Beobachter: Wenn Sie die Resultate unserer Umfrage bei den Kantonen sehen – was fällt Ihnen am stärksten auf?
Charles Stirnimann: Das Augenfälligste ist das extreme Auseinanderklaffen der Höhe der Stipendien von Kanton zu Kanton. Das bedeutet eindeutig: Es besteht ein grosser materieller Harmonisierungsbedarf.

Beobachter: Was heisst das konkret?
Stirnimann: Das Wichtigste wäre, Minimalstandards zu definieren und die Stipendien einander anzugleichen. Es ist stossend, dass zwei Studierende, die aus ähnlichen sozialen Verhältnissen kommen, an der gleichen Universität studieren, aber aus verschiedenen Kantonen stammen, unterschiedlich behandelt werden: Der eine erhält nur ein Minimalstipendium von 2000 Franken, der andere eines von 12'000 Franken. Die Rektoren aller Universitäten fordern seit Jahren, dass sich diese Situation ändert.

Beobachter: Grosse Unterschiede bei den Stipendien: Welche Auswirkungen hat das auf die Chancengleichheit der Studierenden?
Stirnimann: Diese grossen Unterschiede fördern natürlich die Chancengleichheit in keiner Art und Weise. Sie behindern sie, indem die Studierenden in gewissem Sinn der «Willkür» eines Kantons ausgesetzt sind. Wenn ein Studierender das Glück hat, in einem «grosszügigen» Kanton zu leben, kann er dank geringeren finanziellen Hürden eher einen höheren Bildungsabschluss erreichen. Das ist einfach kein akzeptabler Zustand.

Beobachter: Was hat sich im Stipendienwesen in den letzten Jahren vor allem geändert?
Stirnimann: Seit den neunziger Jahren ist die Chancengleichheit kein politisches Thema mehr. Der Preis, den wir dafür bezahlen, sind deutlich rückläufige Stipendienausgaben. Da muss eine Trendumkehr stattfinden.

Beobachter: Aus Wirtschaftskreisen kommt immer wieder die Forderung, Darlehen zu gewähren, statt Stipendien zu zahlen.
Stirnimann: Diese Diskussion ist uralt. Darlehen sind eine sinnvolle Ergänzung und nicht nur des Teufels. Doch bei der Erstausbildung sollten Stipendien gewährt werden; bei einer Zweitausbildung oder einem Nachdiplomstudium kann es einen Darlehensanteil geben. Lediglich elf Prozent der 15- bis 29-Jährigen, die in Ausbildung sind, erhalten heute Ausbildungsbeiträge. Bei dieser tiefen Zahl bin ich der Meinung, dass Stipendien den Zweck besser erreichen als Darlehen.

Beobachter: Der Arbeitsmarkt verlangt von den Angestellten Flexibilität, permanente Weiterbildung und Umschulung. Wird das Stipendienwesen diesen Forderungen gerecht?
Stirnimann: Diesen Anforderungen werden im Stipendienwesen kantonal unterschiedlich gut erfüllt – beim Bund hingegen sind die Leistungen ganz klar ungenügend. Ein wichtiger Punkt ist auch die Alterslimite bei Stipendienzahlungen. Es ist ein Anachronismus, dass es noch Kantone mit einer Alterslimite von 30 oder 32 Jahren gibt.

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