Frage: Ich habe soeben die Matura bestanden. Jetzt fällt es mir ausserordentlich schwer, mich endgültig für einen Berufsweg zu entscheiden. Familienangehörige und Freunde haben mir schon die verschiedensten Vorschläge gemacht. Doch je grösser die Auswahl ist, desto weniger weiss ich, was das Richtige für mich ist. Was soll ich tun?

Koni Rohner, Psychologe FSP:Nehmen Sie Ihre Unentschlossenheit ernst und gönnen Sie sich noch etwas Zeit. Der Entwicklungspsychologe Erik Erikson vertritt die Meinung, dass wir auf unserem Lebensweg manchmal auch ein so genanntes Moratorium brauchen: eine Auszeit, in der wir uns von Verpflichtungen befreien können, um Bilanz zu ziehen, neue Entwürfe zu machen und neue Kraft zu schöpfen. Nach Abschluss einer Schule oder einer Ausbildung ist der Zeitpunkt dafür ideal. Mein zweiter Ratschlag: Probieren geht über studieren. Versuchen Sie nicht, Ihr Problem durch Nachdenken zu lösen. Machen Sie Praktika, reden Sie mit Berufsleuten oder fortgeschrittenen Studenten, gönnen Sie sich «Probestudien» in verschiedenen Fachrichtungen und achten Sie darauf, wo Sie sich wohl fühlen und wo nicht. So wird sich der richtige Weg wie von selbst zeigen.

Abgesehen davon: Ihre Unentschlossenheit ist ganz natürlich. Wer hat nicht schon irgendwann in seinem Leben um eine Entscheidung gerungen?

Bei vielen war das bereits in der Pubertät der Fall, als es um die Berufswahl ging. Bei anderen zeigten sich die «Entscheidungsstaus» später – sei es während einer festen Beziehung, beim Zusammenziehen oder vor einer möglichen Heirat. «Drum prüfe, wer sich ewig bindet», sagt der Volksmund. Obwohl in unserer Mobilitätsgesellschaft weder eine lebenslange Partnerschaft noch ein Berufsleben ohne Wechsel die Regel sind, empfinden wir solche Schritte nach wie vor als schwerwiegend. Vielleicht haben es Leute, die weniger nachdenken, leichter. Sie tun einfach das, was andere auch tun. Und sie lassen ihr Leben laufen, wie es eben kommt. Wer dagegen ein hoch entwickeltes Bewusstsein hat, dem kommt oft der Verstand in die Quere. Er muss sinnieren, wägt Pro und Kontra ab und versucht, die Konsequenzen jeder Entscheidung abzuschätzen.

Anzeige

Als praktische Hilfe kann man natürlich die verschiedenen Wege aufschreiben, die in Frage kommen – mit allen Vor- und Nachteilen. Gewichtet man die einzelnen Aspekte, kann man am Schluss die Punkte zusammenzählen und sehen, welche Variante die beste ist.

Nach meiner Erfahrung ist der Verstand aber nicht der nützlichste Helfer in Wahlsituationen. Mit reinem Nachdenken gerät man oft vom Hundertsten ins Tausendste – und kommt doch nie zu einer Entscheidung. Ich würde deshalb den Kopf nur als Mittel benutzen, um sich Informationen auf verschiedenen Wegen zu beschaffen.

Die Entscheidung hingegen würde ich dem Herzen oder dem Bauch überlassen. Zum Beispiel indem man in aller Ruhe in sich hineinhorcht und zu spüren versucht, bei welcher Alternative einem am wohlsten ist. Sehr oft wird dann plötzlich alles sonnenklar. Denn unsere Gefühle und unser Körper sind häufig viel «klüger» als unser Verstand.

Anzeige

Eines jedoch lässt sich auch damit nicht umgehen: Eine Entscheidung bedeutet immer eine Einengung. Aus dem Strauss vielfältiger Möglichkeiten wird eine einzelne Blume herausgepflückt. Vielleicht ist es dieses Element der Endgültigkeit, der Absolutheit, das vielen Menschen Angst macht und bei einigen sogar zu einer chronischen Entscheidungsunfähigkeit führt, die man als neurotisch, als seelische Störung betrachten muss.