Sie weiss nicht, wohin mit den Händen, lächelt schüchtern, blickt auf und sofort wieder weg. Am Schluss halten sich die Hände an der Tasse fest. Die Indienreisende nimmt man ihr erst ab, als sie zu erzählen beginnt. «Mir reicht es nicht, ein Buch über Indien zu lesen. Nach der Lektüre weiss ich zwar, dass die Mentalität der Inder sich von der unsrigen unterscheidet, aber ich bleibe trotzdem fest in meinem, im westlichen Wertesystem verankert.» Sie müsse nach Indien, sie müsse das Land einfach live erleben. Mit dieser Bestimmtheit in der Stimme sprechen sonst nur Spitzensportler oder Spitzenpolitiker.

Ayla Zacek, 19, wird die Anker lichten und ihr altes Leben hinter sich lassen. Ein Jahr lang wird nicht Zürich, sondern Hyderabad die Stadt sein, in der sie aufwacht, einkaufen geht, Bus fährt, kocht: eine Sieben-Millionen-Metropole im Zentrum des Subkontinents.

RTEmagicC_Indien.jpg.jpgIn einem Spital der Schweizer Stiftung Cleft-Kinder-Hilfe International wird sie wohnen und arbeiten. Sie weiss noch nicht, als was. «Wahrscheinlich in der Administration.» Sie weiss nur, dass sie die Cleft-Kinder-Hilfe «eine gute Sache» findet. Der englische Begriff Cleft bedeutet «Spalte» und bezeichnet gleichzeitig eine der häufigsten angeborenen Fehlbildungen: die Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, im Volksmund Hasenscharte oder Wolfsrachen genannt. Die Stiftung unterhält in Indien mehrere Cleft-Behandlungszentren, wo betroffene Kinder mit Hilfe von Spendengeldern gratis operiert und nachbetreut werden.

Wie hatte man sich Ayla Zacek eigentlich vorgestellt? Als einen Gutmenschen, der von der naiven Idee getrieben wird, in einem armen Land armen Menschen zu helfen? Vor dem Treffen mit ihr in einer Zürcher Kaffeebar kamen einem die Zeitungsartikel aus Deutschland in den Sinn, in denen die Rede war von «einer neuen Jugendbewegung» («Die Zeit»), vom «Lebensgefühl NGO» und vom «Egotrip ins Elend» («Süddeutsche Zeitung Magazin»). Die Artikel richteten sich gegen das vom deutschen Entwicklungsministerium 2007 gestartete Projekt «Weltwärts», das Schulabgängern mit staatlicher Unterstützung den Einsatz in einem Entwicklungsland ermöglicht. 10'000 junge Leute meldeten sich. «Raus aus den Kinderzimmern, rein in die Urwälder, hinaus in die Wüsten! Abenteuer bestehen und dabei auch noch Gutes tun», spottete das Magazin der «Süddeutschen Zeitung».

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«Wichtig für die Charakterbildung»

Ayla Zacek nimmt einem die Luft aus den Segeln. Weil sie die kritischen Fragen, die man ihr stellen wollte, vorwegnimmt. Sie hat sie sich längst selbst gestellt. Und Antworten gefunden. Die 19-Jährige löffelt den Schaum vom Cappuccino, sagt: «Was kann jemand wie ich, frisch von der Schule, unqualifiziert, in Indien schon helfen? Ich und all die anderen jungen Leute, die in Asien, Afrika oder Lateinamerika einen Sozialeinsatz absolvieren, machen es für sich selbst. Das ist egoistisch, aber das ist die Wahrheit.» Sie zögert, als könnte man das, was nun kommt, falsch verstehen. Dann sagt sie es doch: «Ein Auslandsaufenthalt macht einen selbstsicherer und toleranter, er ist wichtig für die Charakterbildung. Und er hilft einem für später, für die Karriere.» Wenn in ihrem Lebenslauf stehe, sie habe ein Jahr in Indien gearbeitet, wisse der Arbeitgeber, «dass ich mich durchkämpfen kann und mit beiden Beinen im Leben stehe».

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Ayla Zacek, die Pragmatikerin? Sie lacht, überrascht und ungläubig. Im Lachen scheint die andere Ayla Zacek auf, die Idealistin. Zaghaft erst, bis auch sie von Bestimmtheit umgeben ist. «Ich sehe meine Indienreise auch als Kriegsprävention. Beziehungen zwischen Menschen, besonders zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, machen die Gesellschaft toleranter und fördern den Frieden.» Wer sich kenne, bekriege sich nicht.

In der Schweiz gibt es nichts Vergleichbares zum deutschen «Weltwärts»-Projekt. «Damit der Einsatz von jungen, unqualifizierten Leuten in einem Entwicklungsland wirksam und nützlich wäre, bräuchte es eine intensive Einführung und Betreuung», sagt dazu Jean-Philippe Jutzi, Sprecher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten. So blieb Ayla Zacek keine andere Möglichkeit, als sich ihren Aufenthalt in Indien selbst zu organisieren.

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Neugierig auf alles, was anders ist

«Mir ist, als hätte Indien mich ausgewählt, nicht ich Indien.» Es scheint, als kämpften in Ayla Zacek viele verschiedene Seiten um Sichtbarkeit, um den Platz an der Oberfläche. Die Schüchterne mit der Spitzenpolitikerin, die Pragmatikerin mit der Idealistin. Und jetzt die Schicksalsergebene. Dass sie nach Indien gehe, sei Zufall. Sie habe einfach jedem erzählt, sie wolle weg. Und viele hätten gesagt: Indien – das hätte sie gepackt. Indien – das sei Verzauberung und Extreme der Gefühle. «Da wusste ich, Indien passt zu mir. Indien, ich komme!»

Stimmt, da ist auch noch die wilde Seite, die erst nach ungefähr einer Stunde in der Kaffeebar zum Vorschein kommt. Sie blitzt in den Augen auf, löst die Hände von der Tasse, die Arme aus ihrer Verschränkung. Mit weiten Gesten erzählt Ayla Zacek von ihren Eltern, die mit Eseln durch das alte Jugoslawien, durch Italien und Spanien zogen. «In meiner Familie wurden schon immer alle bestehenden Gesellschaftsnormen hinterfragt», sagt sie. Kaum war sie alt genug, als 16-Jährige, zog sie allein in die Welt hinaus. Ein Jahr als Austauschschülerin nach Peru. «Ich finde alles gut, was anders, fremd und neu ist. Das macht mich aus.»

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Einige Monate lebte Ayla Zacek mit der Gewissheit, dass Indien das Land war, wo sie hinwollte. Sie unternahm aber nichts. Sie sprach nur ständig darüber. Bis ein Freund ihr von der Cleft-Kinder-Hilfe erzählte. Sie rief dort an und fragte. Mehr nicht. Grosse Schritte brauchen einen grossen Anlauf – wer setzt solche Märchen in die Welt? Wer wie sie ins Ausland wolle, brauche Mut, Selbstsicherheit, Geduld und den Glauben an die Sache. «Dann erreicht man es, garantiert.» Andere Ratschläge könne sie nicht geben.

Bald geht ihr Flug nach Indien. Sie habe keine Angst, Familie und Freunde ein Jahr lang nicht zu sehen. Sie kenne das von Peru her. «Freundschaften gehen deswegen nicht kaputt.» Was erwartet sie von der Reise? Die Schicksalsergebene antwortet: «Keine Ahnung, ich lasse mich überraschen.» Die Wilde zuckt mit den Schultern und lacht. Die Pragmatikerin sagt: «Nach einem Jahr werde ich zurückkommen – und immer noch dieselbe sein.» Und dann? Sie wolle studieren, Sozialwissenschaften, Internationale Beziehungen oder Soziologie. «Vielleicht.» War das nun die Schüchterne oder die Wilde?

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