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Kosovo-Rückkehrer: «Sie müssen freiwillig gehen, Herr Qiriqi»

Kosovo-Rückkehrer: «Sie müssen freiwillig gehen, Herr Qiriqi»
Bild: Getty Images

Die Fristen sind verstrichen, und das Programm läuft nach Plan: Die Rückkehr der Kosovaren befindet sich in Phase 3. Wer keine Sonderbewilligung hat, wird ausgeflogen. Notfalls zwangsweise. Ein Termin bei der Zürcher Fremdenpolizei.

von Ueli Zindel

«Der Termin um neun Uhr hat sich erledigt.» Daniel B. schmunzelt und legt den Hörer auf: «Der Mann hat geheiratet.»

Ein Dienstag im Juni, Büro 205 der Fremdenpolizei, Frepo, Zürich. Das Thermometer neben der Weltkarte zeigt heisse 28 Grad. Daniel B. ist 35 Jahre alt und Single. Seit 1994 arbeitet er in der Abteilung «Massnahme und Vollzug.»

Die Annullation wird seinen Tagesplan nicht erschüttern. Pult, Boden, Kisten sowie ein Stuhl sind übersät mit Dossiers. Nein, sehr viel Platz bietet das Büro nicht. An der Kastentür hängt ein Zettel mit der Aufschrift: «Der Herr sprach zu mir: Lächle, es könnte schlimmer werden. Ich lächelte. Es kam schlimmer.»

Neumühlequai in Zürich. Der Eingang der Frepo liegt am Ufer der Limmat. Davor fliessen die Autokolonnen von der A1 in den Stadtverkehr. Der Schalterraum ist stattlich, die Tresen sind aus Kunstmarmor. «Stopp! Wir rufen Sie an den ersten freien Schalter!», steht auf einem Schild. Je nach Andrang sind hier ein, zwei oder alle drei Tresen bedient. Hinter dem schalldichten Glas lächeln zwei Porzellanbärchen.

Heimschicken als Hauptgeschäft
«Kann hier jemand übersetzen?», fragt Daniel B. in den Warteraum. «Albanisch-Deutsch?» Büro 205 zum Warteraum und zurück – dies ist der häufigste Gang von B. im Haus. Die Bänke vor den Schaltern sind alle besetzt, einige Personen stehen. Schwarze, Weisse, Paare mit Kindern. Die Männer halten ein Kuvert in den Händen, oder jedenfalls ein Stück Papier. «Jemand dolmetschen hier? Niemand?»

Rückführungen in den Kosovo sind zurzeit das politische Hauptgeschäft der Frepo. Mehr als 5000 Dossiers sind dem Amt zum Vollzug übergeben. Sie sind – in alphabetischer Ordnung – sieben Sachbearbeiterinnen und -bearbeitern zugeteilt. Uber B.s Pult gehen die Fälle von Personen mit den Nachnamen SL bis Z.

Arif T. muss sich ohne Dolmetscher helfen. «Nein, nicht geschrieben», sagt er. Er meint damit, er habe sich nicht für die Rückkehr angemeldet. Er sagt: «Bleiben muss. Ganz krank.» Daniel B. hört Arif T. aufmerksam an. Er blättert im dünnen Dossier. «Sie haben kein Arztzeugnis?» – «Keines was?» – «Ein Schreiben von Doktor. Keins?» – «Nein. Doktor? Keins.»

«Ich bin der, der heimschickt», sagt Daniel B. Wer sich nicht fristgerecht angemeldet hat, für den wird ohne Absprache ein Flug nach Pristina organisiert. Die Wiedererwägungsgesuche, die B.s Pult passieren, sind von anderer Stelle abgewiesen worden. Viel Ermessensspielraum hat B. nicht: Um maximal 30 Tage kann er eine Frist verlängern. Eine undankbare Aufgabe? «Es geht. Ich behandle die Menschen so, wie ich auch behandelt werden möchte.»

Im Büro 205 klingelt das Telefon unablässig. «Rückkehr in den Kosovo? Ja, das ist möglich. Sagen Sie die Referenznummer. – Nein, das geht nicht. – Sie haben den Kurs noch nicht mal angefangen? – Nein, verlängern geht nicht. Wenn der Flug am 20. Juni fix ist, müssen Sie gehen. – Ja. – Leider. – Bitte.» – B. hängt auf.

«Herr Zekaj?» Im Schalterraum erhebt sich ein kleingewachsener Mann. Sein Blick ist hart, sein Schritt schnell. Er ist knapp 20 Jahre alt. «Ich habe einen Flug für Sie», sagt B. Die Gespräche zwischen dem Angestellten der Fremdenpolizei und den aufgebotenen Kosovaren finden in einem fensterlosen Raum statt – kaum 12 Quadratmeter gross, ohne Stühle, ohne Tisch. Zekaj nimmt das Papier wortlos entgegen. Mit Leuchtschrift ist markiert: «Melden: Flughafenpolizei, Bürogebäude A11/3. Stock, 7. Juni 2000, 6.00 Uhr. Gepäck: max. 20 kg.» An den Wänden des Befragungsraums hängt ein Stadtplan von Zürich. Daneben befinden sich die Toilettentüren.

Ein Lehrer im Visier der UCK
Per 16. August 1999 wurde laut Bundesratsbeschluss die kollektive Aufnahme von Kosovo-Kriegsvertriebenen aufgehoben. Gesamtschweizerisch meldeten sich bis zum 31. Dezember 18'500 Personen für die freiwillige Rückkehr (Phase 1). Die ersten Rückkehrer reisten in die winterliche Heimat – vielfach in zerstörte Häuser. Diese Menschen waren getragen von einer Aufbruchstimmung; internationale Hilfswerke offerierten gut bezahlte Stellen. In Phase 2 – sie dauerte bis am 31. Mai 2000 – meldeten sich weitere 14'000 Personen. Ihre Rückkehrhilfe wurde um die Hälfte gekürzt. Alten, Kranken, Schwangeren und ethnischen Minderheiten wurde die Frist bis zum 31. August verlängert.

Inzwischen sind 25'000 Personen in ihre Heimat zurückgereist. Für alle Kriegsvertriebenen, deren Ausreisefrist abgelaufen ist, wird der Zwangsvollzug angeordnet. Phase 3.

Gjon S. ist Mathematiklehrer. Er steht mit seiner Frau im Befragungsraum. «Arbeit in Kosovo, für mich kein Problem», sagt er: «Intellektuell, ich.» Er will zurückkehren. «Sicher!» Das Aufgebot hat er erhalten, «aber ich habe eine Bitte für euch. Wenn Sie das können ein bizzeli akzeptieren.» Daniel B. liest das Schreiben, das Gjon S. mitgebracht hat. Ein Schweizer Freund hält darin fest, dass das Leben von Gjon S. bedroht sei; sein Bruder, ein ranghoher UCK-Offizier, sei ermordet worden – von Kräften der UCK. «Das Leben von Gjon S. ist in Gefahr», schreibt der Freund. Ein Fristerstreckungsgesuch hat S. nicht eingereicht. Er öffnet die mitgebrachte Zeitung aus dem Kosovo. Das Grab des Bruders, steht darin, sei soeben in dessen Heimatstadt umgebettet worden. 15000 Personen hätten an der Bestattung teilgenommen. «Meine Familie hat viel Freunde, viel Feinde», sagt S. Er faltet die Zeitung mit Bedacht. «Das Bundesamt für Flüchtlinge, BFF, wird mehr Beweise benötigen», sagt Daniel B. Um ein Gesuch zu stellen, hat Gjon S. noch einen Tag Zeit.

Ab acht Uhr ist die Hölle los
«Fremdenpolizei Zürich, grüezi. Police des etrangers, bonjour. Immigration authority of Zurich, hello.» Die Stimme auf dem Beantworter ist freundlich. 1999 wurden hier 206'000 schriftliche Entscheide getroffen; der grösste Anteil betraf Jahres-, Niederlassungs- und Saisonbewilligungen.

B. hat seine Dossiers in drei Gruppen unterteilt. Kiste eins umfasst 40 Dossiers und gilt den vorgeladenen Personen; in Kiste zwei bis vier lagern die Dossiers jener, die noch vorzuladen sind. Es handelt sich zurzeit um zirka 200 Personen. In der letzte Kiste liegen die Neueingänge. Es sind täglich «ungefähr» 30. B. bearbeitet sie zwischen 6 und 8 Uhr morgens, «der einzigen ruhigen Zeit». Seit Wochen dauern seine Arbeitstage «neuneinhalb Stunden».

Panische Angst vor der Rückkehr
Herr Zeneli schwitzt. Er fuchtelt mit den mitgebrachten Dokumenten, geht im Befragungsraum auf und ab. «Das gibts doch nicht! Das gibts doch nicht!», sagt er. «Ich habe Niederlassung C! Das gibts doch nicht!» Zeneli ist seit 1984 in der Schweiz. Neben ihm steht, die Hände gefaltet, seine 19-jährige Tochter. Ihr wurde der Aufenthalt im Land verwehrt. Daniel B. bleibt ruhig. «Obs das gibt oder nicht, weiss ich nicht», sagt er: «Ich bin hier im Vollzug.» – «Frau Wyss! Fragen Sie Frau Wyss!» Frau Wyss, die Zuständige in Zenelis Gemeinde, habe ein Ausnahmegesuch an das BFF gestellt, sagt Zeneli, «und Sie wissen das nicht? Das gibts doch nicht!» Zeneli hält B. ein Blatt vor die Nase: «Adresse! Hier! Telefon! Hier! Frau Wyss!» Die Mundwinkel des beleibten Mannes zittern. «Anrufen! Jetzt anrufen!» – «Wir können nicht allem nachlaufen, Herr Zeneli», sagt B. «Sagen Sie Frau Wyss, sie soll uns das Gesuch schicken.» Zeneli nimmt seine Tochter in den Arm. «Mein Gott! Mein Gott! Das gibts doch nicht!» Fristgerecht eingereicht, müsste das Dokument von «Frau Wyss» morgen bei der Fremdenpolizei liegen.

Die Dossiers der Fremdenpolizei werden von orangefarbenen Faltkartons zusammengehalten. Auf den Etiketten stehen Name, Vorname und Geburtsdatum der Schutz suchenden Person. Die kantonale Referenznummer ergibt sich aus einer Nummerierung, die nationenübergreifend erstellt wird und zurzeit etwa bei 1'500'000 liegt. Die Informationen zur Person sind per Code ablesbar. Die Dossiers sind unterschiedlich dick; bei Asylfällen enthalten sie das Protokoll der Empfangsstelle, die Kantonszuteilung, die Dokumente der kantonalen Befragung. «Aufgrund dieser Papiere wird dann oben entschieden»: Mit «oben» meint B. das BFF in Bern.

«Ich will nicht nach unten», sagt Adem U. «Unten» ist für ihn der Kosovo. «Ihr Gesuch ist am 15. Mai abgewiesen worden», sagt B., «die Frist vom 31. Mai ist verbindlich.» – «Noch zwei bis drei Wochen», sagt U. «Nein, zwei bis drei Tage», sagt B. – «Ich habe so viele Kleider. Möbel in Wohnung. Arbeit!» – «Ihre Wohnung und was drin ist, das ist Ihr Problem. Sie müssen handeln, Herr U.!» Adem U. klaubt eine Foto hervor. «Mein Haus kaputt. Sehen?» – «Ich glaube Ihnen.» B. gibt U. das Foto zurück: «Das tut nichts zur Sache.» – «Ich will nicht gehen nach unten.» Zehn Jahre hat U. in der Schweiz gearbeitet, zehn Jahre hat der Saisonnier sein Einkommen in den Kosovo geschickt, hat dort ein Haus bauen lassen. Er klaubt das Foto nochmals hervor. «Kaputt!» Adem U. hatte bis heute drei Anwälte. Er ist bleich. «Sie haben keine Wahl», sagt B. «Ich werde nicht gehen.» – «Dann kommt Polizei», entgegnet B. Adem U. geht grusslos.

Kein Platz für Machthungrige
Daniel B. war noch nie im Kosovo. Er möchte auch nie dorthin. Fachbücher über die Region hat er keine gelesen. Auch andere Sachbücher liest er «eigentlich wenig: Ich habe mit all diesen Dossiers, ehrlich gesagt, genug vom Lesen.» Als Bub hatte er keinen Traumberuf. «Oder doch? Rettungsschwimmer. Pilot, vielleicht.» Nach der Malerlehre machte er das Handelsdiplom. Vier Jahre arbeitete er in einer Liegenschaftsverwaltung. «Aber die Stelle wurde mir zu stressig. Pausenlos Reklamationen.» Vor allem die Beschwerden der Stockwerkeigentümer gingen B. «mit der Zeit auf den Geist».

In seiner jetzigen Arbeit sind die Kräfteverhältnisse anders. «Ich arbeite hier in einem positiveren Umfeld», sagt er: Die Klientel der Frepo sei «generell viel weniger aggressiv». B. entscheidet auch, ob er sich auf eine Auseinandersetzung einlassen will oder nicht. Nein, eine Ausbildung im Umgang mit den Ausländern hat es bei der Frepo nicht gegeben. «Das war learning by doing; wer seine Macht aber ausspielt, ist hier fehl am Platz.»

An der Bürotür 205 hängt ein Rundschreiben: «Am Samstag findet eine bewilligte Demonstration gegen Zwangsmassnahmen statt. Anschläge auf unser Amt sind nicht auszuschliessen. Es gilt folgende Anweisung: Rollläden ganz herunterlassen; Fenster schliessen; Bürotür mit Schlüssel schliessen. Die Vorkehrungen gelten von Freitag, 9. 6. (Arbeitsschluss) bis Dienstag, 13. 6. (Arbeitsbeginn).»

Daniel B. antwortet dem Bundesamt für Flüchtlinge: «Sehr geehrter Herr M. Wir beziehen uns auf Ihren Fax betreffend den Aufenthalt von Fetje S. Möglicherweise könnte sich S. bei ihrem Verlobten in Rodenkirchen aufhalten. Die Adresse lautet: Bonrathweg 12. Mit freundlichen Grüssen, Fremdenpolizei Zürich, Daniel B.»

Laut einem Bericht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe funktionierte die medizinische Versorgung im Kosovo noch im März 2000 «nur rudimentär.» 80 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos; der Zerstörungsgrad der Häuser ist sehr unterschiedlich. Noch gibt es viele Minenfelder im Land. Die politische Situation ist angespannt. Die Flüchtlingshilfe fordert: «Nach der Phase der Nothilfe muss nun mit vereinten, internationalen Kräften der nachhaltige Wiederaufbau folgen.»

Das Telefon klingelt. «Ihre Referenznummer? – Okay. – Ihr Flug ist auf den 14. Juni gebucht. – Sie wollen früher? – Sie können morgen um neun vorbeikommen. Innerhalb von fünf bis sechs Tagen können Sie gehen. – Nein, vorher geht es nicht.»

Herr Qiriqi steht mit steinerner Miene im Befragungsraum. Er hat einen kräftigen Körper, er trägt Jeansjacke und Jeans. Das Gespräch mit B. dauert bereits eine Viertelstunde. Qiriqi schüttelt immer wieder den Kopf. «Alles, was ich wissen muss: Gehen Sie freiwillig – oder nicht?», fragt B. Es steht viel auf dem Spiel. Qiriqis Eheverkündverfahren ist noch im Gang; er muss die Schweiz verlassen. «Die Einreise danach ist problemlos», sagt B. Nur: Geht er jetzt nicht freiwillig, droht ihm eine Einreisesperre von drei Jahren. «Sie müssen freiwillig gehen, Herr Qiriqi. Begreifen Sie das doch.» Qiriqi begreift nicht.

Qiriqi, schildert eine Landsfrau, habe Fahnenflucht bei der UCK begangen. Seine Grossmutter sei ermordet worden. Er gebe sich die Schuld daran – und habe Rachegefühle. «Hat Angst. Kann nur leben im Wald. Wie sagen man – er schämen?» «In Pristina gibts vorübergehend eine Unterkunft für Sie», erklärt B. «Warten Sie in Pristina aufs Eheverkündverfahren. Sie müssen nicht in Ihr Dorf aufs Land.»

Jetzt hat Qiriqi verstanden. «Danke», sagt er erleichtert. Seine Gesichtszüge entspannen sich langsam. Er errötet leicht. Und schüttelt nochmals den Kopf, diesmal kürzer. «Danke.»

Das Gemälde in Büro 205 hat den Titel «Grenzüberschreitungen». Den Blumentopf auf dem kleinen Korpus hat jemand beschrieben mit: «Diese Pflanze wurde ehrlich erworben.»

Abtauchen vom Frepo-Alltag
Neben dem Lift hängt der Ausdruck der Homepage von Ruth Metzler-Arnold. «Es würde uns freuen, wenn Sie ab und zu wieder vorbeischauen», steht unter dem Gesicht der Bundesrätin. Die Verlautbarung auf ejpd.ch enthält die gesamtschweizerischen Zahlen zur Rückschaffung: «Programmplätze Phase 2 (bis 30. 6. 2000): 16790. Ausgereist: 4977. Gebucht: 9038. Verfügbare Plätze: 2775.»

Nein, all die Dossiers belasten Daniel B. «eigentlich nicht. Sonst wäre ich hier am falschen Platz.» Er geht oft ins Fitnesscenter und fährt ein schweres Motorrad. Er liebt den Tauchsport – in der Karibik, auf den Malediven, «wenn es sein muss, auch im Zürichsee». Ob er sich vorstellen kann, je aus der Schweiz fliehen zu müssen? «Nach einer Naturkatastrophe, vielleicht. Aber sonst?» B. lächelt.

Veröffentlicht am 2000 M08 09