Eigentlich sind die Angestellten beim Beobachter recht friedliche Menschen, doch wenn es um Ungerechtigkeiten geht, verstehen sie keinen Spass. Dann greifen sie zu ihrer Waffe und spitzen den Stift. Sie beschreiben die breite Palette von Ungereimtheiten – von den SBB-Tarifbestimmungen, die nicht auf moderne Patchworkfamilien zugeschnitten sind, bis zum Filz zwischen Pharmaindustrie und der Heilmittelkontrollstelle Swissmedic. Die Kritik bleibt nicht ungehört: So passt die Bahn ihre Bestimmungen jetzt an. Und die Parlamentarier nehmen die Kontrollbehörde unter die Lupe.

Täglich rund 300 Ratsuchende

Vom Problem der Patchworkfamilie mit der Bahn erfuhr der Beobachter via Beratungszentrum. Wer bei einem alltäglichen juristischen Problem nicht mehr weiterkommt und den Beobachter abonniert hat, kann sich dorthin wenden. Das tun jeden Werktag rund 300 Abonnentinnen und Abonnenten. «Wir wollen den Ratsuchenden Hilfe zur Selbsthilfe bieten», sagt Ressortleiterin Doris Huber vom Beratungszentrum. Bezahlt etwa eine Firma keine Überstunden, geben die Beraterinnen und Berater den Tipp, zuerst dem Arbeitgeber einen Brief mit der Forderung zu schreiben. Bleibt er stur, sollte das Arbeitsgericht eingeschaltet werden. «Wir haben Musterbriefe, können das Gerichtsverfahren erklären, wir nehmen den Ratsuchenden jedoch nicht die Arbeit ab. Wir rufen auch nicht bei der Firma an, um Druck zu machen», erklärt Ressortleiterin Karin von Flüe. Auf demselben Prinzip der Selbsthilfe basiert das Angebot HelpOnline auf der Website des Beobachters.

Ab und zu müssen die Beraterinnen und Berater den Ratsuchenden auch widersprechen. Ein weit verbreiteter Irrtum unter Mietern ist etwa, dass sie nach zehn Jahren Anspruch auf eine neu gestrichene Wohnung haben. «Indem wir die Anrufer über ihren Irrtum aufklären, verhindern wir, dass sie sich in eine Sache verbeissen», sagt Ressortleiter Patrick Strub. Doch nicht immer ist die Beratung so einfach.

«Da fliessen schon einmal die Tränen»

«Wenn ein Elternteil seine Familie sitzen lässt, fliessen am Telefon schon einmal die Tränen», sagt Karin von Flüe. Dann kann das Beratungszentrum zwar die rechtlichen Aspekte aufzeigen, jedoch nicht die therapeutische Begleitung ersetzen. Bei komplizierten Rechtsfällen mit Stapeln von Akten stösst das Team ebenfalls an seine Grenzen. «Dreht sich die Frage nicht um alltägliche rechtliche Probleme, müssten wir sämtliche Dokumente studieren. Doch dazu fehlt die Zeit», so Patrick Strub. Einen Anwalt kann das Beobachter-Beratungszentrum zwar vermitteln, aber nicht ersetzen.

Manchmal versuchen die Anruferinnen oder Anrufer auch, mit ihrem Problem ins Heft zu drängen. «Am liebsten ist mir aber, wenn ich selbst die journalistisch interessante Geschichte rieche», erklärt Ressortleiterin Karin von Flüe.

Komplizierte Streitfälle landen häufig bei der Redaktion oder auf dem Pult des Chefredaktors Balz Hosang. Diese Fälle haben meist schon eine lange Vorgeschichte – mit Irrläufen durch Behörden und verzweifelten Versuchen, sich Gehör zu verschaffen. Für manchen ist der Beobachter der letzte Strohhalm. «Wer schon bei allen Instanzen gescheitert ist, glaubt oft, der Beobachter müsse über seinen Fall schreiben. Dann würden sich all seine Probleme endlich lösen», sagt Hosang. Doch solch riesigen Erwartungen könne der Beobachter nicht gerecht werden.

Das Gefühl, ausgeliefert zu sein

Fehlt das Geld für den Rechtsweg, versucht so mancher mit allen möglichen Mitteln, zu seinem Recht zu kommen. So wie jener Leser, der sich fast alle sechs Monate meldet. Er hat sein Leben lang gekrampft, ohne je dem Staat zur Last zu fallen. Doch heute erhält er 20 Franken weniger als die maximale Rente. Er ist überzeugt, dass seine Arbeitgeber die Sozialbeiträge nicht korrekt abgerechnet haben, kann das aber nicht beweisen. Diese Ungerechtigkeit treibt ihn dermassen um, dass er sämtliche Behörden, Regierungs- und Bundesräte und natürlich auch den Beobachter mit Briefen eindeckt.

Am stärksten litten Menschen unter Ungerechtigkeiten, wenn sie sich ausgeliefert fühlten oder wirtschaftlich zum Beispiel von der Sozialhilfe abhängig seien, sagt Chefredaktor Balz Hosang. Doch der Beobachter ergreift nicht unbesehen Partei. «Journalismus ist nur dann fair, wenn in Kenntnis aller Argumente geurteilt wird», so Hosang. Deshalb wird umfassend recherchiert, bevor die Redaktorinnen und Redaktoren zum Stift oder in die Tasten greifen.

Quelle: Luxwerk
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