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Das Beobachter-Team im Zürcher Neubau (Bild: Nik Spörri)

Inmitten eines Gartens, in einer klassizistischen Villa, hausten einst sieben Redaktoren und sechs Sekretärinnen. Tagein, tagaus entwarfen, diktierten, schrieben sie Briefe und Berichte, schenkten der Welt Rat, Zeit und Geld. An den Fassaden hingen Glyzinien. Sommers huschten Eichhörnchen übers Pult. Im Park rundum erhoben sich knorrige Bäume. Wer immer in Not war, konnte unangemeldet hier erscheinen: am breiten Tor der Lautengartenstrasse 23 in Basel.

Das erste eigene Beobachter-Haus trug märchenhafte Züge. Und gleichwohl: Die Ordnung im Innern war strikt. Unverrückbar die Sitzordnung an den Redaktionskonferenzen; die Belegschaft verkehrte ausschliesslich per Sie. Wer das Wochenende nicht ausgiebig zur Arbeit nutzte, hatte am Montag einen schweren Stand. «Als absolutes Minimum galt, mit zehn besprochenen Diktatfolien in die Redaktion zurückzukehren», erinnert sich der langjährige Beobachter-Redaktor Hans Caprez lachend. Über 10000 Briefe erreichten jährlich die Basler Adresse.

Ende 1971 existierte sie nicht mehr. Der Verlag sammelte seine Kräfte: Redaktion und Administration zogen dahin, wo sich Druckerei und Spedition seit 20 Jahren befanden ins Zürcher Unterland. Schweizerischer Beobachter, neu: Industriestrasse 54, 8152 Glattbrugg. Ein sechsstöckiger Bau mit Flachdach, nutzbar als Sonnenterrasse. Der Ausblick: Flughafenareal, Kloten. Auch hier gabs ein Wäldchen rundum; die Eichhörnchen hielten sich allerdings zurück. Das Märchenhafte freilich blieb unvergessen. Die Mitarbeiterin Carla Brunner ritt schon mal auf ihrem Wallach «Kadett» zur Arbeit; das Tier wurde vom Verleger Max Ras junior persönlich gefüttert. Mittwochs wanderte die Gesamtredaktion gemeinsam zum auswärtigen Mittagessen.

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Ansonsten blieb die Verköstigung lange Zeit dürftig. Sie stammte aus der Firmenküche der Contraves jener Waffenfabrik, die immer wieder Stoff für Skandale im Beobachter bot. Seis drum: «Das familiäre Klima blieb auch in Glattbrugg erhalten», erinnert sich Elsbeth Hunziker, dem Betrieb seit bald 40 Jahren treu.

1979 kaufte Lebensmittelhändler Beat Curti den Beobachter. Pick Pay reihte sich unmerklich in die Nachbarschaft. Wenig später, mit unterschiedlicher Lebensdauer, ein Modeheft, ein Sonntagsblatt, ein Wirtschaftsmagazin. 1991 folgte wieder ein neues Dach: Curti erwarb die Zürcher Jean Frey AG. Mit dem eigenständigen Haushalt hatte es endgültig ein Ende. Mit dem heiteren Märchen auch?

29. April 1992. Abschied von Glattbrugg. Ein Feuer wird vor dem Haus entfacht. Tränen fliessen. Die Akten, die Möbel sind gepackt. Mitte Mai marschiert die Belegschaft, einen Dudelsackpfeifer an der Spitze, ins neue Gebäude ein: Beobachter, Edenstrasse 20. Vor dem Block fliesst die Sihl überdacht von der Autobahn. Die Gänge im Gebäude sind fensterlos. Ebenso der Sitzungsraum. Geradezu imperiale Ausmasse haben die Einzelbüros; der Weg dazwischen beansprucht einige Zeit. Immerhin: Für gutes Schuhwerk ist gesorgt. Im Nebengebäude gibts Bally-Produkte zum halben Preis und in der nahen «Au» Ghackets mit Spätzli. Im Empfang entsteht auch eine bleibende Liebe. Der getigerte Kater, der Edith Ulrich in ihr Telefonkabäuschen folgte, ist noch heute bei ihr.

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Juni 1996. Der Beobachter befindet sich jetzt in «Zürich West». Im Juni 2002 wird er, nun Teil des Ringier-Verlags, von der Förrlibuckstrasse 10 an die Förrlibuck- strasse 70 ziehen 300 Meter westwärts, gegen Basel. Der Schritt ist bescheiden. Immerhin trennen den Beobachter noch 92 Kilometer vom Märchen.