Christoph Lötscher weiss nicht mehr, wie lange er seine sechs Billig-Tankstellen noch halten kann. Der Geschäftsführer von Miniprix in Biel muss seine Tankwarte heute erneut aufs Dach schicken, um den Benzinpreis nach unten zu korrigieren. Dabei liegt der schweizerische Durchschnitt für Bleifrei 95 am 31. Oktober stabil um Fr. 1.28. Nur in Biel hat eine wilde Tankstelle den Preis eine Woche zuvor von Fr. 1.23 auf 1.18 und nun sogar auf 1.15 pro Liter reduziert. «Wir müssen nachziehen. Bei mehr als einem Rappen Differenz fahren uns die Kunden davon», sagt Lötscher aus Erfahrung.

Das wissen auch die grossen Mineralölgesellschaften, die den Preiskrieg «nur mit Zähneknirschen» mitmachen, wie bei Shell zu hören ist. In Biel verkaufen die Freien das Benzin in der Regel einen Rappen tiefer als die Grossen. Mehr als das wolle man sich aber nicht bieten lassen, heisst es bei der Coop Mineraloel AG, die dort im Januar eine Tankstelle eröffnet hat. Nun aber kommt es zum Showdown: Einer der kleinen Konkurrenten will nach eigener Aussage «wirtschaftlichen Selbstmord begehen, um es Coop und den Bieler Konsumenten zu zeigen».

Der Benzinhändler mit der Kamikaze-Strategie heisst Herbert Schüpbach und betreibt in der Region 18 Gustoil-Tankstellen. «Coop will uns ausmerzen, und die Autofahrer spielen mit», meint er frustriert. Schüpbach rächt sich am Markt, indem er die Preise bis unter die Existenzgrenze drückt. Wenn er seine Tankstelle in Biel schliesse, würden die Grossen die Preise wieder auf schweizerisches Niveau bringen, glaubt er. «Die Bieler dürften dann 10 bis 15 Rappen mehr bezahlen.»

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Schüpbachs Wut richtet sich vor allem gegen die Coop Mineraloel AG. Diese verteilt von Zeit zu Zeit Gutscheine, die zu drei Rappen Rabatt pro Liter berechtigen. Direktor Walter Eberle bestreitet nicht, dass seine Tankstellen am Preiskrieg teilnehmen: «Wir machen die Preise, wenn nötig brechen wir sie», umschreibt er das Expansionsprinzip, mit dem Coop jährlich zehn neue Tankstellen eröffnet.

Beim Einkaufspreis sind alle gleich

Wer den Krieg gewinnt, steht für Christoph Lötscher von Miniprix bereits fest: «Die Grossen werden das Niveau tief halten, bis den Freien der Schnauf ausgeht.» Schüpbach von seinem Rachefeldzug abzuhalten wage niemand, vor allem weil sich die Konzerne nicht dem Verdacht von Preisabsprachen aussetzen wollten. Denn diesen geht die Wettbewerbskommission (Weko) laufend nach.

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Lötschers Befürchtung, die Grossen könnten den Vernichtungskrieg aktiv mitfechten, fand sich Ende Oktober an Bieler Preisschildern bestätigt: Bei Schüpbachs vorletzter Runde von Fr. 1.23 auf 1.18 hatten Shell und Coop sofort nachgezogen. Und nach seinem neusten Streich drückte Migrol ihre Tochter Leone in Pieterlen auf Fr. 1.15 acht Rappen unter den kostendeckenden Betrag. «Wie ein Flächenbrand wird sich auch diese Preisrunde zwischen Bielersee und Grenchen ausbreiten und uns dem Konkurs entgegentreiben», prognostiziert Lötscher.

So wirft das Benzinpreis-Glück der Bielerinnen und Bieler denn ernsthafte Fragen auf: Wie können Gesellschaften, die über ein landesweites Tankstellennetz verfügen, im Durchschnitt Fr. 1.28 und vereinzelt sogar 1.40 verlangen, während sie sich in Biel unter 1.20 drücken lassen? Coop begründet das steile Gefälle mit dem freien Markt. Shell sitzt die Angst vor der Weko derart im Nacken, dass sie die Unterschiede von bis zu 15 Prozent ihrem landesweiten Verbund «lieber nicht» erklären möchte.

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Dabei ist die Erklärung nicht schwer: In der Region Biel und im Berner Jura gibt es rund einen Drittel wild geführte Tankstellen gesamtschweizerisch sind es laut Shell nur 16 Prozent. «Gäbe es anderswo so viele Freie wie bei uns», sagt Tankwart Lötscher, «sänken die Preise auch dort.» Denn hinter dem Zapfhahn müssen ja alle zu denselben Einkaufspreisen tanken.

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