«Haben Sie Geschwister?», fragt eine Anruferin an der Hotline des Beobachter-Beratungszentrums. «Ja, ich habe eine Schwester. Warum wollen Sie das wissen?», antworte ich. «Weil Sie dann vielleicht besser verstehen, warum ich mich so aufrege», sagt die Frau. «Heisst das, Sie haben sich über das Verhalten eines Ihrer Geschwister geärgert?» – «Ja, und wie. Meine Schwester war ein Biest», ereifert sich die Frau.

«Was springt für mich heraus?»

«Was würden Sie sagen, wenn Ihre Schwester reich gewesen wäre und Ihnen nach dem Tod nichts von ihren Millionen abgegeben hätte?» – «Das wäre bedauerlich, aber ich könnte nichts dagegen tun und müsste es akzeptieren», versuche ich die Frau zu beruhigen. «Wenn Ihre Schwester in einem Testament andere Personen bedacht hat, gehen Sie tatsächlich leer aus. Seit Jahrzehnten haben Geschwister kein gesetzliches Pflichtteilsrecht mehr», erkläre ich.

«Das ist aber gemein. Sie war doch meine Blutsverwandte, da muss für mich doch etwas herausspringen», entrüstet sich die Anruferin. «Nein, leider nicht, Ihre Schwester hatte das Recht, ihr Vermögen anderen zu ver­machen.» – «So ein Biest», entfährt es der Frau nochmals. «Sie hat den ganzen Stutz von ihrem millionenschweren Mann Hans geerbt.» – «Da hatte sie wohl grosses Glück», sage ich. «Glück?», fragt sie zurück. «Hans wollte mich heiraten. Aber sie hat ihn mir vor 20 Jahren weggeschnappt.»