Mount-Everest-Bezwingerin Evelyne Binsack und SBB-Generaldirektor Benedikt Weibel haben eines gemeinsam: Beide haben eine Prüfung bestanden, bei der die Hälfte aller Kandidaten durchfällt – jene zum Bergführer, zur Bergführerin mit eidgenössischem Fachausweis. 1300 Bergführer, darunter rund ein Dutzend Frauen, sind heute in der Schweiz unterwegs.

«Das fachliche Niveau der Schweizer Bergführer ist sehr hoch», sagt Edi Bohren voller Stolz. Er ist Vorsitzender der Technischen Kommission des Schweizer Bergführerverbands (SBV). Auch Hansruedi Müller, Professor für Touristik an der Universität Bern, bestätigt, dass die Bergführerausbildung «etwas vom Besten innerhalb der Erlebnisberufe» sei.

Dies obwohl die Ausbildungszeit relativ kurz ist. Der Kurs dauert 76 Tage und ist dreigeteilt. Im ersten Jahr findet der Kandidatenkurs statt, bestehend aus fünf Teilen: Lawinen, Steileisklettern, Winterausbildung, Sportklettern und Sommerausbildung. Im zweiten Jahr absolvieren die Kandidaten mit diplomierten Bergführern und Gästen eine möglichst grosse Zahl an Ski- und Hochtouren. Im dritten Jahr erfolgt dann die Prüfung.

Geplant ist eine Meisterprüfung
Doch die erworbene Technik in Fels und Eis genügt heute nicht mehr, um dem Bergführer eine optimale Ausgangslage im Berufsleben zu sichern. «Der Bergführer muss sich auch ‹verkaufen› können und etwas von Unternehmensführung verstehen», sagt Elisabeth Müller vom Schweizer Alpen-Club. Seit rund zwei Jahren arbeitet der SBV deshalb ein Reformpaket aus.

Gemäss seinem Organ «Berg & Ski» sind folgende Neuerungen vorgesehen:

  • Die Ausbildung wird von 76 Tagen auf 92 Tage verlängert.

  • In zwei zusätzlichen Modulen werden künftig die Themen Kommunikation, Tourismus und Recht sowie Natur und Umwelt vermittelt.

  • Themen wie Betriebsführung, Methodik und Didaktik, Material und Sicherheitstechnik sowie Gebirgsmedizin finden ebenfalls Eingang in die Ausbildung.


Neu erhält der Bergführer die Gelegenheit, eine Art Meisterprüfung abzulegen. «Damit wäre er beispielsweise besser in der Lage, eine Alpinschule zu führen», sagt Wolfgang Wörnhard vom SBV.

Noch weiter geht Hansruedi Müller von der Uni Bern. Er hat im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft und des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie einen Bericht ausgearbeitet, in dem er die Weiterbildung zum «eidg. dipl. Tourismusmanager» vorschlägt. «Der Tourismusmanager müsste fähig sein, die wirtschaftlichen Zusammenhänge zwischen Alpinschulen, Hotellerie und Bergbahnen zu erkennen», sagt Müller.

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In der Tat besteht Handlungsbedarf, denn die heutige Bergführerausbildung ist umstritten. Bemängelt wird, dass Prüfung und Ausbildung nicht klar getrennt seien. In jedem Ausbildungsteil erteilt der Klassenlehrer eine Erfahrungsnote, für die er allein zuständig ist. Bei der Prüfung am Schluss des Kurses sind hingegen externe Experten anwesend. «Zu grosse Macht des Klassenlehrers» und «dauernder Prüfungsstress» lauten deshalb die Vorwürfe.

Unklar ist die Auswahl der Lehrer. Hinter vorgehaltener Hand wird von Vetternwirtschaft gesprochen. Mount-Everest-Bezwingerin Evelyne Binsacks Lösung: «Jene Klassenlehrer, die bekannt dafür sind, dass sie immer Schwierigkeiten mit Kandidaten haben, sollen endlich zurücktreten.»