Ein zwischenmenschliches Problem, das selbst in der Muttersprache schwierig zu definieren ist. Geschweige denn auf Italienisch. Nach zwei Monaten, vielen Telefongesprächen und tränengenässten Briefen in die 2000 Kilometer entfernte Heimat hätte Jasmin ihr interkulturelles Abenteuer beinahe hingeschmissen. Dass dem Fehlstart bald wunderschöne Monate folgen sollten mit tiefen Freundschaften und viel Amore, konnte sie damals noch nicht ahnen.

Grenzenloses Abenteuer
«Turbulenzen gehören unabdingbar zu einem Austauschjahr», sagt Katja Jent vom American Field Service (AFS) in Zürich. «Aber gerade die Bewältigung von Krisen bringen die Jugendlichen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung einen riesigen Schritt weiter», ist die AFS-Programmkoordinatorin überzeugt.

AFS unterhält ein Netz von Büros rund um den Globus und ist der weltweit grösste Anbieter von interkulturellen Austauschprogrammen. Zigtausend ehrenamtliche lokale Betreuerinnen und Betreuer sind in Amerika, Guatemala, Ecuador, Japan und vielen andern Orten im Einsatz.

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Grenzen setzt nur der eigene Kopf. Selbst beim Budget hilft der AFS. Weil ein Austauschjahr die Eltern immerhin zwischen 6900 und 9900 Franken kostet – exklusive Taschengeld –, steht ein Stipendienfonds bereit.

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So ist es kein Wunder, dass jährlich rund 10000 Schülerinnen und Schüler vom AFS-Angebot profitieren, 300 davon allein aus der Schweiz. In der Regel sind es Mittelschüler oder Gymnasiastinnen. Aber auch einige Lehrlingsausbildner zeigen sich fortschrittlich und beteiligen sich an einem Austauschprogramm. Allen voran die Firma Rieter und der Sulzer-Konzern – wo Jasmin Graf eine kaufmännische Ausbildung absolviert.

Beliebteste Destination sind nach wie vor die USA, gefolgt von Neuseeland und Australien. Hoch im Kurs stehen neuerdings auch Länder in Lateinamerika. Sprachliche Vorkenntnisse sind nützlich, aber nicht Bedingung. «Was wir voraussetzen ist vielmehr Offenheit, Flexibilität und ein guter Mix zwischen Selbstständigkeit und Anpassungsfähigkeit», sagt Katja Jent. Damit die temporäre Verpflanzung in die fremde Kultur und Mentalität nicht zum Desaster wird, werden die 15- bis 17-Jährigen vorher aufgrund eines Persönlichkeitstests selektioniert.

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Dass dennoch jährlich etwa 15 Teenager in der Fremde Schiffbruch erleiden und vorzeitig zurückkehren, ist nicht zu vermeiden. Gründe dafür sind laut Jent meist Heimweh oder gesundheitliche Probleme. Es kann aber auch vorkommen, dass Jugendliche gegen eine der drei eisernen Regeln verstossen haben. Im AFS sind illegale Drogen genauso verboten wie Autostopp oder das Fahren eines Autos.

Natürlich kommt es auch immer wieder zu anderen kleineren Intermezzi, denn die jungen Reisenden lassen ihre pubertären Probleme und Problemchen nicht zu Hause. Und auch Amor reist mit. Damit er im Ausland nicht für allzu grosse Scherereien sorgt, werden die AFSler vor der Abreise während eines mehrtägigen Workshops auch mit den Themen Liebe, Sexualität und Aids konfrontiert.

Die meisten Schwierigkeiten und Krisen lassen sich aber vor Ort klären oder regeln. Auch jene von Jasmin. Weil sich ihre charaktereigene Hartnäckigkeit plötzlich wieder zurückmeldete, aber auch auf Drängen ihrer Mutter hin, die selber einst Au-pair-Mädchen war und weiss, wie wichtig Erfahrungen weit weg vom «Hotel Mama» sind, bat Jasmin ihre lokale AFS-Betreuerin um Versetzung in eine neue Familie.

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Für die Betreuerin war das nichts Aussergewöhnliches: Jeder fünfte Jugendliche wechselt während seines Austauschjahres die Familie. Doch für Jasmin änderte sich alles: Wie ein fehlendes Puzzleteil fügte sie sich in ihre neue Familie ein. Im Nu war sie integriert, fühlte sich pudelwohl und plauderte munter mit. Das also war Bella Italia!

Verliebt ins Klima und in Stefano
Auf einmal bekam Jasmin die sprichwörtliche italienische Herzlichkeit zu spüren: «Kaum war ich da, klingelten gleichaltrige Nachbarinnen an der Tür, wollten mich kennen lernen und schleppten mich auch gleich zu einer Party mit.»

Uberall traf sie auf echtes, warmes Interesse und musste von der Schweiz und von ihrem Leben dort erzählen. Die Schulleitung nutzte ihre neue Schülerin für den Deutsch-Nachhilfeunterricht, und zu ihrem 18. Geburtstag starteten ihre Mitschüler eine spontane Sammlung und schenkten der Schweizerin ein goldenes Halskettchen, an dem ein sardischer Stern baumelte. Als sie sich schliesslich noch in ihren Mitschüler Stefano verliebte – und er sich in sie –, war Jasmins Glück perfekt.

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Aber sie hat auch noch anderes lieben gelernt: das Klima, das Meer und die sardische Küche. An einiges konnte sie sich aber bis zum Schluss nicht gewöhnen: an die Unzuverlässigkeit der öffentlichen Transportmittel, an den Dreck auf der Strasse oder an das fehlende Ökogewissen. «Jede Familie produziert täglich eine Unmenge von Abfall», ist Jasmin aufgefallen, «vor allem durch Wegwerfgeschirr. Denn fast alle Sarden essen auch daheim aus Plastiktellern – vom Hauptgang bis zum Dessert.»

Am 10. Juli ist Jasmin aus Sardinien abgereist. Uberflüssig zu erwähnen, dass Tränen flossen – schweizerische und italienische. Sie hat «ihr kleines Paradies» mit der Gewissheit verlassen, dorthin zurückzukehren. Nicht für immer, aber ferienhalber. In der Schweiz warteten ihre «richtige» Familie auf sie, ihre «alten» Freundinnen, ein kühler, nasser Schweizer Sommer und ein Leben, das sie mit neuen Erkenntnissen fortsetzen wird.

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(Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und Fernsehen DRS. Redaktionelle
Verantwortung: Balz Hosang und Monika Zinnenlauf)