«Vielleicht taucht er noch auf.» Marcos Mutter blickt nervös auf ihr Handy, entschuldigend hebt sie die Schultern. Baselbiet, ein kühler Tag, durch den Nebel scheint die Sonne. Auf dem Perron des Provinzbahnhofs steigen Leute ein und aus, keiner von ihnen ist Marco.

Marco S.* kommt nicht, wieder nicht, wie so oft, wenn sich seine Mutter Daniela* mit ihm verabredet hat. Marco ist bald 17. Zu Hause wie die meisten Jugendlichen ist er fast nie. Doch auch zu Hause ist er nicht daheim, und wo «zu Hause» sein sollte, weiss Marco längst nicht mehr. Seit Jahren wandert er durch Jugendheime, Wohngruppen und Institutionen, flog hier durch ein Raster, wurde da abgeschoben, kam dort nicht weiter.

Dabei ist Marco kein Straftäter. Er hat keine kriminelle Energie. Vielmehr hatte er früh zu kämpfen. Mit der Leere, die der Tod des Vaters hinterliess, als der Bub erst vier Jahre alt war. Mit der Schule in seinem Dorf im Baselbiet, die er von Anfang an als übermässige Belastung wahrnahm. Und mit seinem Umfeld, das mit ihm, einem stillen, schüchternen Jungen, wenig anzufangen wusste.

Seine Mutter ahnte schon vor dem Eintritt in die Schule, dass er dort leiden würde. «Er war immer zwei, drei Schritte hinterher. Das Abc hat er erst nach zwei Jahren gelernt.» Marco hatte Mühe, aber nie genug, als dass man ihn sofort zum Beispiel in die Kleinklasse versetzt hätte. Er fiel nicht von Anfang an durch alle Netze, aber kam halt meist nicht ganz mit. Es folgten logopädische und ADHS-Abklärungen, ein Besuch beim Schulpsychologen. Die Hilfestellungen sind vielfältig im modernen Bildungssystem, sie können spezielle Bedürfnisse frühzeitig orten. Sie können aber auch schon in den ersten Schuljahren für übermässig Druck sorgen.

Marco S. verspürte vor allem Druck. Das schien ihn zu blockieren. Die Mutter sagt: «Er hatte nie ein Erfolgserlebnis. Als Schüler nicht, als Kind nicht. Auch zu Hause nicht. Das hat ihn bestimmt geprägt.»

Marco bleibt vorerst in der Regelklasse. Und die Probleme bleiben bestehen: Hausaufgaben macht er nie, er ist unzuverlässig, hält sich an keine Abmachungen. Marco wird in die Kleinklasse versetzt. Sein dortiger Lehrer kommt besser an ihn heran, sucht das Einzelgespräch. Heute sagt Albert E.*: «Er war bei weitem nicht der Schwierigste in der Klasse. Er war nicht gewalttätig, sabotierte den Unterricht nicht, suchte keine Probleme.»

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«Häusliche Gewalt» oder «Unsinn»?

Über den Schulpsychologen kommt es wenig später zur ersten Gefährdungsmeldung an die Kesb. Ab hier beginnen sich die Schilderungen zu widersprechen. «Wir hatten das Gefühl, er werde zu Hause geschlagen», sagt Lehrer Albert E. «Marco begann damals, in der Schule immer mehr Unsinn zu erzählen», sagt seine Mutter, die mit Marco, ihrem Freund und der gemeinsamen Tochter eine neue Familie gegründet hat. 

Im Gespräch mit der Mutter und dem Stiefvater thematisiert die Schulleitung den Verdacht. «Marco war ängstlich und niedergeschlagen», sagt Lehrer E. Mutter Daniela S. wehrt sich bis heute gegen die Anschuldigung. «Vielleicht wurde er schon einmal hart angefasst. Aber geschlagen – nein.» Marco besucht weiter die Kleinklasse – bis Albert E. im Sommer pensioniert wird. «Marco hatte einfach auch immer Pech», sagt die Mutter. Der einzige Lehrer, dem es gelang, ihn zu packen, ihn zu motivieren, vielleicht ein Stück weit auch eine erzieherische Rolle einzunehmen, war plötzlich weg.

Kurz darauf die zweite Gefährdungsmeldung. «Die Kesb drohte mit einer Anzeige gegen den Stiefvater, falls man einem direkten Umzug von Marco ins Heim nicht zustimmt», behauptet die Mutter. Dazu darf die zuständige Regionalstelle der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde keine Auskunft geben.

Mann barfuss im Schnee.

Die Mutter greift ihn draussen auf – im Winter, barfuss, verwirrt. Ein verstörendes Erlebnis.

Quelle: Andreas Gefe
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Die lange Reise durch die Heime

Für Marco S. indes beginnt mit dem Umzug in die Wohngruppe seiner Heimatgemeinde eine lange Reise durch verschiedene Erziehungsinstitutionen. Zu einem normalen Alltag hat er bis heute nie mehr zurückgefunden.

Von nun an verliert sich Marco immer mehr. An den Wochenenden, wenn er jeweils Urlaub bekommt und nach Hause könnte, taucht er nicht auf. Seine Mutter trägt seit Jahren Zeitungen aus, greift ihn dabei einmal in den frühen Morgenstunden draussen auf – im Winter, barfuss, verwirrt. Ein verstörendes Erlebnis.

Vom Heim aus besucht Marco weiterhin die Schule. Doch immer öfter bleibt er dem Unterricht fern. «Ich kam immer schlechter an ihn ran», sagt die Mutter. Während andere in seinem Jahrgang für die Gymiprüfung lernen, lässt Marco alle Chancen verstreichen, die Schule zu beenden.

Im Herbst 2015, fast zwei Jahre nach den ersten Problemen in der Schule, wird Marco S. für psychiatrische Abklärungen in die Stiftung AH Basel eingewiesen, eine Institution für sozial auffällige Jugendliche. Auch dort haut Marco immer wieder ab. Nach einigen Wochen wird er in eine geschlossene Abteilung verlegt. «Es war fast überall dasselbe», sagt Marco heute. «Man wollte mit mir reden, aber ich hatte nicht das Bedürfnis dazu.» Erst nach Monaten liegt ein Gutachten vor – Marco verbringt 251 Tage in der AH Basel; Tagessatz: 761 Franken. Ein Schüler in einer psychiatrischen Klinik, wo auch minderjährige Straftäter für Abklärungen verkehren.

Das Gutachten skizziert einen stillen, verletzlichen Jungen, der auf Unterstützung, Zuwendung und Führung angewiesen ist. Als Konsequenz wird Marco S. ins nächste Heim versetzt, diesmal weit weg, ins Bernbiet. Mutter Daniela S. sieht ihren Sohn nun seltener, streitet parallel mit dem Kanton über Kostenbeteiligungen für die Therapieplätze. Massnahmen, für die sie sich selber nie ausgesprochen hat.

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Auch im neuen Heim läuft Marco oft weg, keiner kommt wirklich an ihn heran. Im Juli 2016 eskaliert die Lage. Nach einer Krisensitzung in der Psychiatrie Liestal fliegt er aus dem Heim. Nun ist er auf der Warteliste für einen Platz in einem Aargauer Jugendheim.

Die Vorfreude auf die Volljährigkeit

Marco S. hat nicht zurückgefunden in die Spur. Nächstes Jahr wird er 18, volljährig. Darauf freut er sich. Momentan treibt er sich viel draussen herum, übernachtet bei Freunden in Basel, wie er seiner Mutter gelegentlich in Whatsapp-Nachrichten schreibt. Zu Treffen erscheint er nicht, aber ein paar Tage später kann er am Telefon freundlich und aufgeschlossen über seine Situation sprechen. Er scheint ein schüchterner Mensch zu sein, die Stimme ist leise, die Antworten sind wohlüberlegt. «Ich will selbständig sein und mein Leben so leben, wie ich mir das vorstelle», sagt er. Dass er Hilfe braucht, streitet er nicht ab. «Aber einfach nicht die, die man mir geben wollte.»

Wer mit Daniela S. über ihren Sohn spricht, merkt, welche Distanz zu ihm sie durch all die Ereignisse bekommen hat. «Ich habe bewusst Abstand genommen.» Was die diversen Therapieversuche mit ihrem Sohn gemacht haben, wovon er überhaupt zu therapieren sei, wie es aussehen würde, wäre Marco bei ihr zu Hause und in der Schule geblieben: All die offenen Fragen hinterlassen eine ratlose Frau.

«Er hatte nie ein Erfolgserlebnis. Als Schüler nicht, als Kind nicht. Auch zu Hause nicht. Das hat ihn bestimmt geprägt.»


Daniela*, Mutter von Marco S.*

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«Ich mache niemandem einen Vorwurf», sagt Daniela S. Aber ihr Sohn habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen. «Wir versprechen nichts», das sei die deutlichste Botschaft gewesen, die sie in den letzten Jahren von Betreuern, Behörden, Lehrern und Therapeuten über ihren Sohn gehört habe. Auf insgesamt rund 250'000 Franken belaufen sich die Betreuungskosten unterdessen; auch Daniela S. bleiben offene Rechnungen. «Wem hat all das etwas genützt?», fragt sie.

Auch diese Frage bleibt unbeantwortet. Wie konnte es so weit kommen, dass ein im Prinzip harmloser, etwas leistungsschwacher Schüler durchs System fällt und nicht einmal eine reguläre Schule abschliessen konnte? Welchen Einfluss hatten die Entscheidungen der Schule? Warum sind so viele Lehrer und später so viele Therapeuten nicht an ihn herangekommen? Warum wurde er nicht früher psychotherapeutisch untersucht?

Der Druck kann von überall kommen

«An der Entwicklung eines auffälligen Verhaltens im Jugendalter sind mehr Personen beteiligt als nur die Erziehungsberechtigten», sagt Simone Munsch, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Freiburg. Eine soziale Benachteiligung in den Vordergrund zu stellen hält sie in solchen Fällen für unprofessionell. «Das greift zu kurz. Druck kann von vielen Seiten kommen, in der Schule etwa auch von den Eltern Dritter.» Schüler müssten sich heute immer früher Gedanken zu ihrer Leistung machen, ihre schulische Karriere planen. Daher würden Eltern oft um das Niveau ihrer Sprösslinge fürchten – und bei leistungsschwächeren Schülern auch mal für die Versetzung in eine andere Klasse oder gar an eine andere Schule plädieren.

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Das erste psychiatrische Gutachten erfolgte bei Marco Monate nach der Verweisung von der Schule. Dabei sei die Psychodiagnostik gerade in einem solchen Fall so wichtig, sagt Munsch. «Oft fehlt es an Beratungs- und Behandlungsplätzen. Die Therapeuten wären gut ausgebildet, doch psychologische Psychotherapien können nicht über die Grundversicherung abgerechnet werden. Niemand will das bezahlen, also ordnet es niemand an.»

Für die Probleme von Marco S. scheint es in diesem Bildungssystem keinen Platz zu geben.

«Ich bin niemandem böse», sagt Marco. «Ich habe viel gelogen und bin an vielem selber schuld.» Am Telefon stimmt er jetzt einem Treffen in der Altstadt von Basel zu. Er helfe manchmal im Tattoo-Geschäft seines Kumpels aus, erzählt er. Doch zum vereinbarten Termin erscheint er nicht.


*Name geändert