Das Geheimnis des Erfolgs wiegt viereinhalb Kilo. Zwei junge Damen am Eingang zum Seminarraum verteilen es gleich sackweise. Der Inhalt der Plastiktüte, die sie allen Ankömmlingen in die Hand drücken: ein «Tue im Leben, was du wirklich willst!»-Paket aus dem Aufsteiger-Verlag, die 92-Minuten-Kassette «Noch erfolgreicher!» und als Dreingabe das 220 Seiten starke Buch zum selben Thema.

Der Prospekt verrät, dass sich der Wert dieser geballten Erfolgsladung auf knapp 250 Franken beläuft – für die Teilnehmenden des «Noch erfolgreicher!»-Seminars in den Kurskosten von 495 Franken inbegriffen. Die Investition für ein vierstündiges Stelldichein mit den selbst ernannten Erfolgsaposteln Alex S. Rusch und Ferris A. Bühler wird so glatt zum Schnäppchen.

Erstaunlich ist deshalb, dass bloss 25 Erfolgshungrige vom Angebot Gebrauch machen. An den Aufnahmebedingungen kann es nicht liegen: «Vorkenntnisse sind keine nötig», hält der Seminarprospekt fest. Und es wird auch nicht geprüft, ob die «Noch erfolgreicher!»-Seminar-Teilnehmer bereits erfolgreich sind.

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Erste Regel: Ungeniert fragen!

Elektronische Orgelklänge läuten den Beginn der Vorstellung ein, und Ferris A. Bühler eröffnet den Reigen der «12 prägnanten Lektionen». Die erste Lektion steht ganz im Zeichen von «ask!» – frage! Das Geheimnis hinter diesen drei magischen Buchstaben: Erfolgsmenschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie ungeniert fragen, wenn sie etwas wollen.

Bühler illustriert das mit konkreten Beispielen: Kürzlich habe er es nur dank mehrmaligem hartnäckigem Fragen geschafft, dass ihm ein Bahnhofsvorstand sein Faxgerät zur Verfügung stellte. Und ein anderer Erfolgreicher, Ex-Mister-Schweiz Claudio Minder, habe von Bühler erst lernen müssen, bei jedem Auftrag nachzufragen, ob für ihn nicht doch noch ein bisschen mehr herausspringe. «Ich habe noch nie so viele interessante Inhalte in so kurzer Zeit gelernt», lässt Minder sich im Seminarprospekt zitieren.

Heute drückt der diesjährige Schönling der Nation, Tobias Rentsch, die «Noch erfolgreicher!»-Schulbank. «Claudio hat in seinem Mister-Jahr 150'000 Franken verdient – vielleicht setzt du dir eine Viertel Million zum Ziel», lautet Bühlers Rat an Rentsch, bevor er die Bühne für Kompagnon Alex S. Rusch freigibt.

Rusch ist Gründer und Geschäftsführer eines Hörbuchverlags. Seine Erfolgsidee: Selbst wer keine Zeit zum Lesen hat, hat Zeit zum Zuhören. Seit ein paar Jahren lässt Rusch deshalb Verkaufs-, Management- und Erfolgsbücher vertonen, damit die unter Zeitnot leidenden beruflichen Senkrechtstarter im Auto oder beim Joggen zu ihrer täglichen Ration Erfolgswissen kommen. Er wird nicht müde zu betonen, dass er sich seit seinem 17. Lebensjahr mit Erfolgsliteratur beschäftigt und heute als Verleger im zarten Alter von 32 Jahren bereits «Millionenumsätze generiert».

Trotzdem wirkt Rusch etwas unsicher, als er das Podium betritt, um seiner Zuhörerschaft zu vermitteln, wie wichtig «Spass im Leben» ist. «Viele denken: Ich habe keine Zeit, um Spass zu haben; ich muss meine Millionen verdienen», sagt Rusch, korrigiert dann aber diesen offenbar weit verbreiteten Irrtum: «Solche Gedanken sind völlig falsch. Denn Erfolg bedeutet, dass wir laufend Spass haben.»

Für die verdutzten Gesichter im Saal liefert er auch gleich die Beweise. Auf den gezeigten Dias ist Rusch «beim Ideen-Generieren» im Ruderboot auf dem Pfäffikersee oder in der Hängematte auf dem Balkon seines Penthouse zu sehen. Sogar im Arbeitsalltag kommt der Spass nicht zu kurz: «Im Büro haben wir zwei dieser Miniscooter, mit denen wir zwischendurch ein wenig herumfahren.»

Wir basteln uns eine «Zielcollage»

Auf Hawaii, setzt Rusch noch einen drauf, seien Bühler und er mit Jetski herumgeflitzt, wenn sie nicht am Erfolgspaket getüftelt hätten. Rusch verweist auf dessen Inhalt: zehn Poster mit Erfolgsweisheiten, sieben Arbeitshefte, 354 Minuten Audiomaterial und vier «Tue im Leben, was du wirklich willst!»-Notizblöcke.

Schon springt wieder Ferris A. Bühler auf die Bühne, um zu betonen, wie wichtig es sei, sich Ziele zu stecken. Er fordert Action: Es sei zwar schon Sommer, aber nie zu spät, um sich Jahresvorgaben zu setzen. Die Seminaristen runzeln die Stirn und brüten über einem leeren Blatt mit dem Titel «Meine Jahresziele», bevor sie Bühlers Stimme nach knapp 100 Sekunden abrupt aus der Konzentration reisst: «Jetzt sollten Sie Ihre zehn bis zwölf Jahresziele zusammenhaben.»

Am wichtigsten aber sei, mahnt der Erfolgsverkäufer, dass man sich seine grossen Lebensziele immer bildlich vor Augen halte. Das geht so: Man besorgt sich am Kiosk gratis alte Hochglanzmagazine, schneidet die Bilder aus, die die eigenen Lebensziele darstellen, und klebt die Fotos auf einem Blatt Papier zu einer «Lebenszielcollage» zusammen: Porsche, Traumvilla, Palmen, Frau mit Kind und eine Geliebte sind auf Bühlers Beispiel zu sehen.

Frau und Geliebte? «Tja, es gibt halt Erfolgsmenschen, die sich neben einer intakten Familie auch noch eine Geliebte zum Ziel setzen», wagt Bühler ein Scherzchen. Ein Seminarteilnehmer am Tisch nebenan, der mit seiner Frau angereist ist, tätschelt dieser amüsiert die Schulter.

«Schampusfläschchentrick» heisst das nächste Rezept aus dem Erfolgskochbuch. «Kaufen Sie sich eine gute Flasche Champagner, und schreiben Sie Ihr Ziel auf eine Etikette auf die Rückseite. Wenn Sie dieses Ziel erreicht haben, lassen Sie den Korken knallen», ermuntert Bühler. Auf den Flaschen von Rusch und Bühler steht: «Fünf Millionen Jahresumsatz.»

Endlich gehts ans Eingemachte. Rusch widmet sich der Gretchenfrage: «Wie komme ich ans nötige Geld?» Zur Einstimmung gibt es ein Dia mit einem Haufen schöner Geldscheine. «Sie ganz allein bestimmen, wie viel Sie davon verdienen wollen», sagt Rusch im Brustton der Überzeugung. «Es ist alles nur eine Frage der Einstellung.» Danach ein weiteres Bild mit einem Spruch im goldenen Ornamentrahmen: «Der Besitz von Geld allein macht nicht glücklich, aber es ermöglicht, die Dinge zu tun, die glücklich machen.» Darunter steht in fetten Lettern der Urheber dieser Weisheit: Alex S. Rusch.

Ein Sackmesser gehört zum Erfolg

Alles schön und gut. Bloss: Wie kommt man denn nun an den glücklich machenden Zaster? Da nimmt Rusch seiner Zuhörerschaft alle Illusionen: Nur sparen, investieren, Firmen gründen, weiterbilden und hart arbeiten bringen den erhofften Reichtum. Eines der «stärksten Erfolgsgesetze» überhaupt heisse «going the extra mile» – Zusatzkilometer laufen. Deutsch und deutlich bedeutet das: freiwillige Überstunden, Wochenend- und Nachtarbeit. Diesmal ist es die Ehefrau in der Reihe nebenan, die ihren Mann vielsagend anblickt.

In der Pause halten sich die Kursteilnehmenden ihre Handys ans Ohr und schieben ihre Visitenkärtchen über die Stehtischchen. Auf das Dargebotene angesprochen, sagen sie: «Vieles schon mal gehört.» Oder: «Man weiss das zwar, aber der Teufel steckt in der Umsetzung.» Rusch gelingt es dennoch, ihnen ein gutes Gefühl zu geben: «Das Gute an solchen Seminaren ist, dass hier die Erfolgsmenschen zusammenkommen. Nur die 20 Prozent Topleute sind auch bereit, dafür 500 Franken auszugeben», sagt er.

Ganz zum Schluss der Veranstaltung gleiten die beiden Erfolgsgurus endgültig ins Reich der Belanglosigkeiten ab. Unter «Weitere Erfolgsfaktoren» erklärt Rusch, welche nützlichen Alltagsdinge der Erfolgsmensch ständig mit sich tragen sollte: ein Sackmesser, Papiernastücher, Zweifrankenstücke für den Einkaufswagen in der Migros und natürlich die «genialen ‹Tue im Leben, was du wirklich willst!›-Notizblöcke» – nichts weiter als Schreibblöckchen mit leeren Seiten «für gute Ideen». Ausser einem Plastiksack voller solchen Krimskrams tragen die Kursteilnehmenden kaum Neues mit nach Hause.