Ob Sie das Ding nun Midlifecrisis nennen oder anders - ernst nehmen sollten Sie die Verunsicherung auf jeden Fall. Sie sind mit Ihren Gefühlen und Fragen übrigens nicht allein. Der deutsche Soziologieprofessor Martin Doehlemann hat ein Buch über Menschen in Ihrem Alter geschrieben. Bei der Befragung von mehreren hundert Personen hat sich gezeigt, dass die Dreissigjährigen heute ein kritischeres Selbstbewusstsein haben als frühere Generationen und mehr über sich selbst nachdenken. Sie möchten ihr Potential voll ausschöpfen und die in ihnen angelegten persönlichen, beruflichen und sozialen Entwicklungsmöglichkeiten entfalten.

Der Freud-Schüler Alfred Adler hat ein brauchbares Konzept für Veränderungen auf dem Lebensweg entwickelt: Er ging davon aus, dass Menschen durch ihre grosse Hilflosigkeit nach der Geburt ganz früh ein Gefühl der Schwäche und der Ohnmacht erfahren. Er sprach vom unvermeidlichen «Minderwertigkeitskomplex». Um diesen zu überwinden, entwickeln wir unseren individuellen Lebensstil. Dieser besteht aus Bildern von der Welt, von uns selbst, aus Verhaltensstrategien und Erwartungen. Es ist die Brille, durch die wir die Welt sehen, und ein Muster von Antworten, die wir auf das Leben haben, eine Art inneres Steuerungsprogramm. Andere Worte dafür sind etwa auch Lebensplan, Lebensskript, Leitlinie oder private Logik. Beispiele dafür wären etwa:

  • «Ich fühle mich nur sicher, wenn ich etwas Besonderes bin, wenn ich aus der Masse herausrage.»
  • «Wenn ich nett bin und lächle, mögen mich alle.»
  • «Das Leben ist ein Kampf, ich muss aggressiv auftreten, um nicht unterzugehen.»

Meist ist die Überzeugung, dass man auf die Weise am besten durchs Leben kommt, in der Tiefe der Seele verborgen und dem Bewusstsein nicht zugänglich. Lange Zeit wird man auch Erfahrungen machen, die den Lebensstil bestätigen und verfestigen. Bis man eines Tages durch ein meist schmerzhaftes Erlebnis erkennt, dass der Lebensstil nicht mehr zur aktuellen Realität passt.

So kann es zum Beispiel unmöglich werden, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, aufrechtzuerhalten. Irgendwann kann der betreffende Mensch nicht mehr übersehen, dass er auch nur mit Wasser kocht und dass es immer irgendwo noch begabtere, erfolgreichere, kreativere Menschen gibt.

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Veränderung ist möglich
Für die Person im zweiten Beispiel wird irgendwann deutlich, dass freundlich sein und lächeln auch zu schmerzhaften Erfahrungen führen kann - etwa ausgenutzt, nicht respektiert und übervorteilt zu werden. Umgekehrt merkt der immer Kampfbereite, dass er gemieden wird und dass kooperative Menschen mehr erreichen als er. Zum Glück ist es nie zu spät umzulernen. In einem Coaching etwa kann man die destruktiven unrealistischen Elemente seines Lebensstils erkennen und gleichzeitig eine angemessenere Haltung aufbauen.