sicherheitsleute postiert waren, denen er auffallen würde. Panik ergriff ihn, und auch er begann zu jubeln – «lauter als alle anderen. Hätte ich eine Waffe bei mir getragen, ich hätte Saddam umgebracht. Ich fühlte mich in diesem Moment nicht mehr als Mensch.»

Vor fünf Jahren konnte Nawzad Kareem seine Geschwister und vor drei Jahren schliesslich auch seine Mutter in die Schweiz holen. «Eine Rückkehr in den Irak ist unrealistisch, solange Saddam Hussein an der Macht ist», sagt er. Obwohl der Traum bleibt, eines Tages nach Kurdistan zurückzukehren. «Wenn ich die Wahl hätte zwischen der ganzen Welt und meiner Heimatstadt, ich würde meine Stadt wählen», lässt Zakia Ahmad übersetzen. «Ich schlafe in der Schweiz, aber meine Gedanken sind in Kurdistan.»

Der drohende Krieg der USA gegen Saddam Hussein löst bei Zakia Ahmad und ihrer Familie zwiespältige Gefühle aus. Einerseits wünschen sie sich nichts sehnlicher als ein Ende der Schreckensherrschaft. «Saddam Hussein hat mir kein Unglück erspart», sagt Zakia Ahmad. «Er nahm mir meine Kinder und meinen Mann, er zerstörte mein Hab und Gut. Er fügte mir unendlichen Schmerz zu und liess mich vergessen, was Frieden ist. Er soll in Stücke gerissen werden.»

Anderseits fürchtet sich die Familie vor einer erneuten militärischen Auseinandersetzung. «Wir Kurden haben immer im Krieg gelebt, wir haben genug davon», sagt Kareem. Es ist nicht nur die Angst um Verwandte im Irak, die ihn den Militärschlag ablehnen lässt: «Das schlimmste Szenario wäre ein blutiger Krieg, der mit dem Erstarken des Diktators endet.»

«Endlich in Freiheit leben»

Doch auch den Krieg abzuwenden löse das Problem nicht, glaubt Kareem. «Krieg ist schlecht, aber keinen Krieg zu haben bedeutet noch keinen Frieden.» Für ihn ist klar: Saddam Hussein muss entmachtet werden. Erst dann kann der Wunsch seiner Mutter in Erfüllung gehen: «Wir Kurden möchten endlich in Frieden und Freiheit leben.»

Veröffentlicht am 2003 M02 27