Ein Uhr – fertig Hotline! Nach den vier Stunden am Telefon ist mein Frühstück längst verdaut. Pausemachen liegt für uns Beraterinnen und Berater nicht drin. Das Telefon klingelt ununterbrochen.

Die Vielfalt der Fragestellungen ist gross. Da gibt es einfache Fragen, die ich sofort in Kürze beantworten kann: Ja, ein Arbeitgeber kann ohne Angabe von Gründen kündigen; im Nachhinein kann eine schriftliche Begründung verlangt werden. Andere Fragen sind komplizierter: zum Beispiel, bis zu welcher Höhe und wie lange der Exfrau Alimente zu zahlen sind.

Mein Hunger ist gross. Den Mittagstisch teile ich wie meistens mit Kolleginnen und Kollegen. Dabei kann ich meine Batterien wieder aufladen. Wenn am Telefon die Emotionen hochgehen, braucht das viel Kraft. Dann heisst es sachlich bleiben – auch wenns mich innerlich fast «verschränzt».

Etwa die junge Mutter, deren Ehemann sich plötzlich von ihr trennen will. «Das kann er doch nicht machen, oder?», fragt sie verzweifelt. «Doch, aus rechtlicher Sicht kann er.» – «Aber mein ganzes Leben wird zerstört!»

Und dann höre ich nur noch Schluchzen.

In solchen Momenten bin ich versucht zu trösten. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Das kann eine Freundin besser. Ich vergewissere mich jeweils, ob ein solcher Beistand vorhanden ist, und informiere, was man sonst noch unternehmen kann. Allenfalls mache ich auf professionelle Hilfsangebote aufmerksam und vermittle Adressen.

Wo hört die Beratung am Telefon auf? Wo ist die Vermittlung von externen Fachstellen angesagt?

Dies zu erkennen ist eine unserer Hauptaufgaben. Natürlich helfe ich den Ratsuchenden am liebsten selber. Das ist meistens auch möglich.

Nicht immer auf Anhieb – wie bei folgender Frage: «Ich war zwei Tage krank. Mein Arbeitgeber will mir für diese Zeit keinen Lohn bezahlen – die Krankentaggeldversicherung zahle erst ab dem dritten Krankheitstag. Gilt das?» Das Gesetz sagt dazu nichts Eindeutiges. Wir vereinbaren, dass ich die Frage näher abkläre und zurückrufe.

Es sei nicht verschwiegen: Es gibt auch Anrufende, denen nicht zu helfen ist. «Ein Hohn, Ihre Bandansage», zürnt da einer. «Sie bitten um Geduld – und jetzt warte ich schon seit drei Minuten!» Oder: «Sind Sie Juristin?», fragt ein anderer – und will dann wissen: «Wie lange schon? Ich kann nämlich keinen Grünschnabel gebrauchen. Ich bin selber halb Jurist.» Nun ja. Halbjuristen wissen alles besser.

So, fertig geplaudert. Nach dem Mittagessen warten die Nachbearbeitung der Telefonate und die Beantwortung der E-Mail-Anfragen auf mich. Morgen um neun Uhr, liebe Abonnentinnen und Abonnenten, bin ich wieder hungrig. Auf Ihre Fragen.

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