Krach mit dem Chef, Schwierigkeiten

in der Ehe, Schuldenberge, Alkoholmissbrauch: Elisabeth Laubi

ist für alles zuständig. Seit 21 Jahren arbeitet sie

als Sozialberaterin für die Industrie Horgen ZH. Acht Unternehmen,

von der alteingesessenen Druckerei über die Maschinenfabrik

bis zum amerikanischen Konzern, sind dem Pool angeschlossen. «An

Arbeit hat es mir nie gefehlt», sagt die vom SV-Service in

Zürich angestellte Fachfrau.

Der SV-Service, bekannt durch die von

ihm geführten Betriebsrestaurants, ist auch führend

in der Branche der betrieblichen Sozialberatung. Sozialarbeiterinnen

und -arbeiter wie Elisabeth Laubi tragen in Firmen als «Experten

fürs Menschliche» zum seelischen Wohl der Angestellten

bei - und damit auch zum Gedeihen der Betriebe. Rund 60 Aufträge

sind beim SV-Service zurzeit am Laufen. Tendenz steigend.

Die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

die Elisabeth Laubis gute Dienste in Anspruch nehmen, schwankt

je nach Betrieb zwischen vier und acht Prozent der Belegschaft.

Gut die Hälfte kommt aus eigenem Antrieb; die andern werden

von Vorgesetzten geschickt. Zur Klientschaft zählen Kaderleute

genauso wie Hilfsarbeiter, Ausländer wie Einheimische.

Die Beratungsstelle befindet sich in

einem separaten Gebäude mitten in Horgen. Wer Hilfe benötigt,

soll sie in Anspruch nehmen können, ohne dass die Kollegen

davon Wind bekommen. Was in den Beratungsgesprächen zur Sprache

kommt, bleibt vertraulich. Zwar erstellt Elisabeth Laubi jedes

Jahr eine Statistik für die einzelnen Firmen; Namen und individuelle

Probleme tauchen darin aber nicht auf.

Die räumliche Auslagerung der

Sozialberatung bietet nicht nur Diskretion, sondern auch eine

gewisse innere Distanz zum Unternehmen. Das ist auch für

die Beraterin wichtig. Andererseits erschwert die räumliche

Distanz Elisabeth Laubis Integration in die Betriebe. Auch wenn

sie sich manchmal wünscht, mehr präventiv arbeiten zu

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können, liegt der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit doch auf

der Krisenintervention: Durch den direkten Draht zu den Unternehmen

kann sie schnell und gezielt helfen.

Dass die Horgner Firmen zusammen eine

Sozialberatung haben, ist keine Selbverständlichkeit. Es

sind nämlich vor allem Konzerne wie Swisscom, ABB oder die

CS Group, die sich solches leisten. Wie viele Schweizer Unternehmen

insgesamt über eine interne, «diplomierte» Sozialberatungsstelle

verfügen, ist nicht bekannt. Fachleute halten ihre Zahl aber

für relativ klein. Hans Rudolf Schuppisser, Sekretär

beim Schweizerischen Arbeitgeberverband, schätzt, dass im

Zuge der Restrukturierungen Ende der achtziger Jahre hier «eher

abgebaut» worden sei.

Heute ist das Thema allerdings wieder

aktueller. Zentral ist laut Schuppisser, dass die Personalverantwortlichen

ihre Betreuungsaufgaben wahrnehmen: «Von ihrer Motivation,

diesem Bereich das nötige Gewicht beizumessen, hängt

vieles ab.»

Stark vertreten ist die innerbetriebliche

Sozialberatung aber nicht. In der Ausbildung, so Christof Häfeli,

Rektor der Höheren Fachschule für Sozialarbeit in Luzern,

gebe es keinen Schwerpunkt dazu. Und auch im Weiterbildungsangebot

der Schulen fänden sich kaum Angebote für in der Wirtschaft

tätige Kolleginnen und Kollegen.

Katharina Prelicz-Huber, Ex-Sozialberaterin

bei ABB Schweiz, heute in der Ausbildung tätig, erinnert

sich lebhaft an die Zeit, in der sie selber in der Ausbildung

zur Sozialarbeiterin steckte. «An der Schule dachten wir

damals, innerbetriebliche Beraterinnen seien alte Tanten, die

in den Firmen das Mameli spielen. Und für die fortschrittlichen

Linken unter uns war es ohnehin indiskutabel, für die Wirtschaft

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zu arbeiten.»

Heute ist sie daran, für ihre

ehemalige Arbeitgeberin ABB ein neues sozialpolitisches Konzept

zu erarbeiten, das auch den innerbetrieblichen Sozialdienst umfasst.

Wenn es den sozial Tätigen gelinge, einen guten Kontakt zum

Management aufzubauen und ihm neue Formen des Umgangs mit Mitarbeitern

aufzuzeigen, könnten sie einiges bewirken, sagt Prelicz-Huber:

«Es kommt darauf an, wie gut man die Sozialberatung verkaufen

kann. Das ist ein noch ganz ungewohnter Ansatz im Sozialbereich.»


Diese Erfahrung macht man auch beim

SV-Service in Zürich. Lange Zeit fristete die Sozialberatung

selbst beim Branchenleader ein stilles Dasein; die Zahl der festen

Beratungsstellen wie derjenigen in Horgen stagnierte. «Firmen

haben eine Tendenz, sich finanziell nicht fest zu verpflichten»,

sagt Matthias Kipfer vom Leitungsteam dazu. Dennoch weht heute

ein frischer Wind in der Branche: Kipfer stellt gar «einen

richtigen Boom» bei Sozialberatungen auf Abruf fest.

Eingesetzt werden die SV-Fachleute

auf Abruf etwa für die Begleitung schwieriger Reorganisationen,

für die Erstellung von Sozialplänen und die Betreuung

der Mitarbeiter beim Stellenabbau. Für ein paar Monate werden

sie von den Firmen als «ergänzendes Element im Personalbetreuungskonzept»

eingesetzt. Kipfer: «Wir ergänzen, entlasten und unterstützen

die Personaldienste.»

Beratung bei persönlichen Problemen,

Kurse über den Umgang mit Sucht am Arbeitsplatz, Coaching

für die Vorgesetzten - das Angebot der SV-Leute ist breit

gefächert. Bei Bedarf kümmern sie sich auch um Mitarbeiter,

die an «Survivor Sickness» leiden - der Krankheit der

Uberlebenden eines Stellenabbaus. Symptome: Misstrauen, Angst,

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fehlende Motivation, innere Kündigung.

Der durchschnittliche Stundenansatz

der externen Krisenhelfer beträgt 145 Franken. Das zahlt

die Firma; sie bestimmt auch die Dauer des Einsatzes und seine

Schwerpunkte mit. «Die Einsätze sind klar marktwirtschaftlich

organisiert», sagt Kipfer. Aber als neutrale Stelle zwischen

Arbeitgeber und -nehmern, ohne Weisungs- und Sanktionsbefugnis,

können die externen Fachkräfte viel bewirken. Allerdings,

so Kipfer, müssten die Aufträge oft «breiter und

länger gesteckt sein».

Die SV-Krisenmanagerin Jasmin Akdag-Nef

ist zurzeit für drei Firmen tätig, auf Abruf. Mit jeder

von ihnen ist vereinbart worden, dass ein gewisser Teil ihrer

Arbeit für die Behandlung grundsätzlicher Fragen eingesetzt

werden soll. Damit wird das Risiko vermindert, eine reine Feuerwehrübung

zu veranstalten.

Bei ihren Einsätzen landet sie

immer wieder in sehr angespannten Situationen. Dass sie von aussen

kommt und unvoreingenommen ist, wirkt jeweils entspannend und

vertrauensbildend. Gerade in Reorganisationsphasen fehle den Chefs

häufig die Zeit zum Führen, hat Akdag-Nef beobachtet:

«Das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmer

kann in Krisensituationen ziemlich gestört sein.» Da

kann es schon Wunder wirken, wenn eine Sozialberaterin wenigstens

auf die persönlichen Probleme der Untergebenen eingeht.