Die Idee kam von Rico. «Wieso», flüsterte er seinem Nachbarn Toni zu, «fahren wir an Silvester nicht alle zu euch nach Klosters?» Toni schaute von seinen Büchern auf. «Warum immer bei mir?», gab er flüsternd die Frage zurück. Jetzt sah auch Daniela auf, strich sich eine ihrer dunklen Haarsträhnen aus dem Gesicht und antwortete ohne Umschweife: «Weil wir alle kein Haus in den Bergen haben. Thats why!»

Stille machte sich wieder breit im Seminarraum. Seit Wochen und Monaten bereiteten wir uns hier auf die Abschlussprüfungen vor. Daniel, Suzanne, Rico, Toni und ich kannten uns seit der Mittelschule. Im Lauf der Zeit teilten wir Prüfungsstress genauso wie Freizeitspass. Zwar übten wir alle eine andere Sportart aus, aber wir richteten es uns stets so ein, dass sich unsere Trainingszeiten überschnitten.

Danach setzten wir uns zum Kaffee zusammen, und es folgten endlose Diskussionen über damals ungeheuer wichtige Themen, über die wir heute nur noch lachen können. Meist endete unser Zusammensein im Kino, manchmal auch erst am frühen Morgen in Danielas und Ricos Wohnung.

Die «schwarze Köchin»

Wenn ich heute darüber nachdenke, so scheint es mir, als hätten wir jene Schul- und Studienjahre doch ziemlich sorglos verbracht. Und doch weiss ich von meiner schrecklichen Angst vor Lateinprüfungen. Ich war in dieser alten Sprache derart unbegabt, dass ich keine Prüfung ohne die Hilfe von Daniela bestanden hätte. Dafür stand ich Rico in Mathematik bei. Dieser wiederum stützte die Leistungen des in Fremdsprachen eher schwachen Toni, während Suzanne von niemandem Nachhilfeunterricht brauchte. Dafür ass sie gern mit, wenn wir alle in der Küche standen und kochten, denn sie war von der kleinsten Handreichung völlig überfordert. Es gab nichts, was sie nicht hätte anbrennen lassen. Deshalb hatte sie von uns den Beinamen «schwarze Köchin» erhalten. Eine Bezeichnung, die sie gutmütig lachend angenommen hatte.

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Zu unserer letzten gemeinsamen Silvesterfeier reisten wir wie gesagt ins Bündnerland. Jeder von uns hatte die Zutaten zu jenen Gerichten mit im Gepäck, die er für uns alle zu kochen gedachte. Als Metzgerssohn war ich natürlich für die Fleischspeisen verantwortlich. Deshalb brachte ich ein grosses Suppenhuhn für einen kräftigen Eintopf mit. Eine Poularde wollte ich vor dem grossen Feuer des Kamins braten. Rico hatte als besondere Überraschung Kaviar angekündigt. Seine Eltern besassen im Engadin ein Luxushotel. Dort hatte er eine kleine Dose für uns abzweigen können.

Überraschung zum neuen Jahr

Es wurden Tage voller unerwarteter Ereignisse. Erst brach die Heizung des Hauses zusammen, dann bereitete die Elektrizität Probleme. Wir schliefen deshalb alle in unseren Schlafsäcken vor dem Kamin im Wohnzimmer und kochten unsere Mahlzeiten auf jenem alten Holzherd, den Tonis Eltern aus dekorativen Gründen in der Küche hatten stehen lassen. Zu unserem Missvergnügen und zu Suzannes Erheiterung entwickelten wir uns alle im Lauf der Tage zu «schwarzen Köchen».

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Wer dann aber für die grosse und überaus angenehme Überraschung zum neuen Jahr sorgte, war Suzanne. Als sie sich am Nachmittag in die Küche begeben und aus irgendwelchen Zutaten eine Art Mousse aufgemixt hatte, war uns das zunächst nur ein müdes Lächeln wert. Besonders amüsiert hatte uns, dass sie die Schüssel samt Inhalt ganz einfach auf den Fenstersims in die kalte Nacht hinausgestellt hatte.

Als wir aber lange nach Mitternacht zurückkehrten, war die schaumige Masse zu perfekter Konsistenz gefroren. Suzannes Bananen-Limetten-Glace schmeckte fabelhaft und ist bis heute in meinem Dessertrepertoire geblieben. Die Zitronen- und Orangenchips, die ich dazu serviere, sind erst in neuerer Zeit hinzugekommen. Wenn sie mit ihren schwarz caramelisierten Stellen an die «schwarze Köchin» erinnern sollten, geschähe ihnen allerdings Unrecht. Schwarze Flecken müssen einfach sein, damit die Fruchtchips gut schmecken.

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