Wochenlang hatte sie sich auf ihren Auftritt vorbereitet. Barbara Bosshard sollte an einer Versammlung einem Turnverein zum Jubiläum gratulieren und dem Präsidenten ein Geschenk überreichen. Doch nicht nur das gleissend helle Scheinwerferlicht brachte die 43-jährige Verbandsfunktionärin arg ins Schwitzen. «Ich hatte mir die Stichworte zu meiner Rede auf Kärtchen notiert», erinnert sie sich. «Doch auf der Bühne sollte ich neben den Kärtchen und dem Geschenk plötzlich noch ein Mikrophon in den Händen halten.» Kurz entschlossen legte sie den schön verpackten Geschenkwimpel auf den staubigen Bühnenboden.

Wenige Minuten später ist Bosshard trotz Applaus mit ihrem Auftritt nur halbwegs zufrieden. Nicht nur die holprige Anfangsszene mit dem Mikrophon ärgert sie: «Andere kommen beim Sprechen so locker rüber. Ich würde meine Reden gerne etwas aufpeppen, weiss aber nicht wie.»

Die Leute nicht ins Wachkoma reden

Was Barbara Bosshard schildert, ist vielen nur allzu gut bekannt. Nicht allen Menschen liegt es, ruhig und gelassen vor Publikum zu sprechen, und viele halten sich ohnehin für keine besonders guten Redner. Überzeugendes, sicheres Auftreten ist jedoch vor allem eine Frage der richtigen Technik: Wichtig ist eine aufrechte Körperhaltung, der Blickkontakt zum Publikum und das lockere Mitführen der Hände. Viele Rednerinnen und Redner konzentrieren sich zu stark auf den Inhalt und überlegen sich nicht, wie sie mit den Kärtchen in der Hand einen Laserpointer oder ein Mikrophon bedienen sollen. Kommunikationsexperten raten deshalb, bei kurzen Reden auf Kärtchen zu verzichten und sich stattdessen den Text nach einem einfachen Muster zu merken: Die Rede wird in Einleitung, Hauptteil und Schluss gegliedert. Der Hauptteil kann dann wiederum drei Punkte umfassen.
Wie Barbara Bosshard trauen sich viele Menschen nicht recht zu, frei zu sprechen. Dabei ist das Resultat meist besser. Eine üppige Redezeit ist übrigens keine Garantie für einen gelungenen Auftritt. Wer mehr als zehn Minuten sprechen will, muss schon etwas mehr zu bieten haben als Verdankungen oder das Überbringen von Grüssen. Und sein Publikum vor angerichtetem Buffet mit Zahlentabellen auf die Folter zu spannen ist ebenso ungeschickt wie der Versuch, aufkommende Unruhe im Saal mit lauter Stimme übertönen zu wollen.

Kurze, witzige Geschichten, eine lustige Anekdote über den Jubilar oder Erinnerungen an ein gemeinsames Erlebnis gehen ans Herz und wecken beim Publikum Gefühle der Verbundenheit. Wer dagegen zu Beginn seiner Rede wie früher beim Schulaufsatz die alten Griechen bemüht oder ewiggestrige Sprichworte aufsagt, entpuppt sich als notorischer Langweiler und redet sein Publikum nullkommaplötzlich ins Wachkoma.

Auch Humor und Selbstironie kommen immer gut an. Wer zum Beispiel seine Nervosität oder eine Panne thematisiert, statt sie zu vertuschen oder wie gelähmt dazustehen, erntet Sympathie und Lacher. Ein Fehler oder auch eines jener gefürchteten Blackouts ist nur dann schlimm, wenn man nicht damit umzugehen weiss. Der ehemalige TV-Moderator Patrick Rohr verlor einmal in einer Live-Sendung den Faden. «Hoppla, im Moment habe ich leider nicht die leiseste Ahnung, wer ich bin und was ich hier tue», sagte er damals in die laufende Kamera. Die Sympathie des Publikums war ihm sicher. Und bevor der Satz fertig gesprochen war, hatte er sich wieder gefangen und konnte fortfahren.

Sich nicht zu ernst nehmen

«Viele Menschen sind deshalb so nervös, weil sie sich viel zu ernst nehmen. Sie glauben, das Publikum warte nur darauf, bis ihnen ein Fehler unterläuft oder dass sie versagen», weiss Patrick Rohr aus seiner langjährigen Fernseherfahrung. Dabei will das Publikum vor allem etwas erfahren. Wer also in seiner Rede nicht sich, sondern den Jubilar oder den Gastgeber ins Zentrum stellt und sich ganz auf das gewählte Thema konzentriert, ist automatisch gelassener. Und wer nicht ganz so perfekt ist, wie er es gerne sein möchte, kommt erst noch besser an.

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Eine Rede halten: In drei Schritten zum Applaus

Vor dem Auftritt

  1. Informieren Sie sich über Ihr Publikum und darüber, was es erwartet.
  2. Formulieren Sie ein klares Ziel und einen geeigneten Weg zu diesem Ziel. Das gibt der Rede Struktur.
  3. Verzichten Sie bei kurzen Reden auf Spickkärtchen.
  4. Üben Sie Ihr Referat vor dem Spiegel.
  5. Wählen Sie dezente, unifarbene Kleidung und verzichten Sie auf auffälligen Schmuck.
  6. Verzichten Sie bei Power-Point-Präsentationen auf Animationen, komplizierte Grafiken oder Zahlentabellen.

Auf der Bühne

  1. Begrüssen Sie Ihr Publikum mit einem Lächeln.
  2. Auch wenn Sie ablesen: Lassen Sie Ihr Publikum nicht aus den Augen.
  3. Mit Fragen, Gedankenspielen oder Humor beziehen Sie Ihr Publikum in Ihren Vortrag ein.
  4. Variieren Sie die Lautstärke Ihrer Stimme oder machen Sie zwischendurch eine Sprechpause, wenn Ihnen das Publikum nicht zuhört. Nützt beides nichts, lassen Sie Teile Ihres Referats aus und kommen Sie zum Schluss.
  5. Kommen Sie mit einem Fazit oder einer Wiederholung Ihrer Kernaussage zum Schluss.

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Nach dem Auftritt

  1. Bedanken Sie sich beim Publikum für die Aufmerksamkeit.
  2. Schauen Sie Ihr Publikum an und bedanken Sie sich mit Lächeln und Kopfnicken für den Beifall.
  3. Schleichen Sie sich nicht davon, sondern verlassen Sie die Bühne in aufrechter Haltung.



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