Beobachter: Heute mangelt es an Jobs, in naher Zukunft an Berufsleuten. Kommen Sie mit diesem Spagat zurecht?
Doris Leuthard: Ich tue mein Bestes. Es ist tatsächlich eine paradoxe Situation, weil es im gleichen Bereich zwei gegenläufige Probleme gibt.

Beobachter: Welches beschäftigt die Volks­wirtschaftsministerin mehr?
Leuthard: Der politische Alltag ist natürlich von der Aktualität geprägt. Da ist im Moment die konjunkturbedingte Arbeitslosigkeit im Vordergrund, vor allem unter den jungen Berufseinsteigern.

Beobachter: Wie beurteilen Sie die Situation?
Leuthard: Sie ist besorgniserregend. Es ist für Betroffene ein denkbar schlechter Start, wenn man ihnen sagt: «Bildet euch gut aus.» Dann tun sie das – und stehen trotzdem auf der Strasse. Als Massnahmen dagegen haben wir zum Beispiel das Praktika-Angebot verdoppelt und finanzielle Mittel bereitgestellt, um stellenlose Schul- und Lehrabgänger bei der Weiterbildung zu unterstützen. In den nächsten Monaten werden mich diese Aufgaben stark beschäftigen.

Beobachter: Und nach dem dringlichen Problem kommt dann das schwierige – einverstanden?
Leuthard: Der Fachkräftemangel ist in der Tat eine grosse Herausforderung für die Schweiz. Denn er hat für die ganze Wirtschaft langfristige Auswirkungen. Hier braucht es Strukturanpassungen.

Beobachter: Wo verorten Sie den Mangel an Fachkräften? Nur im Segment der Hochqualifizierten?
Leuthard: Nein, er ist zunehmend auch in der Breite ein Problem. Schauen Sie nur die Gesundheitsberufe an: Dort herrscht ganz klar ein Mangel im Bereich der niederschwelligen Tätigkeiten. In der Berufsbildung wird dieses Bedürfnis jedoch nicht abgedeckt. Geeignet dafür wäre die zweijährige Attestlehre, die sich an Jugendliche mit kleinerem schulischem Rucksack richtet – aber im Bereich der Pflege existiert genau dieses Angebot nicht. Das müssen wir zusammen mit allen Akteuren ändern. Gespräche dazu laufen. Ich hoffe, dass sich nächstes Jahr ein Kanton und eine Institution finden lassen, die einen Pilotversuch starten.

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Beobachter: Das hört sich ziemlich träge an. Verlangt das Problem nicht ein ­zupackenderes Vorgehen?
Leuthard: Man muss auch die Zuständigkeiten berücksichtigen: Die An­gebote in der Berufsbildung machen die Arbeitgeber – sie bieten Lehrstellen an. Den Inhalt der Berufsbildung wiede­rum bestimmen die Branchenverbände. Aufgabe des Bundes ist es primär zu sensibilisieren, künftige Handlungsfelder zu erkennen, Lösungen anzuregen. Unser Bildungssystem ist ein austariertes Gebilde, das keinen kurzfristigen Aktivismus verträgt.

Beobachter: Fakt ist aber, dass sich die ­Berufswelt rasch verändert. Der Energietechnikpionier Josef Jenni etwa braucht dringend Solar­installateure, aber das System ­liefert sie ihm nicht.
Leuthard: Es trifft zu, dass es teilweise zu lange dauert, bis die Berufs­bildungsinhalte den Realitäten der Wirtschaft angepasst werden. Dann kann es, wie bei den Energieberufen, eine Nach­frage geben, die durch das Angebot an Ausbildungsplätzen und Fachkräften nicht gedeckt werden kann. In solchen Fällen müssen wir bei der Ausbildung re­agieren.

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Beobachter: Wie denn?
Leuthard: Indem wir jetzt im Rahmen der konjunkturellen Massnahmen eine Aus-, Weiterbildungs- und Umschulungsinitiative starten. Und indem wir verwandte Tätigkeiten zu Berufsfeldern bündeln. Polybau ist ein Beispiel: Dort nimmt man all jene, die mit Gebäudehüllen zu tun haben, für die ersten zwei Jahre Grundausbildung zusammen, erst danach erfolgt die Spezialisierung in einer bestimmten Fachrichtung. Mit dieser Methode kann man flexibler auf die effektive Nachfrage des Marktes reagieren, und die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhalten ein grösseres Be­tätigungs­feld. Hier ist auch der Gewerbeverband gefordert, der die Bedürfnisse der Wirtschaft gut kennt.

Beobachter: Ist die Bereitschaft zu solch branchen­übergreifenden Schulterschlüssen vorhanden?
Leuthard: Sie ist am Wachsen. Es heisst oft, die Unternehmen müssten das selber realisieren. Wir sagen: Manchmal muss man auch von oben etwas pushen. Politik und Verbände sollten weiter vorausschauen als die einzelnen Unternehmer, die im Tagesgeschäft stecken.

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Beobachter: Bis diese Steuerungsmassnahmen wirken, ­dauert es. Solange decken Berufsleute aus dem Ausland den hiesigen Mangel an Fachkräften. Ist das im Interesse des Werkplatzes Schweiz?
Leuthard: Idealerweise hätten wir natürlich gern ­selber genügend gutausgebildete Leute, bloss ist das nicht geschehen. Ich bin daher froh um die Rekrutierungsmöglichkeit in der EU. Ohne sie hätten wir in den letzten drei Jahren deutlich weniger Wachstum erzielt. Aber die Zuwanderung stösst an Grenzen. Wir müssen bestrebt sein, die fehlenden Fachkräfte selber auszubilden. Und auch, genügend Kinder zu haben – damit fängt es effektiv an: Die Demographie besagt, dass wir ab 2015 zehn Prozent weniger Junge haben, die von der Schule in die Berufswelt wechseln.

Beobachter: Wenn es nach der Akademie der Wissenschaf­ten geht, sollen die jungen Leute künftig viel länger in der Schule bleiben: In einem Weissbuch stellt diese Gruppe die klassische Lehre als Auslaufmodell dar. Ihre Reaktion?
Leuthard:Das ist mir völlig unverständlich, ich teile dies überhaupt nicht.

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Beobachter: Hier ist Platz für das Plädoyer der Verteidigung.
Leuthard: Ich bin davon überzeugt, dass unser dua­les Berufsbildungssystem ein Erfolgsmodell ist. Zum einen wegen seiner Breite – vom zweijährigen Attest bis zum akademischen Titel offeriert es alles. Zum anderen dank seiner Durchlässigkeit: Wer will und die Fähigkeiten dazu hat, kann auch über eine Berufslehre den Master machen. Er bringt dann erst noch die Praxisbezogenheit mit, die auf dem rein akademi­schen Weg fehlt. Und Entschuldigung: Es sind nicht alle Kinder einfach Genies. Was soll mit denen geschehen, die schulisch nicht genug mitbringen, um eine Matur zu bestehen? Diese Menschen würden einfach abgehängt. Das ist schlicht nicht akzeptabel.