Claude Spengler sitzt vor ihrem Laptop. Sie schreibt eine Seminararbeit im Fach Judaistik. Die Zürcherin ist 62 Jahre alt. Das hat sie keineswegs davon abgehalten, vor einem Jahr mit dem Studium der Kulturwissenschaften in Luzern zu beginnen, im Gegenteil. «Studieren spornt mich an, gibt mir mehr Sicherheit und Zufriedenheit im Leben.»

Das Bedürfnis nach Bildung ist hoch, gerade bei älteren Menschen. An den Schweizer Universitäten hat sich die Zahl der über 50-Jährigen, die ein Diplomstudium absolvieren, in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt. Auch Seniorenuniversitäten verzeichnen Zuwachs. In Bern etwa erhöhte sich die Zahl der eingeschriebenen Senioren im gleichen Zeitraum von 500 auf 850.

«Die Menschen sind sich ihrer Eigenverantwortung immer bewusster», meint Mike Martin, Professor für Gerontopsychologie an der Universität Zürich. «Personen, die sich auch im Alter neuen Aufgaben stellen, sind weniger krank und leben länger als der Durchschnitt der Bevölkerung.» Zudem wollten Senioren dem Jugend- und Körperkult etwas Dauerhafteres entgegensetzen, um so ihre Stellung in der Gesellschaft aufzuwerten.

Grosses Interesse an Lebensthemen
Eine amerikanische Forschergruppe befragte 600 über 70-Jährige, wie lange sie leben möchten, wenn Ereignisse wie Schmerzen, körperliche Erkrankungen oder geistige Störungen eintreten würden. Mehr als 70 Prozent der Befragten gaben an, sie wollten nicht mehr weiterleben, falls sie geistig beeinträchtigt wären. «Lernen bedeutet Erhalt oder sogar Aufbau der geistigen Gesundheit», folgert Mike Martin. Parallel dazu würden die Menschen selbstbestimmter, seien sozial besser integriert und hätten mehr Lebensfreude.

Claude Spengler ist überzeugt, dass «kontinuierliches Lernen gegen Demenz hilft». Ansporn fürs Studium ist allerdings nicht die Angst vor Geistesschwäche, sondern die Neugierde: «Schon als Kind habe ich Geschichtsbücher verschlungen.»

«Die älteren Teilnehmer interessieren sich am meisten für Geschichte, Kunstgeschichte, Politik und Medizin», sagt Thomas Bein, Geschäftsführer der Volkshochschule Basel. Auch an den Universitäten liegen die Schwerpunkte bei den Sozial-und Geisteswissenschaften. Ältere Menschen wollten das Leben besser verstehen oder Rückschau auf ihre eigene Geschichte halten, beobachtet Mike Martin. Ansonsten würden sie sich in erster Linie an ihren persönlichen Interessen orientieren.

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Zahlreiche Kurse für Senioren
Zu den beliebtesten Bildungsstätten der Älteren gehören neben den regulären Universitäten die Volkshochschulen, die Seniorenuniversitäten, Migros-Klubschulen und Kurse der Pro Senectute. Während an den Universitäten auch Senioren auf einen Abschluss hinarbeiten, sind Lehrveranstaltungen an Volkshochschulen und Seniorenuniversitäten in der Regel ohne Verpflichtungen. An den grösseren Klubschulen gibt es spezielle Seniorenkurse, deren Tempo dem Alter angepasst ist. Und Pro Senectute bietet unter anderem Kurse an, die den Alltag bewältigen helfen.

Jede Achte besucht regelmässig Kurse
Claude Spengler nutzt das Angebot quer. Sie lernt zusätzlich Altgriechisch und erwirbt nebenbei ein Zertifikat für Gedächtnistraining. Als Frau ist sie unter den Bildungshungrigen in guter Gesellschaft: Gemäss letzter Volkszählung belegt jede Achte über 65 regelmässig Kurse, bei den Männern ist es jeder Elfte. Daneben bilden sich rund 40 Prozent der Seniorinnen und Senioren selbstständig weiter, zum Beispiel indem sie Fachliteratur lesen.

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«Lernende Alte können die gleichen Ziele erreichen wie Junge», sagt Mike Martin. «Die Skala ist gegen oben offen.» Unterschiede bestünden einzig beim Lerntempo und wenn es um das Abrufen oder Anwenden des neu Erlernten gehe. «Entscheidend für den Lernerfolg ist nicht das Alter, sondern der Hintergrund des Lernenden», weiss der Forscher. Wer schon über Wissen und Lerntechniken verfüge, könne neu Erlerntes leichter mit bereits Erlerntem verknüpfen.

Claude Spengler kann dies nur bestätigen: «Ich habe nicht das Gefühl, gegenüber den jüngeren Studierenden im Nachteil zu sein.» Sie brauche einfach mehr Erholung als die Jungen. «Am Anfang legte ich mich manchmal in der Bibliothek auf den Boden, um etwas zu entspannen.» Jetzt hat sie eine Mansarde in Luzern gemietet, wo sie sich einmal im Tag ausruht. Auch der Umgang mit dem Computer bereitet ihr zuweilen Mühe, «aber für Technik habe ich mich schon als junger Mensch nicht sonderlich interessiert».

Es ist 21 Uhr und das Gespräch vorüber. Die 62-Jährige möchte an ihrer Seminararbeit weiterschreiben. Zeit zur Ruhe sei nicht jetzt, sondern später – «irgendwann».

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Internet

  • www.bibliothek.pro-senectute.ch: Die Bibliothek der Pro Senectute ist spezialisiert auf Fachliteratur zum Thema Alter, Altern und Generationenbeziehungen.
  • www.up-vhs.ch: Übersicht über alle Volkshochschulen der Schweiz
  • www.klubschule.ch: Kursangebote der Klubschule Migros in der ganzen Schweiz
  • www.lerncafe.de: Nach einer virtuellen Ausbildung zum Online-Redaktor können Senioren für das monatlich erscheinende Online-Journal eigene Artikel schreiben.