Boah, das war eine schwere Geburt», erinnert sich die 48-jährige Pflegefachfrau Rosmarie Gansner. Sie hat kürzlich ihre 45-seitige Diplomarbeit zum Höheren Fachdiplom Spitexpflege (HFP) fertig gestellt. Wie viele, die sich weiterbilden, hatte sie ihre liebe Mühe mit dem Schreiben. Zumal die Hürde hoch war: Die Spitex-Abschlussarbeit soll «sprachlich und formal korrekt abgefasst, übersichtlich dargestellt und auch für Leser ohne Vorwissen verständlich sein».

Das Schreibproblem kommt häufig vor und ist den Weiterbildungsanbietern bekannt. «Wer seit Jahren keinen längeren Text geschrieben hat, ist schnell überfordert», sagt HFP-Programmleiterin Johanna Niederberger. Der häufigste Fehler, den ungeübte Schreiber bei Diplomarbeiten machen: Weil sie zu hohe Ziele haben, grenzen sie Thema und Fragestellungen zu wenig ein. Eine Erfahrung, die regelmässig auch Stefan Osbahr, Leiter der Höheren Fachschule für Sonderpädagogik in Zürich, macht: «Die hoch motivierten Auszubildenden wollen über viel zu viel schreiben. Dies endet später in Enttäuschungen.» Der erste Schritt zu einer stressarmen Abschlussarbeit, so Osbahr, sei deshalb die Beschränkung aufs Wesentliche.

Trotz guter Vorbereitung lauern aber auch in späteren Arbeitsphasen etliche Fallstricke. So wird gerne ohne konkrete Fragestellung die Literatur studiert, oder ein Autor verbeisst sich in Details und verliert den roten Faden. Oder es hapert mit der Zeiteinteilung: «Viele überschätzen den Zeitbedarf für das eigentliche Schreiben und fangen zu früh damit an», sagt der Richterswiler Unternehmens- und Personalberater Rainer Beck. Sein Ratschlag: «Bevor jemand den Griffel in die Hand nimmt, muss das Thema strukturiert sein und das grobe Inhaltsverzeichnis stehen.»

Zentral ist für Experte Beck zudem, dass jemand Herzblut für ein Thema entwickelt. Dies hat Beatrice Rosenhammer erfahren, die ihre Arbeit zum eidgenössischen Fachausweis für Personalberater ein zweites Mal schreiben musste. «Beim ersten Versuch habe ich zu spät gemerkt, dass ich mich mit dem vorgegebenen Thema zu wenig identifizieren konnte», erinnert sie sich. Erst beim zweiten Mal habe sie sich wirklich einbringen können. Und noch eine Erkenntnis aus ihrer doppelten Erfahrung als Abschlussarbeiterin: «Entscheidend ist, dass man bei Problemen umgehend eine kritische und nicht bloss eine wohlwollende Hilfe erhält.»

Frage deinen Nächsten

Das gilt auch für das Schreiben selber – also wenn es darum geht, Ideen anderer zu reproduzieren und zu eigenen Gedanken in Beziehung zu setzen, Informationen wegzulassen oder einzuarbeiten. Weil Abschlussarbeiten meist eine einmalige Angelegenheit sind, können die Diplomanden im Schreiben keine grosse Routine entwickeln – doch eine solche gilt als wesentliche Voraussetzung für gute Texte. Otto Kruse vom Zentrum für professionelles Schreiben an der Zürcher Hochschule Winterthur empfiehlt den Diplomanden deshalb den regen Austausch unter ihresgleichen: «Texte gegenseitig lesen und offen Rückmeldungen geben. Und erst danach mit der Überarbeitung beginnen.»

Abschlussarbeiter müssen also keinesfalls Einzelkämpfer sein. Auf die Spitze treiben sollten sie die Inanspruchnahme fremder Hilfe dennoch nicht. So warnt Consultant Rainer Beck davor, Arbeiten gänzlich durch andere schreiben zu lassen: «Schliesslich muss ein Prüfling an der mündlichen Prüfung oder bei der Präsentation die Inhalte und Folgerungen seiner Arbeit glaubwürdig vertreten können.»