Eifersucht «Meine Partnerin flirtet online mit anderen Männern»

Schreibt sie mit anderen Männern in Online-Chats, passt ihm das nicht wirklich. Bild: Thinkstock Kollektion

Mit wenig Aufwand kann man heutzutage in Internet-Chats neue Bekanntschaften schliessen. Doch ab wann wird der Nervenkitzel zu einer Belastungsprobe für die Beziehung?

von Koni Rohner

Frage von Ralph Z.: «Jüngst kam ich dahinter, dass meine langjährige Freundin Chatbeziehungen zu andern Männern pflegt. Das verunsichert mich. Oder bin ich zu eifersüchtig?»

Sie sind nicht zu eifersüchtig, sondern so eifersüchtig, wie Sie eben sind. Das ist Ihre emotionale Realität, und die sollten Sie der Partnerin mitteilen, damit sie weiss, was ihr Verhalten bei Ihnen auslöst. Ob das Internet­flirten allerdings Ihre Beziehung gefährdet oder sogar stabilisiert, weiss ich nicht. Beides ist möglich.

Wichtig ist, dass Sie sich auf Regeln einigen, an die sich beide halten. Nur dann können Sie sich weiterhin vertrauen – und gegenseitiges Vertrauen ist die wichtigste Basis einer Beziehung. Es gibt Paare, die absolute emotionale und sexuelle Treue voneinander erwarten. Für andere liegt Flirten sowohl im richtigen Leben als auch im Internet durchaus drin, nach dem Prinzip: «Den Appetit kann man sich auswärts holen, aber gegessen wird zu Hause.»

Das Thema Treue war schon immer ein Kernthema in Partnerschaften, aber mit der Verbreitung des Internets hat es eine neue Dimension bekommen. Laut Studien des Psychologen Guy Bodenmann an der Uni Zürich kommt es dann zur Untreue, wenn erstens das Anstrengende und Mühsame in einer Beziehung das Erfreuliche und Angenehme zu überlagern beginnt und zweitens Alternativen leicht zugänglich sind. Genau solche bequemen Ausweichmöglichkeiten bietet das Internet.

Der Nervenkitzel ist schnell verfügbar

Noch nie war es so einfach, die Stabilität der Ehe oder festen Partnerschaft mit dem Nervenkitzel der Dating-Szene zu verbinden, schreibt die US-Forscherin Beatriz Avila in ihrer Studie über Online-Untreue in Chat­rooms. Mit geringem Aufwand kommt man über diverse Portale oder Apps zu Kontakten. Man bringt sich mit einem Pseudonym ein, stellt sich so dar, wie man gern gesehen werden möchte – und wird einem die Sache lästig oder zu brenzlig, ist der Abbruch der virtuellen Beziehung jederzeit und ohne Komplikationen möglich.

In einer deutschen Umfrage gaben 39 Prozent an, sie hätten sich schon auf eine Online-Beziehung eingelassen. 72 Prozent kennen jemanden, der eine Cyberaffäre führt. Meist geht der Chat nicht über das Austauschen von Gefühlen und Gedanken hinaus. Eine weitere Stufe ist der erotische Chat samt Unterhaltungen mit sexuellem Inhalt, dem Zusenden von Nacktfotos oder auch der gemeinsamen Selbstbefriedigung auf Distanz.

Online-Eskapaden können das Leben in der Partnerschaft bereichern, weil sie den virtuellen Fremdgänger sexuell und gefühlsmässig lebendiger machen. Oft aber ist das Gegenteil der Fall: Die Online-Beziehung bekommt eine Eigendynamik und führt zur Entfremdung der Partner. Es steht weniger Zeit und Energie zur Pflege der realen Partnerschaft zur Verfügung, die Sexualität mit dem primären Partner kann unter dem virtuellen Fremdgehen leiden. Wird die Cyberaffäre letztlich bekannt, kommt es zu Verletzungen, Verärgerung und Vertrauens­verlust: Gemäss Guy Bodenmann hält jede fünfte Beziehung dem nicht stand.

4 Tipps für Paare zum Umgang mit Online-Flirts

  • Reden Sie offen miteinander über die Möglichkeiten von Internetkontakten und legen Sie die Regeln und Grenzen für Ihre individuelle Beziehung fest.

  • Stellen Sie in Rechnung, dass Ihr spielerisches Einsteigen ungewollt zu einer ernsthaften Bindung führen kann, die Ihre Partnerschaft gefährdet.

  • Lassen Sie sich nicht einfach von emotionalen oder sexuellen Wünschen treiben, sondern definieren Sie für sich selbst, wie weit Sie höchstens gehen würden.

  • Sagen Sie dem Partner oder der Partnerin offen, was für Gefühle seine oder ihre Internetaktivität bei Ihnen auslöst.

Buchtipp

Guy Bodenmann: «Beziehungskrisen – erkennen, verstehen und bewältigen»; Verlag Hans Huber, 2005, 168 Seiten, CHF 37.90

Veröffentlicht am 2015 M03 03