«Kennen Sie sich mit Enterben aus?», fragt eine Abonnentin an der Beratungshotline des Beobachters. «Nur theoretisch. Zum Glück hatte ich noch nie Anlass zu der Überlegung, eines meiner Kinder zu enterben», antworte ich. «Schön für Sie. Ich will meinen Sohn enterben. Und zwar sofort!» – «Ihren Sohn. Aha», sage ich und denke dabei an meinen 13-Jährigen zu Hause. In letzter Zeit geraten wir uns schnell in die Haare, meistens wegen Kleinigkeiten. Aber das ist halt das Alter.

«So einfach geht es aber nicht», wende ich mich wieder an die Anruferin. «Ihr Sohn hat als Nachkomme einen gesetzlichen Anspruch auf den Pflichtteil. Den können Sie ihm nur verweigern, wenn es einen triftigen Grund für die Enterbung gibt.» – «Ich habe allen Grund. So, wie er sich mir gegenüber seit Jahren verhält», sagt die Anruferin.

Was hat er verbrochen?

«Sind Sie sich sicher?», frage ich. «Sie können ihm den Pflichtteil nur entziehen, wenn er ein schweres Verbrechen gegen Sie begangen oder seine familienrechtlichen Pflichten schwer verletzt hat. Moralisches Fehlverhalten reicht nicht», erkläre ich, ganz Jurist. «Was hat er denn verbrochen?» – «Er hat sich noch nie für meine Weihnachtsgeschenke bedankt.»