Das erste Mädchen, das ich bei der Lehrstellensuche begleitet habe, hiess Mirka (Namen geändert). Eine Mazedonierin. Ein Jahr lang waren wir dran. Und an dem Tag, als sie mir sagte: «Hey, ich hab die Lehrstelle», da sind wir als Erstes feiern gegangen. So richtig. Sie freute sich riesig, sie war wahnsinnig erleichtert: Eine Lehrstelle, und erst noch im Detailhandel, wie sie es sich gewünscht hatte. Mirka hatte aber auch viel dafür getan. Sie arbeitete während der Suche in der Fabrik, weil sie nicht einfach rumhängen wollte. Sie nutzte die Zeit sinnvoll, hatte eine Tagesstruktur. Und sie wusste, wie es in etwa im Berufsleben aussehen könnte. Das alles, denke ich, war ein grosser Pluspunkt. Mit Mirka habe ich heute noch Kontakt, sie ist jetzt im zweiten Lehrjahr. Es ist schön zu erleben, wie sich so auch eine persönliche Beziehung entwickeln kann.
Ich bin selber eine Seconda. Zweitgeneration. Meine Eltern sind aus Italien. Ich weiss noch, wie es ihnen hier in der Schweiz erging, als bei meiner Schwester und mir das Thema Lehre anstand. Wie ungern sie zu den Elternabenden gingen, weil sie kaum etwas verstanden. Wie sie nicht wussten, was es mit einer Lehre in der Schweiz auf sich hat. Wegen dieser Erfahrungen engagiere ich mich heute ehrenamtlich als Mentorin. Die meisten kommen ja aus Migrationsfamilien und sind in einer ähnlichen Situation wie wir damals. Ich betreue nur Mädchen, die jungen Männer werden von einem Mentor begleitet.

Erfolgsfaktor Familie

Das Mentoring verläuft je nach Mädchen ganz unterschiedlich: Persönliches Berufsziel festlegen, Lebenslauf schreiben, Bewerbungen aufsetzen - das ist das eine. Dann kommen konkrete Vorbereitungen auf Bewerbungsgespräche hinzu, aber auch Themen wie Zuverlässigkeit und Respekt. Oft geht es aber einfach darum, Mut zu machen, zu motivieren, wenn Absagen kommen. Und die kommen oft. Das ist hart. Dann heisst es dranbleiben. Für den Erfolg ist aber auch das Umfeld mitentscheidend. Die Eltern, der Freundeskreis. Es ist schwierig, wenn die Eltern zu hohe Erwartungen an die Kinder haben. Oder wenn sie sich überhaupt nicht für die Lehrstellensuche interessieren. Oft fliessen daher auch Probleme, die die jungen Frauen zu Hause haben, mit ein. Da können die Mädchen bei mir auch mal Dampf ablassen. Umso mehr Freude macht es, wenn die Eltern ihre Kinder unterstützen. Das schätzen auch die Mädchen. Bei Carmen, der jüngsten, die ich begleite, war auch schon die Mutter bei einem Treffen dabei.

Es kann auch schiefgehen. Jara etwa bekam von ihrem Freundeskreis kaum Unterstützung. Sie sassen bereits morgens in der Beiz, sie selber roch stark nach Rauch, wenn sie kam. Sie erschien lediglich zum ersten Treffen, danach kam sie nicht zum vereinbarten Termin, reagierte nicht auf Anrufe und SMS - einfach so, ohne eine Entschuldigung. Das geht natürlich nicht, so bekommt man keine Lehrstelle.

Wir sagen klar, was wir erwarten - die Hauptverantwortung bei der Lehrstellensuche liegt bei den jungen Erwachsenen. Wenn mir eine sagt: «Ich habe heute keinen Bock auf das Treffen», kann ich das akzeptieren, wenn sie eine gute Begründung hat. Aber sie muss sich vorher abmelden. Jara war einfach sehr demotiviert, und zuletzt meldete sie sich gar nicht mehr. Ich weiss nicht, was aus ihr geworden ist. Schade, sie hätte das Potential gehabt. Übrigens war sie eine Schweizerin. Es sind nicht nur junge Migrantinnen, die Mühe haben.

Es ist heute schwieriger geworden, eine Lehrstelle zu finden. Die Ausbildungen sind anspruchsvoller geworden, die Betriebe auch. Seien wir ehrlich: Ohne gute Deutschkenntnisse hat man kaum mehr eine Chance. Viele Mädchen, die zu uns kommen, sind schulisch schwach. Doch da gilt es, Mut zu machen. Denn schwache Schulleistungen können mit einem positiven Auftreten und anderen Kompetenzen wettgemacht werden. Ich habe selber Lehrlinge betreut - die Schulnoten sind nur das eine; bei mir zählt der ganze Mensch.

Die Rosinenpicker

Es gibt Betriebe, vor allem die Banken und die Pharma, die picken sich bei den Lehrstellensuchenden die Rosinen raus. Und würden sich kaum auf jemanden einlassen, der von einer dritten Person wie einer Mentorin betreut wird. Das finde ich sehr schade. Natürlich sind nicht nur die Betriebe schuld an der Situation. Oftmals haben die Mädchen selber unrealistische Berufswünsche. Die Konfrontation mit der Realität ist dann meistens nicht einfach. Die jungen Mädchen brauchen dafür Zeit.

Verrückt finde ich zu sehen, dass der Konkurrenzkampf schon bei so jungen Leuten anfängt und sie das ganze Leben lang begleiten wird. Aber wenn die Mädchen keine Lehrstelle finden, müssen sie irgendeine Arbeit suchen. Sonst drohen sie über kurz oder lang zum Sozialfall zu werden. Diese Perspektive macht ihnen nicht wirklich Spass. Aber ob sie sich wirklich bewusst sind, was ihnen droht? Ich glaube, dafür sind sie noch zu jung.

Oft sind sie einfach auch mit dem beschäftigt, was junge Mädchen eben beschäftigt: Was ist mit meinen Freundinnen? Wer hat mit wem warum Krach? Was ist modisch gerade angesagt? Das interessiert sie halt sehr. Das ist ja auch legitim, sie sind mit 16, 17 Jahren noch wirklich junge Frauen, Mädchen. Ich weiss nicht, ob sie sich wirklich bewusst sind, dass sie hier bei uns Entscheidungen fällen, die ihr ganzes Leben beeinflussen werden.

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