Polnische Woche» stand kürzlich auf dem Menüplan des Restaurants Grüt-Farm im zürcherischen Adliswil. Die Idee, Köstlichkeiten aus Osteuropa anzubieten, stammt vom polnischen Mitarbeiter Szabolcs Bekefi. Der gelernte Koch ist dort als Stagiaire beschäftigt – und erbrachte via Speisekarte den Beweis, dass ein länderübergreifender Arbeitsaustausch auf beiden Seiten Gewinn abwirft.

«Seit ich mich erinnern kann, beschäftigt unser Betrieb Praktikanten aus dem Ausland», sagt Stefan Mosimann, Geschäftsführer der Grüt-Farm. Der Restaurationsbetrieb gehört zur Mövenpick-Gruppe, bei der Mosimann seit neun Jahren arbeitet. Zunächst habe Mövenpick aus Mangel an einheimischen Arbeitskräften Stagiaires angestellt. Heute ist aus der einstigen Not längst eine Tugend geworden. Neben Szabolcs Bekefi arbeitet mit Jozef Matvej aus der Slowakei ein zweiter Stagiaire aus Osteuropa im Grüt.

Stagiaires sind junge Berufsleute aus dem Ausland. Durch das so genannte Stagiaire-Abkommen, das die Schweiz mit rund 30 Staaten abgeschlossen hat (siehe Nebenartikel zum Thema «Stagiaire: Ohne Abkommen ist es aussichtslos»), bekommen sie eine Bewilligung, um Erfahrungen zu sammeln und die hiesige Arbeitswelt kennen zu lernen. Dies allerdings nur unter gewissen Bedingungen: Stagiaires müssen zwischen 18 und 30 Jahre alt sein, eine abgeschlossene Berufsausbildung haben und gut Deutsch sprechen. Das Praktikum in der Schweiz muss im erlernten Beruf absolviert werden und dauert in der Regel 12 bis maximal 18 Monate.

«Wir lernen voneinander»


Laut Abkommen müssen Stagiaires denselben Lohn erhalten wie Schweizer Angestellte. «Ich könnte auch Studenten zu einem billigeren Lohn beschäftigen», sagt Stefan Mosimann. Doch der Austausch mit Menschen aus verschiedenen Kulturen ist ihm, genauso wie das Know-how der temporären Arbeitskräfte, wichtig: «Wir lernen alle voneinander.»

Beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) klingeln beim Thema Praktikanten schnell einmal die Alarmglocken. Bei echten Stagiaires bestehe aber keine Gefahr von Lohndumping: «Solange die Berufsleute eine echte Stagiaire-Bewilligung haben, bilden die Löhne kein Problem», sagt Ewald Ackermann, Mediensprecher des SGB. «Alle anderen, die nur vordergründig als Praktikanten in der Schweiz sind, arbeiten zum Teil zu miserablen Konditionen. Das bekämpfen wir.»

Rund 400 Stagiaire-Bewilligungen hat das Bundesamt für Migration (BFM; diese neue Bezeichnung gilt ab 1. Januar 2005) dieses Jahr erteilt. «Die Zahl der Praktikanten wird in Zukunft aber eher abnehmen», sagt Roland Flükiger, Chef Auswanderung und Stagiaires beim BFM. Denn aufgrund der Personenfreizügigkeit erhalten Berufsleute aus den 15 alten EU-Ländern, die einen Arbeitsvertrag vorweisen können, seit Mitte 2004 eine Aufenthaltsbewilligung, ohne auf das Stagiaire-Abkommen angewiesen zu sein. Rund 70 Prozent der Praktikanten kommen daher aus Osteuropa beziehungsweise den neuen EU-Ländern, der Rest aus Australien, Neuseeland, Kanada und den USA.

Die Anzahl Stagiaires in der Schweiz hängt zudem von der Wirtschaftslage ab: Wenn es weniger Stellen auf dem Arbeitsmarkt gibt, haben auch Stagiaires weniger Chancen, einen Job zu bekommen. «Die ausländischen Berufsleute müssen sich selber um eine Stelle bemühen», sagt Flükiger. «Das BFM ist lediglich Bewilligungsbehörde und vermittelt keine Praktikumsplätze.»

Geschummelt wird nur selten


Bevor das BFM die Stagiaire-Bewilligung erteilt, prüft es den Arbeitsvertrag, der Bestandteil des Gesuchs ist. Missbrauch hat das Amt selten festgestellt. «Es kommt vor, dass ein Arbeitgeber einen zweiten, geheimen Vertrag mit dem Stagiaire abschliesst; das geht natürlich nicht und zieht Sanktionen nach sich», sagt Flükiger. In diesen Geheimverträgen wurden die offiziellen Regelungen zuungunsten der Angestellten umgangen.

Keine Probleme bereitet die Rückreise der Praktikanten in ihr Heimatland. «Das sind qualifizierte Leute», sagt der BFM-Chefbeamte. «Sie haben ein Interesse daran, wieder nach Hause zu gehen und ihre neuen Erfahrungen einzubringen.»

Auch Private können Praktikanten aus dem Ausland anstellen: klassischerweise als Au-pairs. Diese dürfen maximal 24 Monate in der Schweiz bleiben und benötigen – unabhängig vom Stagiaire-Abkommen – eine Kurzaufenthaltsbewilligung, die vom Arbeitgeber beim kantonalen Ausländeramt einzuholen ist (siehe Nebenartikel zu Thema «Praktikanteneinsatz: So gehen Sie am besten vor»).

Bald ein Teil der Familie


Die 21-jährige Steffi etwa kehrt demnächst in ihr Heimatland Spanien zurück. Sie hat ein Jahr lang bei der Familie Saxer Hajek in Zürich als Au-pair gearbeitet. Für Renata Hajek die ideale Form der Kinderbetreuung: «Als wir in unser Haus gezogen sind, hatte ich die Idee, ein Au-pair anzustellen», sagt Hajek. Die Kinder sollten im familiären Umfeld betreut werden.

Steffi ist der Familie von einer Au-pair-Agentur vermittelt worden. Die junge Spanierin wurde bald zum Familienmitglied und lernte durch die beiden Kinder Michael, 3, und Daniel, 4, schnell Deutsch. Neben Kost und Logis ist ihre Gastfamilie auch für den Deutschunterricht aufgekommen. Der Lohn stellt ein grosszügig bemessenes Taschengeld dar und beträgt 900 Franken pro Monat.

Renata Hajek sucht momentan nach einem neuen Au-pair. Die persönliche Beziehung zu Steffi will die Familie aber auch nach deren Rückkehr in die Heimat aufrechterhalten: «Wir werden die Einladung nach Spanien gerne annehmen und sie besuchen gehen.»

Buchtipp

Von Ruth Dönni, Peter Frei, Peter Nideröst: «Ausländerrecht», Leben, lieben und arbeiten in der Schweiz, der erste auch für Laien verständliche Rechtsratgeber erläutert alle Themen, die für Ausländer in der Schweiz wichtig sind: von der Arbeitsbewilligung über Familiennachzug bis zur Einbürgerung.

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