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AusbildungInteresse an Technik gesucht

Lehrer pilgern mit ihren Klassen fleissig in Schülerlabors, denn Informatiker und Ingenieurinnen sind Mangelware. Nur: Diese Ausflüge allein nützen wenig.

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Der Mohrenkopf wird immer grösser und beginnt zu schäumen – er befindet sich unter einer Glasglocke im Vakuumlabor am Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen. Die Bezirksschülerinnen der Klasse 3b aus Lenzburg hecken bereits aufgeregt neue Pläne aus. «Sie, Sie, Frau Sutter, dürfen wir mal einen Schwamm unter die Glocke legen?» Aber sicher doch. Passieren wird dabei nichts. Während Mohrenköpfe schäumen und Ballone sich ausdehnen, verändert der Schwamm unter Vakuum seine Form nicht. Doch das verschweigt die locker durchs Programm führende Marita Sutter tunlichst. Die Schülerinnen sollen es selber erfahren. Die Zeit vergeht im Flug, und am Ende stellt eine von ihnen beinah erschrocken fest: «Das war ja gar nicht so langweilig.»

Das iLab, wie das Schülerlabor am PSI heisst, ist nur eines von vielen Projekten, die allesamt das gleiche Ziel verfolgen: junge Menschen für technische und naturwissenschaftliche Themen zu begeistern (siehe nachfolgende Box). Die Lenzburger Klasse ist das beste Beispiel dafür, dass dies auch gelingt. Während die Mädchen wacker vakuumieren, erzeugen die Jungs im Schalllabor Echos. Später werden sie tauschen. Obwohl im Schalllabor für die Augen weniger Spektakel geboten wird, weiss auch der vor Begeisterung sprühende Physiker Fritz Gassmann die Schüler einzunehmen.

Das Feuer, das Junge beim Experimentieren fangen, erlischt jedoch meist recht schnell wieder. Daran, dass auf dem Arbeitsmarkt Tausende von Ingenieuren und Informatikern fehlen, ändert sich jedenfalls seit Jahren kaum etwas. In einer neuen Studie berechnete das Büro Bass, dass im März 2009 rund 14'000 Stellen im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (kurz: MINT) nicht besetzt werden konnten. Jede elfte MINT-Stelle war offen. Laut der Studie kostete der Fachkräftemangel die Schweizer Wirtschaft 2008 etwa zwei Milliarden Franken.

Für die Arbeitnehmer zahlt sich die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage dagegen aus. Zwischen 2005 bis 2008 sind die Löhne für MINT-Jobs real um 3,3 Prozent gestiegen – sechsmal stärker als der Durchschnitt. Rosige Aussichten, sollte man meinen. Doch obwohl immer mehr Jugendliche ein Studium beginnen, entschliessen sich nach wie vor zu wenige für ein MINT-Fach. Politologie, Publizistik, Geschichte oder Jura stehen viel höher im Kurs. «In diesen Fächern werden Sinnfragen gestellt, das spricht junge Menschen eher an», erklärt Peter Labudde, Leiter des Zentrums für Naturwissenschafts- und Technikdidaktik an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Die Arbeitsmarktlage spiele bei der Studienwahl kaum eine Rolle.

Dem Schall auf der Spur: mit Physiker Fritz Gassmann im Labor
Quelle: Andreas Eggenberger

Warum sind Mädchen weniger begeistert?

An der Vorliebe für Orchideenfächer kann auch die Tatsache nichts ändern, dass Technik vom Handy bis zur Spielkonsole den Alltag von Jugendlichen prägt. Im Gegenteil: Das hält sie erst recht davon ab, sich damit zu beschäftigen. «Für die Generation der ‹Digital Natives›, die mit Computer und Co. aufgewachsen sind, ist der Umgang damit so selbstverständlich, dass sie sie gar nicht mehr hinterfragt», sagt Barbara Simpson, Projektleiterin beim Verein Ingch.ch, der unter anderem Technik- und Informatik-Aktionstage an Schulen durchführt.

Vor allem Mädchen entscheiden sich selten für technisch-naturwissenschaftliche Berufe oder Studiengänge. Das zeigt sich auch bei der Lenzburger Klasse am PSI. Von vier befragten Jungen könnten sich drei zumindest vorstellen, einen solchen Beruf zu erlernen. Einer von ihnen hat sich vor Ort gleich mit Informationen zur Informatiklehre eingedeckt. Dagegen finden vier von vier befragten Mädchen Physik zwar interessant, sie alle wollen aber entweder eine KV-Lehre machen oder ans Gymnasium, um später ein Fach im Bereich Sprachen oder Musik zu studieren. Ihre Begründung: «Gefällt mir besser, liegt mir mehr.» Fragt man sie, weshalb, erhält man als Antwort grosse Augen und Schulterzucken. «Ist halt so.»

Die Fachleute glauben mehr zu wissen. Sie verweisen auf Rollenvorstellungen, die in Elternhaus und Schule vermittelt würden. «Mädchen und Knaben werden aufgrund ihres Geschlechts meist unbewusst anders erzogen. Mädchen erhalten Puppen zu Weihnachten, Buben Autos», sagt Georg von Arx, Leiter der Nachwuchsförderungsprogramme bei der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW). Eine Binsenwahrheit mit Wirkung: Bei Knaben werde früh vorausgesetzt, dass sie sich für Technik interessierten und damit umgehen könnten. Mädchen dagegen würden erfahren, dass das eher nichts für sie sei. Deshalb unterschätzten sie ihre Leistungen in den entsprechenden Fächern oft. Selbst dann, wenn sie gleich gut oder gar besser sind als die Buben. Technische Berufe bleiben Männerberufe, was Mädchen umso mehr abschreckt. Wer will schon als Einzige der Klasse mit lauter jungen Männern an die ETH?

Um das zu ändern, müssten Kinder viel früher spielerisch an naturwissenschaftliche und technische Themen herangeführt werden, am besten schon im Kindergarten, sagt Didaktiker Peter Labudde. Die Pubertät ist ohnehin ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, um verkrustete Rollenbilder zu verändern. Jugendliche beiderlei Geschlechts suchen Orientierung. «Die Jungs setzen sich gerne ein wenig in Szene, wenn die Mädchen dabei sind, gerade in Fächern, die als Bubenfächer gelten», beobachtet Oliver Killer, Klassenlehrer der Lenzburger Schüler.

Im gemischten Unterricht werden Rollenbilder zementiert, das zeigen auch Studien. Markus Diem, Studienberater an der Uni Basel, plädiert deshalb dafür, den gemeinsamen Unterricht zumindest teilweise aufzuheben. «Würden Mädchen getrennt unterrichtet, kämen sie eher aus sich heraus – und ihr Selbstvertrauen würde auch in ‹Bubenfächern› gestärkt», glaubt er. Fest steht, dass einzelne Besuche in Schülerlabors oder Technikwochen selten lange wirken. «Man müsste die Themen kontinuierlich im Unterricht einbauen», sagt Peter Labudde.

Georg von Arx von der SATW teilt diese Ansicht. All die bestehenden Programme und Initiativen seien gut. «Aber an ein im Lehrplan verankertes Fach kommen sie nicht heran.» Der Lehrplan sei zu stark auf sprachliche und philosophische Fächer ausgerichtet. «Oft vermeiden Lehrpersonen technische Themen auch, weil sie selber keinen Bezug dazu haben», vermutet von Arx. Die Lehrerausbildung sei da mangelhaft, man könne technische Themen leicht vermeiden.

Die Schweiz soll eigene Fachkräfte finden

Die Schule einmal mehr als Sündenbock? Beat W. Zemp, Präsident des Lehrerverbands, hat als Mathematiklehrer Verständnis – und auch nicht. «Im Vorwurf steckt ein Körnchen Wahrheit. Fragt man aber Sprachwissenschaftler, Musiker oder Sportler, hört man exakt das Gegenteil, nämlich, dass ihre Fächer unterbewertet seien», gibt er zu bedenken. «Wollte man allen Ansprüchen gerecht werden, könnte man an den Schulen gleich Schlafsäle einrichten und die Schüler Tag und Nacht dabehalten.»

Einig ist man sich in einem: Als Industriestandort sollte die Schweiz für den eigenen Nachwuchs besorgt sein. «Ich finde es nicht in Ordnung, wenn wir die Fachkräfte aus Deutschland holen, die Deutschen holen sie aus Polen, die Polen aus Russland. Als reiches Land hat die Schweiz die Verantwortung, genügend eigene Fachkräfte zu rekrutieren», sagt Georg von Arx.

An der Technik schnuppern

Etliche Unternehmen und Institutionen haben in den letzten Jahren Projekte ins Leben gerufen, die Kinder und ­Jugendliche an Naturwissenschaften und Technik heranführen sollen. Eine Auswahl der Projekte:

KIDSinfo: Ingenieurinnen besuchen Primarklassen und machen mit einem anderen Rollenverständnis für den Ingenieurberuf vertraut. www.svin.ch/...

Bugnplay: Roboter- und Medienwettbewerb (8 bis 20 Jahre). www.bugnplay.ch

Schnupperstudium für Mädchen: Frauenförderung des Departements für Informatik der ETH. www.frauen.inf.ethz.ch

Forscherkiste: Wochenweise mietbarer Anhänger mit rund 200 Experimenten für alle Schulstufen. www.phsg.ch/...

Generation 21: Forscherkisten, Forscherworkshops und andere Aktivitäten in Vorschulen, Schulen, Hoch- und Fachhochschulen. www.siemens.ch/...

Explore-it: Lerntage und Events (ab 9 Jahren) sowie Weiterbildungsangebote für Lehrpersonen. www.explore-it.org

Do-it-Werkstatt: Lehrhilfen und Aufgaben für das Fach technisches und tex tiles Gestalten. www.do-it-werkstatt.ch

iLab: Schülerlabor am Paul Scherrer-Institut in Villigen (ab 12 Jahren). http://ilab.web.psi.ch

Ingch.ch: Ein von 29 Unternehmen getragener Verein, der unter anderem Technik- und Informatikwochen und Mädchentage in Betrieben organisiert. www.ingch.ch

TecDays: Experten aus Industrie und Wissenschaft besuchen Mittelschulen. www.satw.ch

Simply Science: Webportal für 12–16-Jährige. www.simplyscience.ch

girls@sience und boys@science: Forsch- und Experimentiertage an Hochschulen (10 bis 13 Jahre). www.sjf.ch

Tecmania: Austausch-Plattform von Swissmem über Technikthemen, Lehrstellen et cetera. www.tecmania.ch

Veröffentlicht am 22. November 2010