Die vier Inder und Pakistaner standen im Wallfahrtsort Einsiedeln buchstäblich auf der Strasse. Nichts zu tun, kein Geld, keine Unterkunft. So hatten sie sich das nicht vorgestellt, als sie im August 2003 ihre Ausbildung an der englischsprachigen Hotelfachschule «College Suisse – School of Hospitality Management» aufgenommen hatten. Satte 18'000 Franken hatten sie bereits in ihren Heimatländern für das erste Halbjahr hingeblättert.

Im zweiten Semester sollten sie den Hotelbetrieb eins zu eins in der Praxis kennen lernen. «Die Praktikumsplätze mussten wir uns selbst suchen», erklärten rund ein Dutzend Schüler gegenüber dem Beobachter. Gefunden hätten sie einzig Hilfsjobs in der Küche, meist in indischen Restaurants.

Die Fürsorge musste einspringen
Die vier Studenten, die keinen Job gefunden hatten, standen auf der Strasse. Die Schule war geschlossen. Es blieb ihnen nur der Weg zur Fürsorge. Sie erhielten Überbrückungshilfe, bis sie vom College wieder aufgenommen wurden.

Die Einsiedler Fürsorge ist SP-Nationalrätin Josy Gyr unterstellt. Sie ist entschlossen, dem College diese Auslagen zu verrechnen. «Es geht doch nicht an, die Gewinne zu privatisieren und die Kosten der Allgemeinheit zu überbürden», sagt die Parlamentarierin.

Werner Koch, Direktionsmitglied des «College Suisse», widerspricht den Studenten. Er habe für alle Praktikumsplätze organisiert. Ja, er habe sogar einen zweiten Platz gesucht, wenn der erste dem Hotelfachschüler nicht genehm gewesen sei. Ohne Praktikum seien nur jene geblieben, die überall davongelaufen seien. «Wenn einer Studentin selbst das Sport- und Kongresshotel auf dem Stoos, notabene ein Viersternehaus, nicht passt, kann ich auch nichts machen», sagt Werner Koch. Beim Sporthotel bestätigt man den Abgang der Studentin.

Die Kritik der Hotelfachschüler geht aber weiter: «Der Unterricht ist fachlich völlig ungenügend», klagt einer der Praktikanten. Einige Lehrer behandelten die Studenten wie Vieh, es herrsche Psychoterror. Zu zweit hausten sie in viel zu kleinen Zimmern mit Kajütenbetten.

Die Lehrer seien ausgesprochene Fachleute, wehrt sich Koch. Ein Beweis dafür sei, dass das «College Suisse» der Universität Birmingham angeschlossen sei, die zu den Top Ten der britischen Universitäten gehöre. Dort könnten seine Studenten ein Semester absolvieren. Die Verträge würden im April unterzeichnet. «Wo in der Schweiz, ausser an der Hotelfachschule Lausanne, haben Studenten schon eine solche Möglichkeit?», schreibt Koch in einer Pressemitteilung.

Bei der «Partneruni» unbekannt
Während der Ruf des «College Suisse» bei den indischen Studenten gelitten hat, kann sich Koch an der Universität in Birmingham eines tadellosen Images erfreuen: Dort kennt man das vermeintliche Partnerinstitut schlicht nicht. Kate Chappel, Press Officer der Uni: «Wir haben keinerlei Beziehungen zu dieser Schweizer Schule.»

Die Schule ist im «Katharinenhof» untergebracht. Koch betrieb diesen bis vor kurzem als Hotel und hält dessen Infrastruktur für sehr gut. Er zeigt dem Beobachter die Räume auch bereitwillig. Das ehemalige Hotel ist zwar in die Jahre gekommen, aber sauber. Der Grossteil der Unterkünfte ist mit Betten für zwei Studenten eingerichtet. Ans Lernen oder Arbeiten an einem Pult ist in den Miniaturzimmern nicht zu denken.

«Man kann ein altes Hotel nicht einfach als Hotelfachschule nutzen», sagt Kurt Imhof, Direktor der Schweizerischen Hotelfachschule Luzern. Die Schüler haben andere Ansprüche an Arbeitsplätze, Schulungsräume und Unterkünfte als die Entsagung suchenden Pilger, für die das Hotel als einfache Unterkunft ursprünglich konzipiert war.

Rechtlich ist die Umnutzung in Ordnung: In der Schweiz kann praktisch jeder eine Hotelfachschule eröffnen. Die Handels- und Gewerbefreiheit wird hochgehalten, der Kunde muss sich halt informieren.

Für Inder und Pakistaner ist das nicht so einfach. Der Prospekt zeigt wohl das Matterhorn, aber nicht die engen Zimmer. Das «College Suisse» ist keineswegs die einzige Hotelfachschule mit einem angeschlagenen Ruf. Martin Kisseleff, Präsident des Verbands privater Hotelfachschulen, kennt mehrere schwarze Schafe. Deren oft üble Machenschaften sorgten auch im Reich der Mitte für Schlagzeilen, mit Folgen für die ganze Branche in der Schweiz. Bis vor drei Jahren kamen aus China scharenweise Hotelfachschüler. «Seither», schätzt Martin Kisseleff, «ist der Chinamarkt um 50 Prozent eingebrochen.»

Dank dem Druck aus China reagierten auch die Schweizer Behörden. Das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) erstellte eine – geheime – «weisse Liste» der guten Privatschulen. Die Schweizer Botschaften im Ausland sollen die Interessenten allenfalls warnen. Nur ist das oft zu spät: Wenn die Studenten für ein Visum zur Botschaft kommen, haben sie das Schulgeld bereits überwiesen.

Ab Herbst wird das BBT auch für englischsprachige Schulen in der Schweiz ein Qualitätssiegel einführen. Das ist auch höchste Zeit. Die Einsiedler Nationalrätin Gyr dazu: «Schlechte Schulen schaffen ein Imageproblem für die Schweiz.»

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