Beobachter: Die Arbeitswelt wird immer flexibler, man lernt heute keinen Beruf mehr für den Rest des Lebens. Wie wichtig ist die Berufswahl überhaupt noch?
Reinhard Schmid: Sie ist heute genauso wichtig wie früher. Man lernt zwar keinen Beruf mehr fürs Leben, trifft aber eine Berufswahl fürs Leben. Bedingung für lebenslanges Lernen ist, dass Jugendliche die Berufsbildung mit einem Erfolgserlebnis abschliessen. Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt, wenn die Berufswahl bewusst getroffen wird.

Beobachter: Im Kanton Zürich werden acht bis zehn Prozent aller Lehrverträge vorzeitig aufgelöst, im Kanton Bern sogar um die 20 Prozent. Warum?
Schmid: Lehrabbrecher nennen als Grund am häufigsten die falsche Berufswahl. Man muss diese Aussage aber mit Vorsicht geniessen, es handelt sich um eine subjektive Betrachtung. Die zentrale Frage ist für mich, weshalb es überhaupt zu einer falschen Berufswahl gekommen ist. Jugendliche sind durchaus in der Lage, eine richtige Wahl zu treffen. Bedingung dafür ist aber, dass Eltern, Lehrpersonen und Berufsberatende sie mit den nötigen Kompetenzen ausrüsten. Das heisst auch, dass man ihnen die notwendige Zeit dafür gibt und dass die verschiedenen am Prozess Beteiligten kooperieren.

Beobachter: Wo passieren in diesem Zusammenspiel heute die meisten Fehler?
Schmid: Ich bin gegen Schuldzuweisungen. Der Entscheidungsprozess ist sehr komplex und wird begleitet von verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen. Früher prägte die Tradition weitgehend den Werdegang der Jugendlichen. Heute können sie sich viel weniger an Vorbildern orientieren und auf vorgepfadeten Wegen gehen. Sie müssen ihre Werte und Ziele selber entwickeln. Zudem ist die Berufswahlvorbereitung in den achtziger Jahren stehen geblieben. Berufswahlunterricht war an den Schulen früher eine Selbstverständlichkeit, heute sind viele Kantone davon abgekommen, und die Lehrpersonen sind für diese Aufgabe zu wenig vorbereitet. Im Lehrplan für die Oberstufe ist Berufswahlkunde kein verbindliches Fach – obwohl Praxis und Forschung belegen, dass der Bedarf nach Beratung und individueller Begleitung zunimmt. Jugendlichen wird sehr viel Eigenverantwortung zugemutet, ohne dass sie angemessen unterstützt würden.

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Beobachter: Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?
Schmid: Die Berufsbildung wurde in den letzten Jahren stark vergeistigt, Leistung und deren Messbarkeit ist oberstes Prinzip geworden. Jede Grundbildung hat heute ihren Eignungstest. Doch Jugendliche lassen sich nicht einfach in Berufe zuteilen. Berufswahl ist ein sehr emotional und subjektiv geprägter Prozess, der eng mit Werthaltungen und Motivationen verknüpft ist. Darum müssen Jugendliche dort abgeholt werden, wo sie stehen. Ihre Träume und Visionen sind für die Lernmotivation entscheidend. Im Weiteren werden Fachleute und Lehrpersonen immer weniger in die Entscheide betreffend Lehrmittel und Lehrpläne einbezogen. Viele Entscheidungsträger der Verwaltung haben einen akademischen Weg bestritten. Von der Praxis der Berufsbildung sind sie oft weit entfernt. Sie entscheiden über etwas, was sie selber gar nie erlebt
haben. Unser Schul- und Bildungssystem bleibt aber nur dann konkurrenzfähig, wenn der Dialog zwischen Praxis, Forschung und Verwaltung offen und lebendig bleibt.

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Beobachter: Ist es nicht vor allem Aufgabe der Eltern, ihre Kinder auf das Leben vorzubereiten?
Schmid: Klar, die Eltern sind die wichtigsten Berufsberater, sie haben am meisten Einfluss auf die Jugendlichen. Sie können den Prozess aber auch behindern, wenn sie etwa viel zu hohe Erwartungen stellen. Die Berufswahl ist ein Zusammenspiel verschiedener Akteure. Es ist zentral, dass diese alle eine gemeinsame Sprache sprechen. Dazu braucht es standardisierte, erprobte und von allen Beteiligten akzeptierte Instrumente. Die Schule hat dabei eine besondere Verantwortung.

Beobachter: Es gibt doch entsprechende Lehrmittel?
Schmid: Ja, das stimmt, aber leider entwickelt jeder Kanton eigene Konzepte und Standards. Das können wir uns als kleines Land in einer globalisierten Wirtschaft auf Dauer nicht leisten, das ist ineffizient. Würde man früher ansetzen, den Berufswahlunterricht optimieren und die vorhandenen Kooperationspartner und Institutionen schulen und entsprechend ausrüsten, könnte man viele Problemfälle von vornherein verhindern.

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