Die Lehrabschlussprüfung ist zwar überstanden, aber der Einstieg ins Berufsleben gestaltet sich schwierig: Für viele Jugendliche folgt auf jede Bewerbung eine Absage. 50 vergebliche Arbeitsbemühungen in zwei Monaten sind keine Seltenheit.

Experten raten zur Weiterbildung. Ein Sprachaufenthalt mit Diplomabschluss etwa verbessere die Chancen. Doch bei einem Blick in die Prospekte von Sprachreiseanbietern taucht schnell die Frage auf: «Wer kann sich das leisten?» Drei Monate in England oder Frankreich kosten schnell einmal 10'000 Franken.

Erfolgreicher Start in London

Leah Rosenast aus Sargans hatte im Juni ihre Berufsmatura abgelegt und danach einige Monate erfolglos nach einer festen Stelle gesucht. Frustriert wünschte sie sich nichts sehnlicher als «einen Tapetenwechsel». Zufällig stiess sie im Internet auf die Fachstelle Studex. Diese vermittelt kostenlos internationale Praktikumsplätze. Leah Rosenast füllte das Bewerbungsformular aus, verfasste ein Motivationsschreiben, schickte Lebenslauf und Zeugnisse ein. Einen Monat später hatte sie die Zusage, dass sie von Januar bis März in einer Sprachschule im Londoner Suburb Lee Green als Praktikantin arbeiten dürfe.

Dort traf Leah auf eine andere Praktikantin aus der Schweiz: Auch Isabel Odermatt, KV-Absolventin aus Root LU, hatte sich bei Studex beworben. Gemeinsam betreuten sie an der Réception die regulären Sprachschüler, erteilten Auskünfte, nahmen Telefonate entgegen, beantworteten E-Mails und machten abends die Kasse. Die englischen Angestellten der Schule waren nett und sehr offen: «Sie gaben uns bereitwillig Tipps für Ausflüge oder für den Ausgang», sagt Isabel.

Anfänglich musste sich die junge Frau, die zum ersten Mal länger von zu Hause weg war, an die Grossstadt gewöhnen. Alles war neu für Isabel. Umgebung, Sprache, auch die Mentalität der Londoner. Und trotzdem würde sie dieses Erlebnis jederzeit wieder machen wollen: «Ich habe viel Englisch gelernt, und die Erfahrung, ganz auf mich selbst gestellt zu sein, war sehr positiv.» Tatsächlich: Beides hat ihr bei der Jobsuche in der Schweiz geholfen. Per 1. Juli konnte sie eine Feststelle im Tourismusbereich antreten.

Ihre Kollegin Leah hat noch keine Feststelle gefunden. Sie bekam jedoch nach ihrer Rückkehr verschiedene Temporärjobs vermittelt. «Das Praktikum war dabei sicher ein Pluspunkt», sagt sie. Denn die Temporärbüros stellen beim Bewerbungsgespräch jeweils Fragen in Englisch und Französisch, um die Fremdsprachenkenntnisse zu überprüfen. Für Leah ist klar: «Wer die Möglichkeit hat wegzugehen, sollte das unbedingt tun.»

Studex-Leiter Olivier Dinichert erstaunt es nicht, dass die Praktikanten nach ihrer Rückkehr einfacher im Berufsleben Fuss fassen. «Sie haben nicht nur zusätzliche Sprachkenntnisse erworben, sondern auch ihre Bereitschaft unter Beweis gestellt, Bekanntes zurückzulassen und sich Neuem zu öffnen», sagt der Mann, der zuletzt als freiberuflicher Organisator des Papstbesuchs in der Schweiz von sich reden machte. Genau diese Fähigkeit fordere die Arbeitswelt von heute ja Tag für Tag.

Dinichert und seine beiden Mitarbeiterinnen sind vom Bundesamt für Bildung und Wissenschaft damit beauftragt, jungen Schweizerinnen und Schweizern Praktika in 32 europäische Länder zu vermitteln und jungen Erwachsenen aus dem Ausland in der Schweiz ein Praktikum zu ermöglichen. Der Austausch findet im Rahmen des EU-Berufsbildungsprogramms Leonardo da Vinci statt. Dieses setzt sich zum Ziel, jungen Leuten Auslandserfahrungen zu ermöglichen und damit einen Beitrag zum Zusammenwachsen des gemeinsamen Europa zu leisten.

Die Praktika für Studierende, Lehrabgänger und Jungdiplomierte dauern zwischen zwei und zwölf Monaten. «Eine faszinierende Möglichkeit, von Erfahrungen mit anderen Kulturen zu lernen – und dazu erst noch einen Geldbetrag zu erhalten», macht Dinichert Werbung für das noch wenig bekannte Angebot. Studex gibt den Praktikanten bei schlecht bezahlten Arbeitseinsätzen ein Stipendium mit auf den Weg: Maximal 750 Franken monatlich beträgt der Zuschuss. Zusätzlich können auch Beiträge an die Reisespesen oder Sprachschulkosten beantragt werden. Isabel und Leah beispielsweise erhielten in London neben Kost und Logis zwar keinen Lohn, dank einem Zustupf von 600 Franken pro Monat und einem Reisekostenbeitrag von 250 Franken mussten sie für ihr Auslandsabenteuer aber nur wenig aus der eigenen Tasche beisteuern.

Auch für Handwerker gibts Chancen

Die Fachstelle Studex vermittelt seit Jahren erfolgreich Praktika für Studenten. Das Angebot für Lehrabgänger kam erst im Jahr 2002 hinzu. In der Aufbauphase wurden bisher 31 Praktikanten mit Berufsdiplom vermittelt, der Frauenanteil liegt bei fast 80 Prozent. «Ich vermute, dass junge Frauen reifer und offener sind als ihre männlichen Altersgenossen. Und oft zeigen sie im Bewerbungsprozess auch mehr Durchhaltewillen», erklärt Olivier Dinichert. Denn die Studex-Leute verlangen von den Interessentinnen und Interessenten auch Eigeninitiative: Sie müssen selber mit möglichen Arbeitgebern telefonieren oder weiter an ihren Bewerbungsunterlagen schleifen.

Bisher machten vor allem Absolventen einer kaufmännischen Ausbildung vom Studex-Angebot Gebrauch, obwohl Studex auch Praktikantenstellen für Handwerker anbietet. Dinichert: «Absolventen einer handwerklichen Lehre haben häufig Befürchtungen, dass sie zu wenig Fremdsprachenkenntnisse mitbringen.» Doch nicht überall werden perfekte Sprachkenntnisse vorausgesetzt: Für Norwegen werden noch Holzfäller gesucht.

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Praktikumssuche: Ausdauer ist gefragt

Wer auf eigene Faust einen Praktikumsplatz im Ausland sucht, sollte hohe Frustrationsresistenz mitbringen. Weit über 50 Prozent der E-Mail-Anfragen werden nicht beantwortet. «Wichtig ist es, persönliche und auf die Zielfirma zugeschnittene Bewerbungen zu verfassen», rät Olivier Dinichert von der Fachstelle Studex. «Massenmails bringen nichts.»

Weitere Tipps:

  • In der Lehrfirma nach bestehenden internationalen Kontakten (Kunden, Partnerfirmen, Lieferanten) fragen und diese gezielt anschreiben.
  • Europäische Praktikumsbörsen abklappern.
  • Eine Praktikumsbewerbung umfasst immer einen sauberen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben in der entsprechenden Landessprache.
  • Wer sich ein Praktikum organisiert, das zu schlecht bezahlt ist, kann sich bei Studex auch um ein Stipendium bewerben.

Fachstelle

Studex, Telefon 032 321 63 21; Internet: www.studex.ch; mit diversen nützlichen Downloads im Menü «Über uns & Links» (Verzeichnis der Praktikumsbörsen, Musterbriefe)