«Ohne Gegenbericht des Lehrlings innert zehn Tagen erachten wir das Lehrverhältnis als aufgelöst.» Als Robert Linder (Name geändert) kurz vor Weihnachten 2003 im Schreiben der kantonalen Lehraufsichtskommission Bern diese dürren Zeilen liest, ist seine Enttäuschung grenzenlos. Der heute 22-Jährige, der bei der Swisscom dreieinhalb Jahre in der Informatikerstifti steckte und ein halbes Jahr vor der Abschlussprüfung stand, befand sich in einer aussichtslosen Lage. «Weitere Ausbildung noch unbestimmt», notierte das Amt kurz und bündig; selbst auf «freundliche Grüsse» verzichtete man.

Einen Monat später kam es zur Schlichtungsverhandlung. Drei Arbeitgebervertreter, der Lehrling mit den Eltern und einem Juristen sowie eine Beraterin der Lehraufsicht setzen sich an einen Tisch. Ohne Resultat: «Eine Einigung konnte leider nicht erzielt werden», liess die Lehraufsicht Robert Linder schriftlich wissen. «Der Lehrbetrieb hält an der einseitigen Auflösung des Lehrvertrags fest.» Damit stand der Stift – kurz vor dem Examen – definitiv ohne Stelle da. Am Schluss der Sitzung musste er seinem Chef sogar das SBB-Halbtaxabo aushändigen. «Es ist, wie wenn ich einen Rucksack fülle mit schweren Sachen, der mich dann zu Boden drückt», schreibt Robert in sein Tagebuch.

«Hinausgemobbt»



Vater Emil Linder ist empört: Nicht nur habe die Swisscom seinen Sohn «hinausgemobbt», auch sei ihm von niemandem geholfen worden. «Die Lehraufsicht hat keinen Finger gerührt, um die Kündigung abzuwenden. Und sie haben nichts, rein gar nichts gemacht, um eine Ersatzstelle zu finden.» Inzwischen hat Robert eine neue Lehre als Mechaniker angetreten; diese müssen die Eltern für weitere vier Jahre finanzieren. Inzwischen sind sie vors Arbeitsgericht gezogen und fordern rund 30'000 Franken Schadenersatz von der Swisscom; der Fall ist noch hängig.

Wie viele Berufslehren in der Schweiz abgebrochen werden, darüber gibt es noch keine Erhebungen. Die Kantone Bern und Zürich sowie das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) haben Studien lanciert, um Klarheit zu schaffen. Erste Anhaltspunkte kommen aus Bern: Jährlich würden im Kanton rund 19 Prozent der Lehrverhältnisse vorzeitig aufgelöst, sagt Theo Ninck, Vorsteher des Mittelschul- und Berufsbildungsamts. Bei total 25'500 Lehrverhältnissen nehmen knapp 5000 Lehrlinge einen Wechsel vor, bevor sie das Diplom im Sack haben. Viele wechseln Betrieb oder Beruf oder machen eine Anlehre; unter dem Strich schliessen 95 Prozent eine Ausbildung ab. Trotzdem: Bei gesamtschweizerisch 200'000 Lehrlingen (rund 60'000 pro Jahrgang) geht die Zahl der Lehrvertragsauflösungen in die Tausende.

Das ist besonders in der heutigen Zeit, wo Ausbildungsplätze knapp sind und bei einem Abbruch nicht so rasch ein Ersatz aufzutreiben ist, unbedingt zu vermeiden. Nicht von ungefähr schiesst der Bund kräftig Geld ein, um die Situation zu entschärfen: Im Jahr 2004 subventionierte das BBT den Lehrstellenmarkt mit 23 Millionen Franken.

Abbrüche zu verhindern ist denn auch eine der zentralsten Aufgaben der kantonalen Lehraufsichtsstellen. Sie sollen «rechtzeitig geeignete Massnahmen ergreifen und die Jugendlichen individuell unterstützen», erläutert Jacques Filippini, Sprecher des BBT.

Zu Unrecht fristlos gekündigt?



Die Bilanz ist aber ernüchternd. Im Kanton Bern würden «rund 60 Prozent der Betriebe und 40 Prozent der Lernenden vor Vertragsauflösung die Lehraufsicht kontaktieren», sagt Theo Ninck. «Häufig passiert dieser Schritt aber zu spät, die Kündigung ist dann kaum noch abzuwenden. Denn meist sind die Fronten derart verhärtet, dass eine Vermittlung schwierig ist.»

Wer ist schuld an diesem Missstand? Wie im Fall Linder ist die Sachlage oft kontrovers. Die Lehraufsicht hält fest, es habe sich um eine Ausnahme gehandelt; einseitige, fristlose Kündigungen seien «sehr selten». Die Swisscom stellt sich auf den folgenden Standpunkt: «In jedem Fall versuchen wir, eine Auflösung abzuwenden beziehungsweise gemeinsam eine gute Lösung zu finden. In sehr seltenen Fällen gelingt das leider nicht», sagt Mediensprecher Sepp Huber. Die Swisscom habe über 900 Lehrlinge, allein in Bern seien in den letzten zehn Jahren rund 100 Informatiker ausgebildet worden. Dabei habe man nur drei Lehrverträge vorzeitig auflösen müssen. Im Fall Linder habe man «die Lehraufsicht frühzeitig involviert».

Anders sehen es die Gegenpartei und deren Anwalt, der Berner Fürsprecher Krishna Müller. Unzählige Aktenstücke, Protokolle und Rapporte haben sie eingereicht, um nachzuweisen, dass die fristlose Kündigung zu Unrecht erfolgte. Eine solche ist nämlich nur zulässig, wenn schwer wiegende Verstösse vorliegen; eine zu wenig gute Leistung allein genügt nicht. «Dies gilt umso mehr, als nicht einmal eine Verwarnung ausgesprochen worden ist», sagt Müller. Ausserdem habe sich der Lehrling in den Monaten vor der Kündigung deutlich verbessert.

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«Jetzt sei eh alles zu spät, hiess es»



Unbegreiflich sei, dass es im Grossbetrieb Swisscom keine Möglichkeit gab, um mit dem Stift das fehlende halbe Jahr bis zum Examen noch über die Runden zu bringen. Vor Gericht habe die Swisscom dem Lehrling dies noch in Aussicht gestellt, später habe sie das Versprechen ohne Begründung widerrufen. Und bei der Verhandlung mit der Lehraufsicht habe die Firma nur zwei Varianten präsentiert: Entweder Robert Linder unterschreibe seine Kündigung, oder man setze ihn fristlos vor die Tür. Pikantes Detail: Als Linder mit der Kündigung auch sein Lehrzeugnis erhielt, hatten die Swisscom-Verantwortlichen in der Titelzeile nicht einmal seinen Namen eingetragen; entsprechend nichtssagend fiel das Zeugnis aus.

Scharf kritisieren Linders und Anwalt Müller auch das Versagen der Lehraufsicht. Diese habe den jungen Mann zwischen Stuhl und Bank fallen lassen. Mehrmals und frühzeitig hätten sie das Amt kontaktiert – ohne Erfolg. Vater Linder: «Man sagte uns, solange keine Kündigung vorliege, könne man nichts machen. Und als Robert dann die Stelle verlor, hiess es, jetzt sei eh alles zu spät.» Laut Linder ist das Amt erst Ende November aktiv geworden, zwei Wochen später bekam der Lehrling den blauen Brief. Von «frühzeitiger» Hilfe könne also keine Rede sein.

Personell knapp dotiert, haben die Aufsichtsstellen kaum Kapazitäten, sich wirklich um schwierige Fälle zu kümmern, wie Anfragen bei anderen Berufsbildungsämtern bestätigen. Der Tenor: Man habe keine Zeit, um bei drohendem Abbruch sofort eine Ersatzstelle zu suchen. Für ein ausführliches Gespräch müsse ein Lehrling eine Wartefrist von zwei Wochen einberechnen. Dass die Lehraufsicht von sich aus tätig werde und frühzeitig nach dem Rechten schaue, sei unmöglich. Beim Fall Linder war sie zwar frühestmöglich ins Bild gesetzt worden. Doch, so der Kommentar von Theo Ninck, war «das Verhältnis nach unserer Einschätzung nicht mehr zu retten». Für die betroffene Familie ein schwacher Trost.

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