Es ist 7.03 Uhr. Soeben ist der Pendelzug des Regionalverkehrs Bern–Solothurn in Solothurn abgefahren. Im vordersten Wagen fühlt man sich beinahe in südliche Gefilde versetzt. Dort nämlich ertönen italienische Wörter und Sätze – manchmal noch zaghaft, mit helvetischem Akzent, dann aber auch flüssig und selbstsicher. Dazwischen ein «bene», «sì» oder «eccolo» von Lorenza Ranfaldi.

Die gebürtige Norditalienerin ist eine von mehreren Sprachlehrerinnen an der Volkshochschule Solothurn. Vor drei Minuten hat sie mit dem Italienisch-Grundkurs zwei begonnen. In einem kleinen «esercizio» werden Verben konjugiert. Die drei Teilnehmerinnen und Teilnehmer meistern die Übung mit Bravour. Noch ist die Klasse nicht vollständig: In Bätterkinden BE steigt eine weitere Schülerin zu und legt gleich los mit der Konversation.

Im Ausland bereits gang und gäbe

Was in England, Deutschland oder Schweden bereits seit längerem in Vorortszügen durchgeführt wird, scheint sich nun auch in der Schweiz durchzusetzen: Die Sprachschulen holen die Kunden dort ab, wo sie Zeit und Lust haben, eine Sprache zu lernen. Seit eineinhalb Jahren bietet die Volkshochschule Solothurn den «Lernzug» für Italienisch und Spanisch (Grundkurs und Konversation) an.

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Das Lernen im Zug ist jedoch nur eine von vielen Möglichkeiten, die Weiterbildung so ortsunabhängig wie möglich zu gestalten. Die 1997 gegründete Sprachschule Flying Teachers in Zürich büffelt mit ihren Schülerinnen und Schülern überall dort, wo es deren Terminkalender zulässt. So kommt das «fliegende Klassenzimmer» etwa auf einer Intercity-Fahrt von Zürich nach Bern, im Büro des Schülers, im Flugzeug auf Geschäftsreisen, im Restaurant während der Mittagspause oder sogar am Ferienort zum Einsatz. Bei grösstem Zeitdruck werden Fragen aus dem Kundenkreis auch über eine «Tele-Teaching-Hotline» beantwortet oder Unterlagen per E-Mail ausgetauscht.

Das Team um Gründerin Edit Adrover möchte den viel beschäftigten Menschen entgegenkommen. Inhaltlich richtet sich der Unterricht ganz nach den Bedürfnissen der Kundschaft. Neben den erfolgreichsten Fächern wie Englisch und Deutsch (für Fremdsprachige) umfasst das Angebot insgesamt über 20 weitere Sprachen auf den verschiedensten Levels, vom ultraschnellen «Crashkurs» bis zur Vorbereitung auf ein internationales Diplom. Zudem können auch Spezialgebiete wie Rechts- oder Bankenwesen gewählt werden.

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Nach einem flexiblen Sprachschulkonzept, nur in etwas kleinerem Rahmen, funktioniert auch English House & Kidstalk in Binningen BL. Die private Englischschule organisiert Kurse dort, wo sie gewünscht werden: zu Hause, am Arbeitsplatz oder unterwegs. Am meisten gefragt sind laut Schulleiterin Susanne Pap Konversationskurse. Zu den Kunden zählen vor allem Geschäftsleute und Berufstätige, aber auch Kinder und Jugendliche.

Der Unterricht in mobilen Klassenzimmern wird von den Schülern allgemein geschätzt; er stellt jedoch hohe Anforderungen, vor allem ans Lehrpersonal. «Die Rahmenbedingungen – fahrender Zug, sehr beschränkte Zeit, improvisierte Infrastruktur – erfordern eine grosse Standfestigkeit im wahrsten Sinn des Wortes», sagt Christine Zumstein, Leiterin der Volkshochschule Solothurn. «Die Lehrkräfte stehen ja während der gesamten, zeitweise unruhigen Fahr- respektive Unterrichtszeit. Zudem müssen die Unterrichtenden das Zeitmanagement ziemlich gut beherrschen, gilt es doch, innert 30 Minuten den Stoff auf motivierende Art zu vermitteln.»

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Anleitung zum Selberlernen

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrerseits müssen meist auf Gruppenarbeiten oder grosse Diskussionen verzichten, denn die Unterrichtszeit ist beschränkt. Im Zentrum steht vor allem die Vermittlung von Lernstoff und Arbeitstechniken, damit die Sprache zu Hause oder unterwegs gezielt geübt werden kann. Der Einsatz von Hellraumprojektoren, Videofilmen oder Tonbändern ist aus räumlichen Gründen im Zug nicht möglich.

Flying-Teachers-Leiterin Edit Adrover ist davon überzeugt, dass jemand, der motiviert ist, auch in der Mensa oder im Zug überdurchschnittliche Lernerfolge erzielen kann. «Ein Lehrer, der beispielsweise einen Manager während der Zugfahrt nach Genf begleitet und mit ihm das bevorstehende Referat bespricht, ist Gold wert. In konkreten Situationen geht der Unterricht schnell über die rein sprachliche Ebene hinaus – er wird zum Coaching und zum interkulturellen Austausch. Wir fördern den Transfer zwischen Theorie und Praxis, indem wir den Kunden Zeit, Ort und Inhalt der Lektion bestimmen lassen.»

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Damit am Schluss auch die Qualität der Lektionen stimmt, wird grossen Wert auf die Ausbildung der Lehrkräfte gelegt. «Wir stellen nur Akademiker ein und achten darauf, dass sie nebst der Sprachkompetenz noch eine spezifische Fachkompetenz mitbringen», sagt Edit Adrover.

Auch müssen die Lehrkräfte auf Unterrichtsvisitationen gefasst sein. Das hat laut Adrover «nichts mit Kritik oder Kontrolle, sondern sehr viel mit Qualitätssicherung zu tun». Ausserdem wird die Weiterbildung des Lehrpersonals gezielt gefördert und unterstützt.

Susanne Pap von English House & Kidstalk lässt zukünftige Sprachlehrer immer eine Probelektion absolvieren, bevor es zu einer Anstellung kommt. Auf erfahrene, gut ausgebildete und organisatorisch begabte Lehrerinnen und Lehrer setzt auch die Volkshochschule Solothurn.

Alle Anbieter sind davon überzeugt, dass sich ihre mobilen Sprachkurse durchsetzen werden. Nach ihrer Einschätzung hat der Trend, in der beruflichen Weiterbildung nach flexiblen und individuellen Lösungen zu suchen, erst begonnen.

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