«Das war die belastendste Zeit, die wir je gemeinsam durchstehen mussten.» Heidi Keller-Stettler aus dem zürcherischen Oberembrach seufzt. Die Familienharmonie wurde kräftig durchgeschüttelt, bis Sohn Sacha endlich den Schritt ins Berufsleben schaffte: Sowohl die Wahl des anzustrebenden Berufs als auch die Bewerbungsphase kosteten viel Zeit und Nerven.

Doch jetzt ist es geschafft, und die Eltern sind stolz auf das Durchhaltevermögen ihres Sprösslings. Auch der 16-Jährige ist froh, dass diese Zeit der Ungewissheit vorbei ist. Im August begann er seine Lehre bei einem internationalen Unternehmen in Wädenswil. Als Knirps hatte Sacha davon geträumt, Paläontologe zu werden und Fossilien in der Wüste Mexikos auszugraben. Jetzt lernt er Chemielaborant – und entdeckt die Welt der Aromastoffe.

Heute Mechaniker, morgen Bänkler – und übermorgen? Die Welt ist schnelllebiger denn je, den Job fürs Leben gibt es längst nicht mehr. Hingegen schallt das Credo des lebenslangen Lernens aus aller Expertenmunde. Der erste Berufswahlentscheid scheint dabei an Wichtigkeit zu verlieren. Doch die Jugendlichen, die sich zwischen Informationsfülle und zunehmender Verunsicherung orientieren müssen, erleben diesen Schritt nach wie vor wie eine Weichenstellung. Ein guter Start ins Arbeitsleben ist wichtig, sagen die Berufsberatungen unisono. Denn: Wenn sich Jugendliche auf eine Ausbildung freuen – egal, ob Lehre oder Matura –, gehen sie motivierter ans Werk.

Ein Projekt für die ganze Familie

Wie aber Freude aufkommen lassen, wenn Arbeitsplätze ebenso schnell verschwinden, wie sie entstanden sind? Wenn die Gesetze des Arbeitsmarktes wichtiger erscheinen als die persönlichen Neigungen der jungen Menschen? Fragen, deren Beantwortung besonders Eltern hilflos macht. «Die erste Berufswahl der Söhne und Töchter sollte ein Familienprojekt sein», sagt Berufsberaterin Regula Näf vom S&B-Institut für Berufs- und Lebensgestaltung in Bülach. Umfragen zufolge ist es das Urteil der Eltern, dem die Jugendlichen bei der Berufswahl am meisten Gewicht geben – noch vor jenem der Kolleginnen und Kollegen.

«Eltern sollten sich deshalb darüber kundig machen, wie der Berufswahlprozess abläuft und wie sie ihren Kindern helfen können», sagt Regula Näf. Und Berufsberater Erwin Egloff schreibt in seinem Elternratgeber dazu: «Sinnvolle Hilfe besteht darin, dass man das Selbstständigkeitsstreben der Jugendlichen ernst nimmt, Interesse für ihre Ideen und Fragen bekundet, auf Informationsmöglichkeiten aufmerksam macht und bereit ist für partnerschaftliche Gespräche.» Mit anderen Worten: fördern ja, lenken nein.

Viele Eltern plagt jedoch schon beim Übertritt ihrer Kinder von der Primar- in die Sekundarstufe eine grundsätzliche Frage: Wann soll man mit dem Thema Beruf überhaupt beginnen, damit am Ende die Zeit nicht davonläuft? Familie Keller richtete sich an der Schule aus. Dort wurde der Berufsalltag in der zweiten Sekundarklasse explizit zum Thema – zwei Jahre vor dem Ende der obligatorischen Schulzeit und ein Jahr vor einer allfälligen Lehrstellensuche (siehe unten: «So unterstützen Sie Ihr Kind»).

Die Belehrungsfalle

«In der Regel ist das der richtige Zeitpunkt, um auch zu Hause einzuhaken», findet Berufsberaterin Näf. «Manche Eltern würden damit am liebsten noch früher beginnen. Doch sie vergessen, dass ihre Kinder in der Pubertät stecken und emotional viel mit sich selbst zu tun haben.» 12- oder 13-Jährige würden sich von der Ernsthaftigkeit des Themas erdrückt fühlen, glaubt die Expertin. «Jugendliche brauchen eine gewisse Reife, um sich selbst einschätzen zu können. Erst dann ist der Blick in die Berufswelt möglich.»

Eltern sind während der Berufswahlzeit ihrer Sprösslinge in einer schwierigen Situation. Sie sollen Motivatoren, Antreiber, Tröster und Begleiter sein. Sie wollen das Beste für ihre Kinder und tappen dabei, den oft romantischen Vorstellungen ihrer Kinder gewahr, in die Belehrungsfalle.

«Eltern sollen Stellung beziehen und erläutern, warum sie den einen Beruf dem anderen vorziehen. Zugleich sollen sie formulieren, dass sie ihr Kind in jedem Fall unterstützen», liest man dazu in schlauen Büchern. Einfach ist das nicht. Deshalb rät Regula Näf: «Eltern sollten sich dann professionelle Unterstützung holen, wenn sie unsicher sind und ungeduldig werden. Spätestens aber wenn sie die eigene Enttäuschung über den Gang der Dinge nicht mehr verbergen können und sich Eltern und Kind gegenseitig blockieren.»

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Frustration überwinden

Auch der Familie Keller forderte die Berufswahlphase viel Geduld ab, denn klar war sich der Sohn nicht über seinen Traumberuf. «Wir fühlten uns überfordert», gesteht Mutter Heidi, KV-Angestellte. «Es gibt heute so viele neue Berufe, die meisten kannten wir nicht einmal.» Kellers suchten Rat: Unter professioneller Führung setzte sich Sacha mit seinen Interessen und Fähigkeiten auseinander, die Eltern reflektierten die eigenen Vorstellungen über die Berufswahl ihres Sohnes. Schritt für Schritt kristallisierten sich potenzielle Berufsbilder heraus. Über deren Für und Wider wurde am Küchentisch diskutiert. Die Eltern unterstützten Sacha beim Organisieren etlicher Schnupperlehren. «Er kam aber nie mit einem Aha-Erlebnis nach Hause», erzählt die Mutter. «Das frustrierte alle.»

Am Anfang der dritten Sekundarklasse führte das Schnuppern aber dennoch zum Erfolg: Chemielaborant. Gemeinsam machte sich die Familie über mögliche Arbeitgeber schlau. Die Eltern erkundigten sich im Bekanntenkreis. 28 Bewerbungen folgten, etliche Bewerbungsgespräche und Eignungstests parallel zum Schulunterricht. Absagen, Neubewerbungen – und endlich, im Januar, die Lehrstelle. Gerade noch rechtzeitig: «Entscheidend ist für Eltern, nicht in Torschlusspanik zu verfallen und das Kind auf einen Weg zu drängen, den es partout nicht gehen möchte», betont Fachfrau Regula Näf. «Besser ist es, stets gemeinsam erarbeitete Alternativen parat zu haben.»

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So unterstützen Sie Ihr Kind

Berufsvorbereitung (7. Schuljahr):

  • Projektionen vermeiden: Machen Sie sich klar, wie viel Sie über Talente und Berufsinteressen Ihres Kindes wissen.

  • Selbstkontrolle: Der erste Kontakt der Kinder mit der Berufswelt läuft über die Eltern. Achten Sie deshalb darauf, wie Sie über Ihren Beruf reden – eine positive Einstellung wirkt entsprechend auf Ihr Kind.

  • Berufswahlreife orten: Äussern Sie wohlwollendes Interesse an allfälligen Berufswünschen und wägen Sie die Selbsteinschätzung des Kindes ab. Dazu gehört sanftes Nachfragen, was das Kind beim Thema Arbeitswelt empfindet.

Berufswahl (8. Schuljahr):

  • Berufswünsche ernst nehmen: Traumberufe nie abwerten. Kinder müssen selber feststellen, ob ihre Vorstellung von einem Beruf der Realität entspricht. Selbstinitiative fördern, sich gemeinsam über Traumjobs informieren, Verwandte und Bekannte befragen, helfen, Schnupperlehren oder Treffen mit Berufsvertretern zu organisieren.

  • Sich schlau machen: Per Internet, mit Ratgebern oder in Berufsinformationszentren können Sie sich auf den aktuellen Stand bringen bezüglich Berufsbilder, Bewerbungsformen oder weiterer schulischer Ausbildungswege.

  • Stellung beziehen und ehrlich kommunizieren: Jugendliche wollen wissen, welche Berufe die Eltern gut oder schlecht finden und weshalb. Alles anstandslos zu unterstützen schmeckt nach Desinteresse.

  • Fähigkeitstests: Eine nützliche Sache, wenn sie zwischen Fachpersonen, Eltern und Kindern nachbearbeitet werden können. Tests im Internet sind daher heikel.

Lehrstellensuche (9. Schuljahr):

  • Nicht drängen: Jugendliche, die noch nicht zu einer realistischen Selbsteinschätzung fähig sind, nicht drängen. Zwischenlösungen abwägen, denn diese sind kein Beinbruch, sondern eine Hilfe, um die Berufswahl des Kindes auf eine stabile Basis zu stellen.

  • Nicht allein lassen: Einfallsreich nach Arbeitgebern suchen helfen. Persönliche Kontakte nutzen, im Internet mitrecherchieren. Bei Bewerbungen helfen.

  • Absagen: Sich nicht entmutigen lassen! Signalisieren Sie dem Kind, dass man gemeinsam Lösungen sucht.