Maschinen? «Das ist doch Bubensache.» Zumindest hatte das die Badener Sekschülerin Bojana Gasic erwartet, bevor sie im Berufswahlprojekt Avanti drei Tage lang an der Werkbank in der ABB-Halle bohrte und lötete. Auch ihre Klassenkameradin Silla Grödy, die sich durchaus für handwerklich-technische Berufe interessierte, meint: «Ohne dieses Projekt hätte ich wahrscheinlich gar nicht in einem solchen Bereich geschnuppert. Es braucht Überwindung, in einen Betrieb mit lauter Männern zu gehen.»

In den letzten 20 Jahren hat sich an der Trennung zwischen typischen Frauen- und Männerberufen kaum etwas geändert. Mehr als 800 verschiedene anerkannte Berufe gibt es, doch drei Viertel aller Mädchen verteilen sich auf lediglich 24 davon. Das KV führt ihre Hitliste an, gefolgt von Verkäuferin, Krankenschwester und Coiffeuse. Auch bei den Jungen steht das KV zuoberst, danach aber kommen die technischen Sparten Elektromonteur, Polymechaniker und Informatiker.

Raue Umgangsformen unter Männern


«Damit Mädchen und Buben überhaupt auf andere Ideen kommen, muss man sehr früh ansetzen», sagt Isabelle Zuppiger, Leiterin der Berufs- und Studienberatung des Kantons Luzern. Spezielle Lehrmittel sollen Mädchen bereits in der Primarschule technische Abläufe schmackhaft machen. Am jährlichen Tochtertag, der am 11. November zum vierten Mal stattfindet, sollen Mädchen ihre Väter – oder Mütter – an den Arbeitsplatz begleiten. Und bei Rent-a-Stift erzählen jeweils zwei Stiftinnen oder Stifte in Oberstufenklassen von ihren ganz und gar untypischen Berufen.

Alle diese Ideen entstammen dem nationalen Lehrstellenprojekt 16plus, das zum Ziel hat, die so genannten Frauen- und Männerberufe besser zu durchmischen. Dies würde den Jugendlichen mehr Wahl- und Entfaltungsmöglichkeiten bieten, anderseits aber auch die Berufsfelder bereichern: «Vielen Kindern tut es gut, in der Krippe auch eine männliche Bezugsperson zu haben», ist der Kleinkind-Erzieher Rahim Lascandri überzeugt (siehe Nebenartikel zum Thema «Kleinkindererzieher: Sie machen das toll!»). Ebenso könnten die technischen Sparten von einem höheren Frauenanteil nur profitieren, findet Franz Trottmann, Direktor der Metallarbeiterschule Winterthur: «Wir sehen das vor allem in den Projektarbeiten des vierten Lehrjahrs: Viele Frauen verwenden mehr optische Komponenten oder denken stärker von der Anwendung her als die eher technokratisch orientierten Männer.»

Etliche Arbeitgeber würden ihre Männer- oder Frauenteams gern mit Mitarbeitenden des anderen Geschlechts bereichern. Ein Plakat für eine Lehre im Gleisbau wirbt zum Beispiel mit einem Mädchen in orangefarbener Arbeitskleidung und dem Slogan: «Auch für Girls!» Vor allem Grossfirmen wie ABB oder SBB gelten in dieser Beziehung als offen. Allerdings: «Wenn ich eine Frau einstelle, muss sie stark genug sein, um die äusserst rauen Umgangsformen unserer Männer auszuhalten», sagt Daniel Wapp von der Firma Login, die für die SBB und andere Bahnen Verkehrswegbauer ausbildet (siehe Nebenartikel zum Thema «Beruf des anderen Geschlechts: Zuerst mal überlegen»).

Anderseits vergeht manchem Jungen die Lust auf einen unüblichen Beruf, wenn er die Löhne sieht. Der empfohlene (und oft nicht eingehaltene) Mindestlohn für eine Kleinkind-Erzieherin beträgt 4000 Franken. «Welcher qualifizierte Mann ist schon bereit, für dieses Gehalt zu arbeiten?», fragt Rahim Lascandri. Er verdient als Gruppenleiter in einer Krippe zwar ein wenig mehr, trotzdem: «Wenn unser Baby zur Welt kommt und meine Frau eine Zeit lang nicht arbeiten möchte, wird es eng.»

Frauen denken weniger an die Zukunft


Die Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb des Berufs sind ein wichtiges Auswahlkriterium. So auch für den angehenden Automonteur-Stift Christian Dal Cere: «Ich habe nicht nur etwas Mechanisches gewählt, weil es mich interessiert, sondern auch, weil die Aussichten zum beruflichen Weiterkommen sehr gut sind.» Die Frauen dagegen, so Doris Balmer von 16plus, würden weit weniger an die berufliche Zukunft denken: «Ihnen ist wichtiger, dass sie heute eine spannende Arbeit haben.» Der Blick voraus sei vor allem darauf gerichtet, ob in ihrem Beruf Teilzeitarbeit möglich und dieser mit einer Familie vereinbar sei.

Wie auch Männer das eine mit dem anderen verbinden können, erfuhren die Klassenkameraden der Badener Sekundarschülerinnen Bojana und Silla. Im Rahmen von 16plus begleiteten sie Teilzeit arbeitende Väter in ihrem Berufsalltag und zu Hause – so auch bei der Kinderbetreuung.

Ein Baby im Arm halten


Manche hielten dabei zum ersten Mal ein Baby im Arm. «Schwer zu sagen, was davon hängen bleibt», meint ihre Lehrerin Andrea Tommer. Für einen zumindest ist es bereits klar: «Ich weiss, dass ich einmal 50 Prozent arbeiten und 50 Prozent zur Familie schauen will», sagt der 15-jährige David Biland. «Wenn man ein Kind hat, muss man auch mit ihm zusammen sein!»

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