Einiges, was ich mit nach Hause gebracht habe, nützt auch meinem Lehrbetrieb», sagt Patricia Stucki. Die 24-Jährige steht im zweiten Lehrjahr als Grafikerin in einer Basler Werbeagentur und schnupperte vor kurzem EU-Luft: Sie absolvierte in einer Kommunikationsfirma in Strassburg ein vierwöchiges Praktikum.

Patricia lernte dort, sich in ein Team zu integrieren, wurde mit neuen stilistischen Einflüssen konfrontiert und besserte zudem ihr Französisch auf. Nützliche Erfahrungen, die erst noch Spass machten: «Man hat mir von Anfang an anspruchsvolle Arbeiten anvertraut», sagt sie.

2005, wenn Patricia Stucki ihre Lehre abschliesst, wird sie ein Euregio-Zertifikat erhalten. Es bescheinigt ihr, in Frankreich eine «grenzüberschreitende Berufsausbildung» absolviert zu haben. Heuer durften bisher 49 junge Schweizerinnen und Schweizer eine solche Bestätigung entgegennehmen. Das Zertifikat trägt die Flaggen von Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Das Elsass, Baden-Württemberg und die Nordwestschweizer Kantone haben sich zur Oberrheinkonferenz zusammengeschlossen: Nebst der Förderung der wirtschaftlichen, kulturellen und ökologischen Zusammenarbeit organisiert dieses Gremium auch den grenzüberschreitenden Lehrlingsaustausch.

Den Papierkram erledigen die Ämter

Vermittelt wird das vier- bis sechswöchige Praktikum durch die Berufsbildungsämter der Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Aargau, Solothurn und Jura. Diese kümmern sich auch um die nötigen Aufenthaltspapiere und helfen bei der Suche nach einer Unterkunft.

Martin Kohlbrenner, Berufsinspektor in Basel-Stadt, kann eine Teilnahme am Euregio-Programm wärmstens empfehlen: «Die Lehrlinge haben die Chance zu zeigen, dass sie sich schnell in einem neuen Umfeld zurechtfinden und in eine andere Kultur hineindenken können.» Der Austausch ermögliche ihnen zudem, sich Fertigkeiten anzueignen, die ihnen ihr eigener Lehrbetrieb nicht vermitteln könne.

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Nicht alle Lehrlinge haben jedoch so viel Glück wie Patricia Stucki: Deren Lehrmeister hat ihrem Wunsch, ein Auslandspraktikum zu absolvieren, sofort zugestimmt. Besonders Handwerksbetriebe geben ihre Stifte nicht gern weg: Automechaniker, Metzger oder Schreiner sind eher die Ausnahme beim Ausbildungsaustausch. Das Problem: Der Lehrbetrieb muss während des Praktikums den Lohn weiterzahlen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, während der gleichen Zeit einen ausländischen Praktikanten bei sich zu beschäftigen. «Das Angebot könnte noch viel besser genutzt werden», betont Martin Kohlbrenner.

Doch auch die Lehrlinge selber lassen sich teils nur schwer dafür begeistern, eine Weile jenseits der Grenze zu arbeiten. In der Region Bodensee/Südostschweiz zum Beispiel, wo mit Xchange ein mit der Region Basel vergleichbares Angebot für den Lehrlingsaustausch besteht, liegt das Interesse unter den Erwartungen. «Es braucht viel Einsatz, um Schweizer Lehrlinge für den Austausch zu gewinnen», sagt der Bregenzer Xchange-Projektleiter Stefan Veigl.

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Aus Graubünden etwa hat sich bisher nicht ein einziger Lehrling für den Austausch interessiert. Carlo Pietroboni vom kantonalen Amt für Berufsbildung vermutet schulischen Druck als Grund: Die Aussicht, den Berufsschulstoff von vier Wochen zu versäumen, halte viele von einem Auslandstrip ab. Zudem lasse der Informationsstand in den Lehrfirmen noch zu wünschen übrig – was Xchange nun mit einer Werbeoffensive zu korrigieren versucht. Pietroboni hofft, dass dies gelingt, «denn die Grundidee des Angebots ist sehr gut».

«Ein guter Test für nach der Lehre»

Die Rückmeldungen der Austauschlehrlinge sind denn auch durchwegs positiv. Aussagen wie «Das würde ich sofort ein zweites Mal machen» seien die Regel, sagt Stefan Veigl. «Die jungen Leute gewinnen während des Auslandsaufenthalts deutlich an Selbstständigkeit.» Denn für viele ist es das erste Mal, dass sie sich weit weg von zu Hause auf eigene Faust durchschlagen müssten. Veigl: «Das ist ein guter Test, wie es nach der Lehre sein wird, wenn es sich zu bewerben gilt.»

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