Wenn Mélanie zaubern könnte, würde sie der nächsten Kundin charmant eine Spezialwurst verkaufen und ihr erklären, warum sie spanischen Schinken jenem aus Italien vorzieht. Aber Mélanie kann nicht zaubern – und das Reden mit Erwachsenen fällt ihr schwer. Darum hat ihre Lehrerin die 14-Jährige bereits in der ersten Sek für das Jugendprojekt Lift angemeldet. Spezielle Kurse und ein Arbeitseinsatz in der Metzgerei Ziegler sollen Mélanie fit für die Lehrstellensuche machen und sie motivieren, mehr aus sich herauszukommen.

Heute geht es im wöchentlichen Lift-Kurs im Zürcher Schulhaus Stettbach aber erst um Zoran. Der 14-Jährige streikt. Sechs Monate lang hatte er jeden freien Mittwochnachmittag in einer Cateringfirma gearbeitet – jetzt geht er einfach nicht mehr hin. Abgemeldet hat er sich nicht. «Warum?», fragt Eva Holzmann, Berufsberaterin und Lift-Kursleiterin. «Du warst doch gern dort.» Zoran blickt auf die Tischplatte, kritzelt imaginäre Linien ins Holz. «Schon», sagt er schliesslich, «aber der Weg dorthin war so weit.» Er habe immer schon um eins dort sein müssen, sagt er weiter, das habe er fast nicht geschafft.

Tausend Betriebe machen mit

Arbeitseinsätze sind zentraler Teil des Jugendprojekts mit dem unaussprechlichen Namen: Lift steht für «Leistungsfähig durch individuelle Förderung und praktische Tätigkeit». Das schweizweite Förderprogramm unterstützt Teenager mit schulischen oder sozialen Problemen beim Einstieg ins Berufsleben und gibt ihnen die Chance, sich ausserhalb der Schule Lorbeeren zu holen. Bereits in der ersten Sek besuchen Teilnehmer sogenannte Modulkurse und leisten Arbeitseinsätze. Ziel: Verbesserung der sozialen Kompetenz und erste Begegnungen mit der Welt der Erwachsenen.

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670 Jugendliche haben bislang am Projekt Lift teilgenommen. Tausend Betriebe stellen Wochenarbeitsplätze zur Verfügung: Gärtnereien, Restaurants, Garagen, Geschäfte, Produktionsbetriebe. Sie begleiten die Jugendlichen bei den ersten Schritten im Arbeitsleben und zeigen ihnen, was es braucht, wenn man in der Lehre bestehen will. Zuverlässigkeit zum Beispiel.

«Einfach nicht mehr hinzugehen ist keine Lösung», sagt Berufsberaterin Holzmann zu Zoran. In die Runde fragt sie: «Wie könnte man reagieren, wenn ein solches Problem auftaucht?» Der 15-jährige Wilton hat eine Idee: «Fragen, ob man später anfangen darf.» Holzmann nickt. Kevin sagt: «Oder sich wenigstens abmelden.» «Voll, Alter», sagt Samir. Mélanie hört zu.

Im heutigen Kursmodul geht es darum, zu reflektieren, was man in den letzten ­Monaten gelernt hat. «Ausdauer», schreibt Mélanie auf ihren Fragebogen, «mit Erwachsenen reden», schreibt Wilton, «Team­fähigkeit» und «den Weg selber finden».

Einige vermeiden jeden Blickkontakt

Schnell merkt man, wo es bei den meisten hier harzt: an Selbstbewusstsein und Sicherheit im Umgang mit Erwachsenen. Einige vermeiden jeden Blickkontakt, andere bringen sich nur ein, wenn sie direkt angesprochen werden. Mélanie zum Beispiel. Introvertiertheit ist auf der Lehrstellen­suche ein Handicap, insbesondere dann, wenn man nicht zu den Klassenbesten gehört. Offen und kommunikativ zu sein gehört zum Anforderungsprofil vieler Berufe. Auch zu jenem, von dem Mélanie träumt: eine Lehrstelle im Detailhandel. Nicht zuletzt, weil es ihr im Lift-Einsatz in der Metzgerei in Zürich-Oerlikon so gut gefällt. Seit einem Jahr verbringt sie jeden freien Mittwochnachmittag zwischen Schinken, Koteletts und Fischfilets. Sie füllt Gewürze ab und Paniermehl, schreibt Menütafeln, dekoriert Fleischplatten und darf seit kurzem ab und zu eine Kundin an der Kasse be­dienen. Das macht Mélanie am liebsten, obwohl ihr die Worte nicht zufliegen.

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«Verkaufen heisst reden, reden, reden», sagt dann Margi Baumgartner, Geschäftsführerin und Mitinhaberin der Zieglermetzg. Viel lieber aber spricht sie über die Stärken von Mélanie: «Sie lernt schnell, kann immer mehr Aufträge selbständig ausführen.» Als Baumgartner vor einem Jahr von den Lift-Verantwortlichen angefragt wurde, ob sie einen Arbeitseinsatz ermöglichen würde, sagte sie spontan zu. Doch: «Ich wollte ein Mädchen. Eine, die anständig ist, ehrlich und nicht frech.» Dann lacht sie: «Und genau so eine haben wir bekommen. Wir haben sie alle sehr gern.» Zu Mélanie: «Bloss beim Reden, da musst du noch einen Gump vorwärts machen, gell.» Sie arbeite mit ihrem Lehrer daran, entgegnet Mélanie, und mit Kolleginnen sei sie gar nicht so ruhig.

Dann will Baumgartner genauer wissen: «Was macht dein Lehrer, um dich vorwärtszubringen?» – «Er hat gesagt, ich solle klären, mit welchen Angestellten ich per du sei und mit welchen per Sie», sagt Mélanie. Baumgartner stutzt. Ob sie denn das gar nicht wisse? Melanie schüttelt den Kopf. «Darum ist es schwierig, um Hilfe zu bitten.» Baumgartner verspricht, das im Team zu besprechen. Denn obwohl Mélanie nach drei Monaten an einen neuen Wochen­arbeitsplatz hätte wechseln können, möchte sie auch nach einem Jahr in der Metzgerei bleiben. Weil ihr die Arbeit so gut gefällt oder der Betrieb? «Beides», sagt Mélanie.

Meist wenig motivierende Erfahrungen

«15 bis 20 Prozent der Sek-C- und Sek-B-Schüler respektive der Ober- oder Realschüler brauchen Unterstützung durch ein Projekt wie Lift», sagt Projektleiterin Ga­briela Walser. Sie bringen schwache schulische Leistungen mit und sind wie Mélanie verschlossen und scheu oder dann eher zu laut und unruhig. In der Schule haben die meisten Lift-Teilnehmer wenig motivierende Erfahrungen gemacht: «Wer seine Stärken im Handwerklichen hat, kann sie nur wenig zeigen. Unser Schulsystem ist so.»

Gerade jene, die in der Schule kaum stillsitzen könnten, bekämen oft sehr gute Rückmeldungen aus den Betrieben. «Wenn der Betriebsleiter ihnen dann noch vermitteln kann, dass es für die Lehre neben geschickten Händen auch eine genügende Deutsch- und Mathenote braucht, ist unser Ziel erreicht.» Tatsächlich zeigen die ersten Auswertungen, dass Lift wirkt. Schwache Schülerinnen und Schüler finden eher eine Lehrstelle. Zudem wirkt sich der Einsatz an den Wochenarbeitsplätzen positiv auf die schulischen Leistungen aus.

Und Mélanie, Zoran, Wilton und Kevin? Sie haben noch Zeit, an ihren Aufgaben zu wachsen und selbstsicherer zu werden. «Wenn ich arbeite, habe ich weniger Kopfschmerzen als in der Schule», sagt Kevin. Und Wilton sagt: «In der Schule merkt man, was man nicht kann. Am Arbeitsplatz macht man Dinge, die man kann.» Mélanie hört zu, aber im nächsten Modulkurs wird sie von sich erzählen. Bestimmt.

Jugendprojekt Lift: Mit Anlauf in die Lehre

Das Unterstützungsprogramm Lift richtet sich an Jugendliche ab dem siebten Schuljahr, die eine erschwerte Ausgangslage bezüglich Lehrstellen­suche und Berufseinstieg haben. Ausgewählt werden die Jugendlichen durch ihre Lehrperson. Kernelement von Lift sind Modulkurse zur Stärkung der Sozial- und Selbstkompetenzen sowie regelmässige Arbeitseinsätze in Gewerbebetrieben.

Hinter dem Projekt steckt das Netzwerk für sozial verantwortliche Wirtschaft NSW/RSE in Bern. Finanziert wird Lift durch die lokalen Trägerschaften. Sie übernehmen die Kosten von rund 1500 Franken pro Lift-Schüler und Jahr. Die externen Kosten für die Tätigkeiten des nationalen Kom­petenzzentrums Lift belaufen sich auf rund 400'000 Franken jährlich. Sie werden durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation sowie diverse Stiftungen getragen.
www.jugendprojekt-lift.ch