«Mein Vater ist jüngst gestorben. Mir steht doch ein Erbe zu?», fragt ein Anrufer an der Hotline des Beobachter-Beratungszen­trums. «Ja klar, als Nachkomme haben Sie zumindest Anspruch auf den Pflichtteil. Das sind drei Viertel des Erbes, das Ihnen gesetzlich zusteht», antworte ich. «Aber mein Bruder sagt, ich bekäme nichts, weil ich den Vater so geärgert hätte», erzählt der Mann. «Auf dem Sterbebett habe er gesagt, ‹der Ueli› – das bin ich –, ‹der soll nichts erben›.»

Der Anton war der Liebling

«Hat Ihr Vater ein Testament geschrieben?», frage ich. «Ja, das hat er. Und jetzt müssen sie mal hören, was da steht. Da steht: ‹Ich vermache alles, was mir noch geblieben ist, meinem Sohn Anton› – das ist mein Bruder. Der Anton war sowieso immer der Liebling, erst recht nach dem Tod der Mutter. Finden Sie das nicht ungerecht?», ereifert sich der Ratsuchende. «Ja, schon. Wie gesagt, das Gesetz gesteht Ihnen den Pflichtteil zu», erkläre ich. «Wenn Sie mit dem Bruder nicht einig werden, können Sie innert eines Jahres das Testament vor Gericht anfechten.» – «Würden Sie das tun?», fragt der Anrufer. «Äh, das kann ich nicht sagen. Wenn es um Millionen ginge, wahrscheinlich schon», sage ich. «Geld hatte der Vater nie viel», meint der Mann und lacht. «Was gibt es denn nun zu erben?» – «Ein Schwyzerörgeli.»