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BeziehungFreundinnen fürs Leben

Ihre Freundschaft ist rekordverdächtig: Ursula Wild (links) und Margret Moser*. Bild: Sophie Stieger

Freunde sind wichtiger als die Partnerschaft, besagen Studien. Margret und Ursula würden das bestätigen: Sie sind seit 70 Jahren befreundet. Was ist das Geheimnis ihrer Beziehung?

von Käther Bänziger

Margret weiss alles über mich», sagt Ursula Wild. «Ein Leben ohne sie wäre unvorstellbar.» Seit mehr als 70 Jahren ist Margret die Freundin an Ursulas Seite, obwohl sie räumlich immer getrennt gelebt haben. Wann ihre Freundschaft angefangen hat, können sie nicht sagen – sie kennen sich, seit sie denken können. Sicher ist: Ein Aufenthalt in England zur gleichen Zeit hat die beiden Ostschweizerinnen zusammengeschweisst. In ihrer Art seien sie sich ähnlich, findet Ursula: offen und manchmal fast zu direkt. Wenn sie sich treffen, wird viel und gern gelacht.

Doch die zwei über 80-Jährigen sehen sich nicht sehr häufig und schon gar nicht regelmässig. «Aber wir spüren, wenn es der anderen nicht gut geht», sagt Margret Moser* – dann telefoniere oder sehe man sich öfter. Doch die zwei führen ein Leben voller Betriebsamkeit, was wenig Zeit für spontane Treffen lässt. «Verbunden fühlen wir uns trotzdem jederzeit.»

Junge haben die meisten Freunde

Gute Freunde, so ein Ergebnis der renommierten deutschen Jacobs-Studie 2014 (online nicht mehr verfügbar) zum Thema «Freunde fürs Leben», halten auch mal Funkstille aus. Nur 18 Prozent von über 1600 Befragten finden es wichtig, dass man sich häufig sieht.

In der Kindheit und der Jugend hat man am meisten Freunde. Dann sieht man diese oft und unternimmt vieles zusammen, sagen rund drei Viertel der Befragten. Im Vordergrund stehen Spass, Tratsch, bei den Frauen auch gemein­sames Shoppen. Als Erwachsene sehen sich auch «beste Freunde» seltener – und intensive Gespräche über Partnerschaften, Beruf und Lebensentwürfe lösen Klatsch und Einkaufen ab.

Durch alle Altersstufen hindurch gilt jedoch: Freunde sind wichtiger als alles andere. Die Sehnsucht nach funktionierenden Freundschaften steht bei 85 Prozent im Vordergrund – vor dem Wunsch nach guter Partnerschaft, Erfolg im Beruf oder der Aussicht auf eigene Kinder.

*Namen geändert

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«Freunde können dabei helfen, den Blick auf das eigene Leben freizustellen.»
Quelle: Sophie Stieger

Dass Freundschaften wichtig sind, weiss auch die Medizin: Einsamkeit schadet der Gesundheit genauso wie Rauchen. Freundschaften hingegen schützen vor Bluthochdruck, Depressionen und anderen psychischen Krankheiten. Und sie steigern das Selbstbewusstsein.

Fast alle verbinden mit Freunden das Gefühl, dass man sich aufeinander verlassen kann, wenn man Hilfe braucht. Janosch Schobin vom Hamburger Institut für Sozialforschung beobachtet, dass Freundschaften heute «fürsorglicher, emotionaler und näher» werden. Doch er sieht Grenzen: «Die Alters-WG etwa könnte funktionieren, aber wenn Freunde pfle­gebedürftig werden, wird es schwierig.»

Die meisten glauben zwar, dass sie ihre Freunde pflegen würden, doch zugleich würde es ihnen schwerfallen, Hilfe von ihnen anzunehmen. Tatsächlich werden nur zwei bis acht Prozent der Pflegebedürftigen (auch) von Freunden betreut.

«Natürlich schmerzt es, den Heiri so zu sehen. Aber die Spaziergänge tun mir und ihm gut.»

Bester Freund von Heiri (88)

Sehr viel typischer ist laut Schobin praktische Unterstützung im Alltag, wie sie etwa der Berner Heiri Müller* erfährt. Ein Freund holt den altersdementen 88-Jährigen jeden Nachmittag zum Spazieren ab. Kennengelernt haben sie sich vor ungefähr 50 Jahren, als Heiri mit seiner Familie in die Nachbarschaft zog. Schon bald rannten sie regelmässig gemeinsam durch die Wälder, einmal pro Woche trafen sie sich, um zu musizieren. «Natürlich schmerzt es, den Heiri so zu sehen», sagt sein Freund, «aber die Spaziergänge tun mir und ihm gut.»

Immerhin ein Viertel der Männer in der Jacobs-Studie und fast die Hälfte der Frauen sagen, dass Freunde ihnen schon geholfen hätten, als sie krank waren. Sehr viel öfter haben sie bei Problemen anderer zugehört, obwohl sie eigentlich gar keine Zeit hatten. «Wenn wir uns nicht mehr zu helfen wissen, sind Freunde neben den Partnern die erste Adresse», sagt Soziologe Schobin.

Ausserdem stellt der Soziologe fest: Immer mehr Leute können im Notfall nicht mehr auf die Familie zählen, weil sie gar keine haben. Ihre Hoffnung ist, dass Freunde diese Lücke füllen. Ob das klappt, erfährt man erst im Ernstfall. Oft schrumpft ein grosser Bekanntenkreis auf ein Minimum, wenn man etwa plötzlich mit einer ernsthaften Krankheit konfrontiert ist und auf permanente Unterstützung angewiesen wäre.

Ein Spiegel des eigenen Lebens

Für Ursula war es klar, dass sie ihre lebenslange Freundin Margret unterstützte, als deren Mann schwer erkrankte. Umgekehrt besuchte Margret Ursulas Mutter im Pflegeheim, während Ursula beruflich sehr eingespannt war.

Ursula hatte weniger Glück im Leben als sie, glaubt Margret. Sie selbst sei von ihrem Mann auf Händen getragen worden, doch Ursula habe viele Schicksalsschläge ohne Unterstützung ihres Mannes verarbeiten müssen.

Gerade in den mittleren Jahren steht der Austausch über die Partnerschaft ganz oben auf der Liste dessen, was man mit Freunden teilt. Über ein Drittel der Befragten der Jacobs-Studie fühlt sich in solchen Dingen von Freunden gar besser verstanden als vom Partner.

Auch der spätere Lebensgefährte von Ursula Wild gefiel der besten Freundin nicht in allen Punkten – und sie sprach das ganz offen aus. «Andere Freundinnen schweigen, wenn sie nicht einverstanden sind, Margret widerspricht mir», sagt Ursula. Das sei eben auch ihre Art. Streit hatten die beiden deswegen nie.

«Freunde können eine Hilfe dabei sein, den Blick auf das eigene Leben freizustellen und auf das, was noch möglich ist», sagt Sozialforscher Schobin.

Das Ende kommt meistens schleichend

Der Schuss kann allerdings auch nach hinten losgehen. Wie bei Erika Schoch. Die heute 49-jährige Zürcherin war schon lange unzufrieden mit ihrer Ehe und liess sich regelmässig von ihrer besten Freundin trösten, die in ihrer eigenen Beziehung fast ebenso unglücklich war. Als Schoch einen Schlussstrich zog und schon wenig später einen anderen Partner hatte, wurde die zuvor so fürsorgliche Freundin jedoch regelrecht wütend: Die Scheidung passte nicht in ihr Weltbild, und an Erikas neuem Freund liess sie kein gutes Haar. Bald sahen sie sich immer seltener – irgendwann gab es nur noch Sendepause.

Laut Soziologe Schobin ist dieses schleichende Ende typisch, ein offener Streit eher selten: «Die meisten Freundschaften laufen einfach aus. Das hat den Vorteil, dass man sie irgendwann wieder aufnehmen kann.»

Wenn Kinder kommen, wirds schwierig

Liebe ist ein häufiger Grund für das Auseinanderdriften. Eine niederländische Untersuchung zeigt: Singles treffen ihre Freunde doppelt so häufig wie Verheiratete. Weitere Freundschaftskiller sind Umzüge oder Jobwechsel.

Allerdings zeigt die Jacobs-Studie, dass Freundschaften auch über Landesgrenzen hinweg bestehen können – sofern man sich die Mühe nimmt, sich regelmässig zu melden. Dann, sagte eine Mehrheit der Befragten, gestalte sich das Wiedersehen oft so, als ob man sich erst gestern gesehen hätte.

«Die meisten Freundschaften laufen einfach aus.»

Janosch Schobin, Soziologe

Der grösste Freundschaftskiller ist der Nachwuchs. «Die Lebensläufe sind nach der Geburt des ersten Kindes nicht mehr kompatibel», sagt Soziologe Schobin. Tatsächlich sprechen 81 Prozent der Mütter mit ihren besten Freundinnen vorwiegend über ihre Kinder – bei den Männern sind es immerhin noch 57 Prozent, zeigt die Jacobs-Studie. Kein Wunder, hat nur jeder dritte Kinderlose einen Freund mit Kindern. Unterschiedliches Alter, ein anderer Zivilstand, ungleiches Bildungsniveau: All das scheint besser zusammenzupassen als Eltern und Nichteltern.

Der Nachwuchs konnte der Freundschaft von Ursula und Margret nichts anhaben. Margret gründete zwar sehr viel früher eine Familie, doch Ursula tat, was gute Freunde füreinander tun: Sie hütete die Kinder, damit die jungen Eltern ausgehen konnten.

Falls dereinst eine von ihnen nicht mehr selbständig wohnen kann, das haben sich die zwei Frauen versprochen, wollen sie einander unterstützen und wenn nötig zusammenziehen. Gemeinsam unter einem Dach: Das wäre nach sieben Jahrzehnten Freundschaft tatsächlich noch einmal etwas Neues.

*Namen geändert

Veröffentlicht am 2015 M07 07